Donnerstag, 15. mai 2008

Nein, ich gehe nicht mit einem Gysi konform. Israel ist nichts von vornherein Akzeptables. Dem Volk der Juden stehen auf der Erde dieselben Rechte zu wie allen – und das meine ich so – allen anderen Völkern, also nicht nur nicht weniger, sondern auch nicht mehr.

Einverstanden. Das Volk der Juden hat weltweit mehr Verfolgung erlebt in der Geschichte als die meisten anderen. Der Holocaust, veranstaltet durch deutsche Faschisten, ist dabei nur die Spitze eines über Jahrhunderte gewachsenen Eisberges. Ein jeder werfe den berühmten ersten Stein, der sich da frei dünkt an Schuld.

Aber das ist Geschichte. Dass viele Faktoren zusammen kamen, die dem versprengten Volk eine Chance gaben, in einem eigenen Staat endlich bessere Normen des Zusammenlebens zu leben, ist letztlich egal. Der Staat Israel ist entstanden, die Kibuzzim enthielten Körner von Hoffnung, und niemand wäge ab, welche Gerechtigkeiten anderen Völkern ihre Staaten ermöglichten.

Trotzdem. Die Geschichte des Staates Israel sollte uns eine Lehre sein: Das Wissen darum, lange unterdrückt worden zu sein, verführt, den Spieß umzudrehen. Mit großer Selbstverständlichkeit ist ein Land vom Geist der Militanz durchdrungen, vom Gefühl, von allen Seiten Bedrohungen meistern zu müssen, obwohl die eigene Stärke inzwischen längst alle Seiten überholt hat. Das Volk, das einst von anderen Völkern gejagt und unterdrückt wurde, merkt kaum, dass es dies jetzt mit jenem Volk tut, das das Land, das Israel beansprucht, seit Jahrhunderten bewohnt hat. Kann man Ungerechtigkeiten mit andauernden Gegen-Ungerechtigkeiten ausmerzen? Wann war die Grenze überschritten? Sicher nicht, als die vereinigten feudalarabischen Staaten, die die Existenz des neuen Staates verhindern wollten, zurückgedrängt wurden. Ein Recht, sich zu wehren, hat jeder. Ein Recht, Atommacht zu sein, muss nicht jeder verwirklichen. Ein Recht, anderen ihren Umgang mit Atomenergie vorzuschreiben, nur weil er schon Atommacht ist, steht keinem zu. Zum Beispiel.

Denken wir daran, dass jüdische Israelis mit Palästinensern und anderen Völkern eines gemeinsam haben: Es sind Menschen. Das schließt eigentlich die Pflicht zur Menschlichkeit ein. Auch, nein gerade dann, wenn man der Starkere ist.

veröffentlicht in: politische Praxis Community: Linke Literatur & Toleranz
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