Unter der Überschrift "Parlamentarismus ist nicht
demokratisch" veröffentlichte die "junge Welt" am Wochenede ein Interview mit Alan Cotrell, Koautor von "Alternativen aus dem Rechner", und zwar dem Autor der eher gesellschaftlichen
Perspektiven (nicht der technischen Details, er ist Professor an der Universität Wake Forest in den USA für die Gebiete Makroökonomie und Ökonometrie.).
Nachfolgend nun Frage für Frage:
Können Sie Ihr Modell eines technologischen Sozialismus im Detail erklären?
Im Detail? In einem Interview nicht wirklich! Für jeden, der die Details wissen will, haben Paul Cockshott und ich 1993 unser Buch »Towards a New Socialism« – in der deutschen Ausgabe 2006
»Alternativen aus dem Rechner« – geschrieben, das im Internet unter
www.ecn.wfu.edu/~cottrell/socialism_book/
verfügbar ist. Ich kann hier nur einen kurzen Überblick geben.
Zunächst: Ich selbst würde unseren Vorschlag nicht »technologischen Sozialismus« nennen, obwohl richtig ist, daß die Informationstechnologie aus unserer Sicht eine Schlüsselrolle im Dienst
sozialistischer Ziele spielen kann. Im Grunde ist das, was wir befürworten, eine Kombination von drei Dingen: Planung der gesamten Volkswirtschaft, die Verwendung der Arbeitszeit als
Abrechnungseinheit und Kostenermittlungsprinzip sowie ein demokratisches System, das sowohl direkte Demokratie als auch statistische Repräsentation, also Auswahl durch Los, verkörpert.
Zwei Erläuterungen, wie diese Ideen zusammenwirken könnten: Erstens. Eine Hauptentscheidung, mit der eine Gesellschaft konfrontiert wird, besteht in der Prioritätensetzung: Wieviel unserer
Ressourcen sollte in das Gesundheitswesen, wieviel in die Weltraumforschung, wieviel in den Umweltschutz usw. gehen? In unserem Modell wird die Antwort auf diese Fragen durch den Anteil
gesellschaftlicher Arbeitszeit ausgedrückt, der für verschiedene Aktivitäten aufgewendet werden muß, und diese Entscheidung wird durch direkte Volksabstimmung getroffen – z. B. so, daß eine Anzahl
von ausgearbeiteten Planvarianten zur Auswahl vorgelegt wird, die jede für sich bilanziert sind und im Rahmen der gesellschaftlichen Möglichkeiten bleiben, aber eben unterschiedliche Prioritäten
setzen. Diese Varianten könnten von Ausschüssen vorbereitet werden, die sich aus Fachleuten und – um eine repräsentative Auswahl sicher zu stellen – zufällig ausgewählten Bürgern
zusammensetzen.
Zweitens wollen die Leute, daß sie ihr Präferenz»bündel« an Verbrauchsgütern wählen können und diese effizient produziert werden. In unserem Modell werden die Leute in Arbeitsgutscheinen für ihre
Arbeit bezahlt, einer pro Arbeitstunde. Nach der Besteuerung können sie sich entscheiden, für welche Produkte – die mit ihrem Arbeitsinhalt in Stunden als »Preis« ausgezeichnet werden – sie diese
Gutscheine verwenden wollen. In jeder Periode wird der Plan angeglichen, um mehr von den Gütern, die relativ zur Nachfrage knapp sind, und weniger von jenen zu produzieren, die nicht so beliebt
sind. So haben wir eine Art »Markt«, aber ohne Geld und nicht vom Profit getrieben, sondern von der Bereitschaft der Menschen, Stunden ihrer eigenen Zeit für den Erwerb verschiedenen Güter
herzugeben.
Technologie kommt hier dadurch ins Spiel, daß es eine sehr große, aber lösbare Aufgabe ist, den Arbeitsinhalt von allem zu berechnen. Und es ist ein Problem von im Grunde der gleichen
Größenordnung, einen gangbaren, ausgeglichenen Plan aufzustellen. Indessen ist das grundlegende Kriterium für die Auswahl zwischen alternativen Produktionsmethoden die Minimierung der
erforderlichen Arbeitszeit.
FF.
bisher erschienen:
Wieder Sozialismus
aus dem Rechner