Abgesang auf Kuba

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Den folgenden Artikel, der in enger Abstimmung mit dem kubanischen Fremdenverkehrsamt entstanden sein muss, empfand ich als Quelle von Traurigkeit - und dies aus mehreren Gründen:

Er riecht bereits nach Vermarktung einer Revolution. Kommt an unsere Strände, weil ihr dort noch Spuren der leibhaftigen Castros begegnen könnt - vergleichbar mit Che-T-Shirts, die eigentlich nichts Revolutionäres mehr an sich haben. Horror Picture Show - so war hier der Sozialismus.

Mit der Beschreibung der inneren Verhältnisse wird direkt die Zersetzung des revolutionären Gedankens beschrieben. Es wachsen offensichtlich die Schichten, die die kapitalistische Marktwirtschaft für sich als Segnung empfinden müssen. Genaugenommen hält die USamerikanische Blockade künstlich ein Sozialismus-Zerrbild am Leben. Die Revolution geschwächt dient der Schaden, den die Blockade anrichtet, als Beweis für die Unfähigkeit der sozialistisch orientierten Wirtschaftsweise.

Dem Zwang der (touristischen) Selbstvermarktung folgend verwandeln die kubanischen Staatsmarktkoziakapitalisten ihre Strände in Betonwüsten. Um zu verdienen, so erscheint hier der Eindruck, haben sie nichts Dringenderes im Sinn, als dass an jeder freien Stelle all inclusive Hotelkomplexe nebeneinander emporwachsen, sodass letztlich bald pro Tourist noch 0,2 qm Strand übrig bleiben - Aufruf an Interessierte, schnell noch jetzt zu kommen, bevor es soweit ist. Vielleicht eine Werbemasche. Selbst dann eine Schattenseite des Kapitalismus.

Ergo ... dieser Artikel gibt erstmals evtl. ungewollt (das Jaulen der offenen Feinde jedes nichkapitalistischen Ansatzes klammere ich bewusst aus) ein Verteidiger des Sozialismus ihn in Kuba praktisch verloren ...

 

07.06.2013 / Kapital & Arbeit / Seite 9Inhalt

Europa fliegt auf Kuba

Auf der Tourismusmesse in Varadero präsentierte sich die sozialistische Karibikinsel als ­prosperierendes Ferienparadies. Weiterer Ausbau des Wirtschaftszweiges geplant

Von Harald Steiner
Sonne, Meer und Strand, eventuell noch Rum und heiße Rhythmen – das gibt es an vielen Orten auf der Welt. Wenn aber Urlauber Kuba als Ziel auswählen, hat das noch einen anderen Grund: das politische System. Nicht wenige Touristen nennen als Motiv, sie wollten den Staat unter der Ägide der Castro-Brüder erleben, die Karibikinsel kennenlernen, solange die noch »unzeitgemäß« sozialistisch ist. Sie wissen um sehr geringe Kriminalität, den hohen Standard des Gesundheitswesens, die Warmherzigkeit und Offenheit der gut gebildeten Gastgeber.

Nach dem Kollaps der Sowjetunion und der mit ihr verbündeten Länder gingen übriggebliebene Staaten mit Planwirtschaft verschiedene Wege. Während sich Nordkorea abschottete, setzte die Regierung in Havanna in der Not auf Öffnung. Der Außenhandel war faktisch zusammengebrochen, denn 80 Prozent des Warenaustauschs wurden bis 1989 mit den Staaten des realen Sozialismus abgewickelt. Kuba fiel praktisch in eine vorindustrielle Phase mit drückender Mangelwirtschaft zurück. Der kleine Staat mit seinen gut elf Millionen Einwohnern, ohnehin seit mehr als 50 Jahren im Würgegriff des US-Embargos, schien ökonomisch am Ende. In dieser Situation entschloß sich die Führung, auf den massiven Ausbau des Tourismus und auf Jointventures mit ausländischen Hotelbetreibern zu setzen.

Die Erfolge zeigen sich auf der jährlichen Internationalen Tourismusmesse FIT Cuba. Die fand im Mai in der Urlaubsmetropole Varadero statt. Neben 1200 Vertretern von Reiseveranstaltern und Fluglinien waren auch 110 Pressevertreter aus aller Welt geladen, darunter fünf deutsche.

