Mittwoch, 14. mai 2008

„Kristall?“

Wir nutzen einen Kristall von fünfzehntausend Karat. Er soll liefern für den ganzen Flug bis zu eurer Raumbasis die Energie, und, falls etwas geht schief, auch noch so viel, dass ihr durchkommt gleich bis zur Erde. Dazu Kontakte müssen gepunktet werden. Das Anzapfen der Kristalle ist eine verdammt komplizierte Sache.“ Endlich hat Nonscho jemanden gefunden, der Dinge, die zum Allgemeinwissen jedes Ko gehören, noch nicht gehört hat, und ihre Beschreibung offensichtlich interessant findet. Nach der Panne tut es Nonscho gut, für jemanden wichtig zu sein.

„Ein so kleiner Kristall soll die Energie für den Flug bis zur Erde liefern?“

„Es reichte sogar ein halb so großer. Aber vielleicht braucht ihr Reserven.“

„Kann ich mir denn einmal ansehen, wie diese Kristalle funktionieren?“

Das ist eine peinliche Frage für Nonscho. Weder weiß er, wie und warum diese Kristalle genau funktionieren, aber vor allem kann man es nicht sichtbar machen. Shi rettet ihn aus dieser Verlegenheit.

„Aber sicher. Das sind doch die Kerne unserer Faulheit.“ Mit dieser Bemerkung im TS knüpft Shi scheinbar an das Gespräch an, das er zuvor mit dem Menschen geführt hat. Nonscho merkt jetzt erst, dass Shi den Kontakthelm wieder abgesetzt hat. Auf dem Rücken hat er funkelnde grüne und blaue Flecken. Nonscho wundert sich. Sollte sich Shi etwa mit dem Menschen wegen der von den Güllscho behaupteten Faulheit der Ko gestritten haben? Da möchte sich Nonscho besser zurückhalten. Er kommt aber gar nicht dazu, weiter über diese Frage nachzudenken, denn Shi leuchtet ihn an: „Sag mir Bescheid, wenn wieder etwas ist. Frag nur nicht, was jetzt gestört hat. Ich weiß es nicht. Bei mir funktionierten die Ströme sofort.“

Was Shi danach in den TS eingibt, ist offensichtlich nicht mehr für Nonscho bestimmt. Es scheint wieder an den vorangegangenen Streit anzuknüpfen: „Sieh, die Technologien, die die Kristalle haben ermöglicht, zugleich sind Segen und Fluch für unsere Gemeinschaft. Sie haben befreit uns schon vor langer Zeit von allen Sorgen der Energieversorgung. Die Materialisatoren schaffen heran alles Zeug, was eingeben wir ihnen. Die Eingabe erfolgt direkt, du hast gesehen es. Wir müssen nur denken genau an das, was wir brauchen, und schon ist es da.“

„Aber das Wichtigste ist es doch, Macht zu haben“, antwortet Mc Phearson. „Ihr habt als ganzes Volk unbeschränkte Macht über die Natur. Damit es bei euch weiter vorangehen kann, braucht ihr nur entschlossene Männer, die gezielt Macht auch über ihre Mitmenschen, ich meine Mitkraken, ausüben. Der Planet ist doch so reich!“

Ich weiß nicht, was du meinst mit Macht und reich. Das System funktionierte schon lange, bevor wir wurden geboren. Sieh, was immer man erzählt dir über die fehlende praktische Raumfahrt bei uns, es ist erst jetzt wahr. Frühere Ko haben gemacht auch Fehler, aber haben gemacht eben.

„Wie meinst du das?“

Nonscho überlegt erst, ob der Mensch ihn angesprochen hat, weil dessen kleine Augen auf ihn gerichtet sind. Aber da antwortet Shi schon. „Na, ganz einfach: Unsere Genügsamkeit hat verwandelt sich in Trägheit. Was sollen wir in einem Raum, in dem herrschen so viele unbekannte Gefahren? Was wir sollten suchen, wo wir haben doch alles? Ja, selbst ihr seid gekommen zu uns, wenn auch nicht ganz freiwillig.“

veröffentlicht in: Kori ado Ko Community: Linke Literatur & Toleranz
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