Inzwischen nehmen die Kraken keinen Anstoß mehr an sich frei in ihrer Siedlung bewegenden Menschen. Cole hofft, dass sich deshalb niemand über ihn wundert oder ihn gar anhält. Keine hektischen Bewegungen oder Gesten. So fiele er hoffentlich nicht auf. Shi hat ihm die Kraken als träge geschildert. Das muss sich jetzt erweisen. Die verbleibende Zeit bis zum Start hält Cole für zu kurz, um bis dahin das Fehlen von ein paar der kleinen Kristalle zu bemerken.
Viele Passanten betrachten Cole neugierig. Sicherheitshalber grüßt er alle mit „Glück und Gesundheit, Bruder!“ Die Kraken sehen sich so ähnlich, dass er nicht weiß, wem er schon einmal begegnet ist. Genauso wenig wagt er zu spekulieren, ob ihn jemand am selben Tag schon einmal gegrüßt hat und sich deshalb wundert, auch wenn das eher wahrscheinlich ist. Noch einmal lächelt er. Vielleicht sollte er später die Berichterstattung vor den Erdbewohnern über seinen Einsatz hier mit etwas mehr Gefahr und Risiken ausschmücken. Er kann doch nicht erzählen, dass er einfach einen Spaziergang zum Speicher der Ko gemacht, es dort keine Sicherungseinrichtungen gegeben habe und er demzufolge ohne Mühe die Glitzerkristalle in einem einheimischen Stoffbeutel hat fortschleppen können! Wenigstens mit Handstrahlern ausgerüstete Wachkraken sollte er in seinen Schilderungen vorkommen lassen. Das gehört einfach zu Monstern dazu. Er weiß, dass es keine gibt. Als er mit diesem Nonscho da gewesen ist, hat er zumindest keine entdeckt. Auch wenn es nicht danach aussieht: Jede Unachtsamkeit kann ihm immer noch einen Reinfall bescheren. (An einem Pokerabend im Offiziersklub würde er die Wahrheit preisgeben. Dabei würde er ein scheinbar verschwörerisches Lächeln zu unterdrücken versuchen und sich köstlich daran ergötzen, dass alle die eigentlich langweilige Wahrheit für einen guten Partywitz hielten.)
Wenn ihn sein Orientierungssinn in diesem Labyrinth nicht verlassen hat, dann ist er gleich da. Nur jetzt stimmt etwas nicht. Etwas ist anders als erwartet. Die Kraken in seiner Nähe bewegen sich schnell, fast hektisch, und das Unangenehmste ist, alle peitschen sich in seine Richtung vorwärts. Sollte sich Cole ausgerechnet den Termin einer besonderen Krakenveranstaltung in der Nähe des Lagerschuppens ausgesucht haben? Die hetzen ja an ihm vorbei wie bei einem Feueralarm!
Grübelnd bleibt er stehen. Er ist nun schon eine Weile auf diesem Planeten. Zwar verwöhnt das Übersetzungsgerät, denn es entbindet ihn davon, sich mit der fremden Sprache zu befassen; trotzdem hat er wenigstens den Gefühlsausdruck einiger Rückenfarben gelernt. Rot – vor allem so ein stechendes Rot – ist bisher nicht dabei gewesen. Das Verhalten der Kraken legt eigentlich nur eine Deutung nahe. Es ist eine Alarmfarbe wie auf der Erde. Ja, das hätte die Hast erklärt. Haben sie ihn durchschaut? Wie die Monster das mit dem Gedankenlesen machen, ist ihm noch immer rätselhaft. Brauchen sie nicht ihre seltsamen Einheiten, um sich als Partner gegenseitig oder einem Dritten ins Gehirn zu schauen? Warum sollten sie das bei ihm versuchen, wenn sie ihm nicht mehr misstrauen? Und – hätten sie ihn dann nicht schon früher aufgehalten oder eingekesselt? Er tastet nach seinem Strahler, stoppt aber in der Bewegung. Ihn durchzuckt die Erinnerung an das, was die Heiler nachher „Abschalten“ genannt haben.