Varadero bedeutet »Platz, wo ein Schiff Grund berührt« und umfaßt eine 22 Kilometer lange und etwa einen Kilometer breite Halbinsel 140 Kilometer östlich von Havanna. Sie besitzt einen fast durchgehenden feinen Sandstrand und eine seichte Uferzone. Wo vor 150 Jahren Salz gewonnen wurde, stehen heute mehr als 50 Hotels mit über 20000 Zimmern. Die meisten zählen zum 4- und 5-Sterne-Sektor, und fast alle werden nach der All-Inclusive-Methode bewirtschaftet. Fast die Hälfte aller touristischen Kuba-Aufenthalte findet hier statt.

Kubas Tourismusminister Manuel Marrero Cruz berichtete über die Entwicklung des Wirtschaftszweiges. Und die kann sich sehen lassen: Im vergangenen Jahr nahm die Zahl der Urlaubsgäste um 4,5 Prozent auf 2838607 zu (in der ganzen Karibikregion waren es 21 Millionen). 36 Airlines fliegen derzeit Kuba an. Havanna soll einen moderneren Flughafen nach dem Vorbild des Moskauer Airports Domodedowo bekommen, der neue Frachthafen bei Mariel befindet sich kurz vor der Fertigstellung. Die malerische Hafenbucht von Havanna wird dann nur noch touristischen Zwecken dienen.

Neue Hotels sind in Havanna und in Trinidad geplant. Das Städtchen in der Provinz Sancti Spíritus besticht durch sein koloniales Architekturerbe. Für den All-Inclusive-Tourismus sollen weitere, noch unverbaute Strände erschlossen werden. Anläßlich der anstehenden 500-Jahres-Jubiläen wichtiger kubanischer Städte zwischen 2014 und 2019 werden auch die Besichtigungs- und Kulturreisen neuen Auftrieb erhalten.

Ein Land hemmt weiter den touristischen Aufschwung Kubas mit einem Fremdenverkehrsembargo – die USA. Seit den Tagen von Präsident John F. Kennedy ist es US-Bürgern untersagt, nach Kuba zu reisen. Kubanische Grenzbeamte stempeln daher bei allen Urlaubern lediglich die Touristenkarten ab, nicht aber die Reisepässe, um Besucher, die über Drittländer einreisen, nicht dem Risiko von Repressalien durch US-Behörden auszusetzen. Ohne das Embargo könnte Kuba mit fünf Millionen zusätzlichen Besuchern pro Jahr rechnen. So aber haben Europas Reiseveranstalter und Hotelbetreiber (allen voran die spanische Hotelkette Sol Melia), keine US-Konkurrenz. Sie profitieren auch von minimaler Steuerlast und geringen Lohnkosten. Dennoch: Bei der Eröffnung eines neuen Jachthafens in Varadero mit 1300 Anlegeplätzen wurde wohl auch an eine mögliche Zukunft mit US-Gästen gedacht.

Kuba ist nicht der einzige Staat der Welt, der den Tourismus lenkt, und auch nicht der einzige, bei dem die Schattenseiten des Geschäfts sichtbar werden. Das enorme Wohlstandsgefälle zwischen Einheimischen und Urlaubern hat Formen von Kleinkorruption und illegaler Geschäftemacherei, den sogenannten Jineterismo, hervorgebracht. Viele junge Leute setzen nicht mehr auf eine solide Berufsausbildung, sondern auf das schnelle Geld, das mit den Besuchern zu machen ist. Eine Art Zweiklassengesellschaft hat sich herausgebildet – es gibt diejenigen, die vom Tourismus auf die eine oder andere Art profitieren, und diejenigen, die mit ihrem äußerst mageren staatlichen Einkommen auskommen müssen.

Um wirtschaftlich zu überleben, muß Kuba den weiteren Ausbau des Fremdenverkehrs forcieren. Deutsche bilden einen wichtigen Teil des Gästeaufkommens. Die Airline Condor, die Havanna, Varadero und Holguin anfliegt, hat die Verbindung München–Santa Clara ganz neu im Programm. Ein Beitrag zum »Revolutionstourismus«, befinden sich doch in Santa Clara Mausoleum und Monument für Ernesto »Che« Guevara und dessen Mitkämpfer. Daß etwa 40000 Kubaner Deutsch sprechen, häufig in der DDR erlernt, trägt dazu bei, die Insel hierzulande zu einem noch beliebteren Reiseziel zu machen.

Infos: Kubanisches Fremdenverkehrsamt, Tel.: 069–288322,www.cubainfo.de

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Veröffentlicht in Venezuela u.a.

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