Freitag, 27. juni 2008
in den 68ern. Jedes politische Medium nutzt den Abstand von 40 Jahren mit seiner Art der Abrechnung mit einer einzigartigen Revoltezeit. Da wird viel Dreck geworfen durch die, die ihre Vergangenheit entsorgen wollen oder die, die beinahe enteignet worden wären; ein wenig wird verklärt... In der jW vom25. und 26.6. war es nun Thema und Winfried Wolf kam zu Wort. Ich erlaube mir (!!!), den Schluss so vergnüglich zu finden, dass ich ihn hier wiedergeben möchte:
"... Vier Lehren können aus der Erfahrung mit 1968 gezogen werden.

Erstens: Eine globale antikapitalistische Revolte ist notwendiger denn je. Die globale Revolte von 1968 fand zu einem Zeitpunkt statt, als höchstens am Rande von »multinationalen Konzernen« und noch nicht von einer »Globalisierung« die Rede war. Die Arbeitslosigkeit spielte im Westen kaum eine Rolle. In Westdeutschland und in großen Teilen Westeuropas war von der Existenz einer »Wohlstandsgesellschaft« die Rede. Ganz offensichtlich gibt es heute für eine globale Revolte weit gewichtigere Gründe als vor vierzig Jahren. Die jüngere globalisierungskritische Bewegung und die Antikriegsbewegung greifen viele Themen auf, die Grundlage einer solchen neuen Revolte sein könnten.

Zweitens: Eine globale Revolte ist möglich. Natürlich weiß heute niemand, ob es zu einer neuen antikapitalistischen Bewegung kommt. Allerdings wußte man das auch nicht im Vorfeld der 1968er Revolte. Grundsätzlich haben revolutionäre Ereignisse – etwa die französische Revolution von 1789 oder die deutsche Revolution von 1848 – zwar ihre ökonomischen und sozialen Wurzeln. Sie sind jedoch nicht vorherbestimmbar. Die unter der Oberfläche erfolgende Zuspitzung innerer Widersprüche und die Entwicklung einer breiten antikapitalistischen Stimmung dürften heute ähnlich fortgeschritten und auf weltweiter Ebene entwickelt sein wie im Vorfeld von 1968.

Drittens: Der subjektive Faktor spielt eine erhebliche Rolle. Die marxistische Theorie von Basis und Überbau, wonach letzten Endes die ökonomische Basis für den Überbau von Politik (Recht, Ideologie usw.) entscheidend ist, wird oft in objektivistischer und fatalistischer Weise fehlinterpretiert. Die Geschichte aller Revolutionen und die 1968er Revolte lehren, daß dann, wenn die objektiven Verhältnisse für gesellschaftliche Umbrüche herangereift sind, der subjektive Faktor – Individuen, vor allem aber organisierte Gruppen, Initiativen und Parteien – eine entscheidende Rolle spielen. Der westdeutsche SDS hatte auf dem Höhepunkt 1968 knapp 2000 Mitglieder. Die französische JCR zählte im Mai 1968 gar nur knapp 1000 Mitglieder. Nicht anders verhielt es sich mit dem US-amerikanischen SDS (»Students for a Democratic Society«) und mit den Black Panthers. Dennoch war die gesellschaftliche Wirkung dieser Gruppierungen immens.9

Viertens: Die Notwendigkeit einer radikalen, die Massen begeisternden Alternative. In einer neuen emanzipatorischen Revolte wird man zwar – um eine breitgetretene Formulierung aufzugreifen – die »Leute dort abholen müssen, wo sie stehen«. Die aktuelle soziale Frage wird also im Zentrum stehen müssen. Doch die Erfahrung mit 1968 lehrt (und der aktuelle Zustand des Kapitalismus legt nahe), daß eine solche Revolte dann Massen bewegt, wenn sie eine grundsätzliche Alternative zum Kapitalismus offensiv auf die Tagesordnung setzt. Eine Passage aus dem Spiegel-Interview mit Rudi Dutschke 1967 ist hierfür aufschlußreich. Dutschke entwickelte darin das Modell einer direkten Demokratie mit Räteherrschaft und Mehrparteiensystem. Er argumentierte dann, daß selbst in einer sozialistischen Gesellschaft sich »die Menschen dauernd ihrer selbst verunsichern (müssen), damit sie fähig werden, alle sich neu ergebenden Möglichkeiten – Reduktion der Arbeit, Entwicklung sinnlicher Phantasie, Abschaffung von Elend und Krieg – zu verwirklichen«.

Darauf unterbricht ihn der Spiegel-Interviewer mit dem Einwand: »Was Sie da ausmalen – ist das nicht der biblische Garten Eden?« Darauf Dutschke:»Ja, der biblische Garten Eden ist die phantastische Erfüllung des uralten Traums der Menschheit. Aber noch nie in der Geschichte war die Möglichkeit der Realisierung so groß.«"
veröffentlicht in: politische Praxis Community: Linke Literatur & Toleranz
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