Freitag, 20. juni 2008

Scha liegt völlig reglos in ihrem Kali. Ohne die innere Verbindung ihrer Einheit hätte Zschamm gedacht, es steckte kein Leben mehr in ihr. Aber ihr Gehirn ist hellwach. „Wir verstehen die Evolution dieser Menschen nicht. Dass die ihren Umgang mit anderen Wesen auf den Kampf um Besitz und Macht reduzieren, muss die Folge einer Katastrophe sein. Wenn wir bedenken, was sie an Mitteln besitzen, um mit der Natur umzugehen, ist nicht zu verstehen, warum sie nicht längst aus solch einem Stadium heraus sind. Wie auch immer: Sie sind es nicht.“

Scha hat es längst bemerkt. Auch Zschamm ist eigentlich davon überzeugt, dass sie eine Ungerechtigkeit begangen haben. Aber anstatt das einfach zuzugeben, versucht er weiter zu rechtfertigen, dass sie in den menschlichen Gehirnen eingeschriebenen Verhaltensmuster, mit denen die Menschen zu Monstern geworden sein könnten, ausgefiltert haben.

„Scha, wir haben uns gedacht, …“

„Wer ist wir?“

 „Wir jungen, die wir den Rat bald allein führen müssen. Also wir dachten uns, dass die Menschen wieder wie Erwachsene würden, wenn sie, also wenn du … Na, wenn du in die Unendlichkeit gehst, möchten wir am liebsten deine Verhaltensmuster in den Gehirnen der Menschen haben, damit sie gute Bewohner von Kori-ado-Ko werden.“

Scha-Schas Körper hebt und senkt sich regelmäßig. Sie sammelt zum letzten Mal ihre Gedanken. In der Zwischenzeit sind die Ko aus den Nachbarkubbons näher gekommen. Die Rücken aller Ko sind grau. Trauer ziemt sich nicht, wenn jemand die Unendlichkeit erreicht. Aber für die Gemeinschaft ist es auch kein Grund zur Freude.

„Zschamm, nein, das ist nicht richtig. Gebt diesen Wesen die Chance, als Menschen unsere Freunde zu werden. Unsere Welt lebt, unsere Werte sind nicht schlecht. Wenn wir den Kontakt zu sechs verirrten Menschen nicht ertragen, dann wären wir nicht so gut, wie wir uns einbilden. Mit ihrem eigenen Denken und Fühlen müssen sie entscheiden, ob wir ihnen bei ihrer Rückkehr auf ihren Heimatplaneten helfen sollen oder ob sie bei uns bleiben möchten. Und wir sollten sie fragen, ob wir die Kenntnisse aus ihren Hirnen für unser Leben gebrauchen dürfen. Bisher haben wir sie ihrer Vorstellungswelt nach gestohlen. Wir sollten sie achten. Und wir werden nicht besser, wenn wir uns bis in die Unendlichkeit darauf berufen, dass es umgekehrt Ihresgleichen waren, die unser Leben so missachtet haben.“

In diesem Moment spüren sie seltsame Wellen durch ihre Körper gehen. Es hat begonnen. Schon seit einer Weile hat der wolkenverhangene Himmel seinen Violetton verloren. Er scheint zu brennen. Tausende Ko flüchten in die Höhlen, die einst den Güllscho als Versteck gedient haben. Es ist wie ein Gewitter von bisher unerreichten Ausmaßen. Was sich draußen abspielt, sehen die Ko nicht. Sie nehmen an, dass kleine, mittlere, vielleicht auch große Bruchstücke des ursprünglichen Meteoriten in die Atmosphäre eindringen, dass ein Teil von ihnen den Boden erreicht. Immer wieder verraten Vibrationen neue Einschläge. Scha liegt ruhig in der Ecke. Wie viele andere erwartet sie den einen, den ganz großen Treffer. Ob sie den in ihrem Versteck erkennen würden? Vielleicht brechen dann die Höhlen zusammen und sie merken nichts mehr? Vielleicht ist ihre Siedlung längst in einem Krater verschwunden, sie haben den Einschlag nur nicht erkannt, und draußen wütet ein gnadenloses Feuermeer?

veröffentlicht in: Kori ado Ko Community: Linke Literatur & Toleranz
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