An den G-Punkt gehen ...

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In einer Überschrift von G-Punkt zu sprechen und damit keine weibliche Intimität zu meinen, ist eine Erfindung der Tageszeitung "junge Welt" - zumindest für mich. Der "Gerechtigkeit" damit den entsprechenden Rang zuzuteilen ist in Zeiten von "UmFAIRteilen" besonders angebracht.

Eigentlich ist das Ganze ja eine Rezension auf ein Buch zum Thema, das offenbar aus marxistischer Sicht zu antworten versucht, warum etwas "gerecht" ist. Ganz offensichtlich wird dabei dargestellt, wie konkret gesellschaftlich gebunden diese Bewertung "gerecht" ist.

Mir fällt bei dieser Gelegenheit das Bild vom urwüchsigen Bewohner der Erde ein. Er würde eben nicht fragen, ob es gerecht ist, dass den einen viel und den anderen so wenig Anteil an der Erde gehört (und über Umverteilung zur Abmilderung dieses Missverhältnisses diskutieren), sondern er würde einfach feststellen, dass die Erde da ist, und "gerecht" finden, dass Menschen leben, die im Einklang mit dieser Erde leben.

Dummerweise habe ich zu dem besprochenen Buch ein sehr eigenes Problem: So schön es ist, wenn ein Philosoph uns erklärt, was warum "gerecht" ist ... ist es "gerecht", dass die, die am meisten von seinen Betrachtungen hätten, sich sehr wahrscheinlich die erforderlichen 44 Euro nicht leisten können? Wenn also die, die darüber bestimmen, was gerecht ist, bestätigt bekommen, dass sie das tun, und sich eins grinsen dabei?!

 

Am G-Punkt der Gesellschaft

Gerechtigkeit und der bürgerliche Begriff davon: Eine grundlegende Untersuchung des Philosophen Elmar Treptow

Von Reinhard Jellen
Die Ideale der bürgerlichen Gesellschaft ließ Karl Marx allenfalls als heroische Selbsttäuschungen im Kampf gegen den Feudalismus gelten, generell stellten sie aber für ihn ideologische Konstrukte dar, hinter deren hochtrabenden Formulierungen sich faktisch ein kümmerlicher Inhalt verbirgt. Ihn scheint weniger ihre Existenz an sich interessiert zu haben, als die Art und Weise, wie sie sich an der Wirklichkeit blamieren (eine Sphäre, in der bekanntlich nicht Phrasen, sondern materielle Interessen den Ausschlag geben).

Selten fällt im Gesamtwerk von Marx und Engels der Begriff »Gerechtigkeit« (in Marx’ klassischer Gerechtigkeitsschrift etwa, der »Kritik des Gothaer Programms«, genau einmal). Wenn überhaupt, wird das G-Wort abwertend gebraucht, etwa, um den theologisch-abgehobenen Charakter einer Aussage zu unterstreichen oder die Hohlheit einer Phrase herauszustellen. Auch die Marxistin Rosa Luxemburg hat den Terminus gern im Zusammenhang mit wenig schmeichelhaften Prädikaten wie »Limonade« oder »klapprige Rosinante« verwendet. So verwundert es auf den zweiten Blick vielleicht nicht, daß nach dem Tod von Marx gut 130 Jahre vergehen mußten bis zur ersten grundlegenden Untersuchung des Themas aus marxistischer Sicht.

Vorgelegt hat sie der emeritierte Philosophieprofessor Elmar Treptow, dessen Denkart – wie sich unschwer auch an diesem Buch feststellen läßt – nicht nur auf den Theorien von Marx fußt, sondern auch den Einsichten von Aristoteles und Hegel wesentliches zu verdanken hat. Treptow schiebt dem Gegenstand nämlich nicht, wie sonst üblich, eine überzeitliche Norm unter, mit der dann die Empirie kritisiert werden soll, sondern er analysiert die Gerechtigkeit im Kapitalismus systematisch, stellt ihre spezifischen Bedingungen und Verlaufsformen dar und macht die dazugehörende bürgerliche Theoriebildung als gedankliche Komplementärbewegung zu einer besonderen historischen Praxis kenntlich. Die Kritik am Gegenstand ist dessen wissenschaftlicher Rekonstruktion immanent.

Mit Marx kennzeichnet Treptow als entscheidenden Widerspruch in der kapitalistischen Gesellschaft, daß die von unterschiedlichen Positionen aus am Markt teilnehmenden Menschen auf abstrakte Weise gleichgemacht werden, wodurch sich die vorhandenen Ungleichheiten potenzieren: Da die Waren auf dem Markt allgemein nach dem Wertgesetz, also nach dem Prinzip der darin durchschnittlich gesellschaftlich notwendig verausgabten Arbeitszeit getauscht werden, haben Marktteilnehmer einen Wettbewerbsvorteil, die mit größerer Geschwindigkeit produzieren. Sie können die Waren billiger feilbieten. Es wird also zu scheinbar gleichen Bedingungen getauscht, die Voraussetzungen sind aber ungleich, so daß aus Gleichbehandlung Ungleichheit resultiert.

Das findet seine Fortsetzung auf dem Arbeitmarkt, wo sich Lohnabhängige und Kapitalisten als Vertragspartner gegenüberstehen: Da von den konkreten Bedingungen des Lohnarbeitsverhältnisses, dem Besitz bzw. Nichtbesitz von Produktionsmitteln, abstrahiert wird, entsteht daraus gleichfalls eine wachsende Ungleichheit: Der Lohnabhängige muß länger arbeiten als zum Erhalt seiner Arbeitskraft notwendig, während der Kapitalist diesen Mehrwert einstreicht und wieder zum Zweck der Geldvermehrung als Kapital investieren kann.

Dies führt nicht nur dazu, daß der Anteil technologischer Komponenten im Vergleich zur menschlichen Arbeit stetig zunimmt, sondern hat auch zur Folge, daß sich das Kapital als sachliche Gewalt konsolidiert und eine Eigenlogik entwickelt. Es kommt zu einer zunehmenden Verkehrung von Mensch und Sache: Der Waren- und Profitkreislauf entwickelt eine Eigendynamik, der sich alle unterzuordnen haben. Weitere Bevölkerungsgruppen werden unter das Kapitalverhältnis gepreßt. Aus der so freigesetzten Ungleichheitsspirale (deren Voraussetzung die der Industrialisierung vorangegangene Scheidung der ländlichen Produzenten von ihren Produktionsmitteln war) resultieren dann Diskrepanzen zwischen den produzierten Waren und der zahlungskräftigen Nachfrage, welche die Grundlage für soziale Krisen bildet.

Der Clou an Elmar Treptows Konzeption besteht nun darin, daß er diese wachsenden Ungleichheitsbeziehungen nicht von überhistorisch-moralischer Warte aus verwirft, sondern zeigt, daß sie dem bürgerlichen Begriff von Gerechtigkeit voll und ganz entsprechen. Dieser basiert wesentlich auf dem Prinzip der Vertragsgleichheit, operiert mit der Tauschgerechtigkeit und ist auf die größtmögliche und kurzfristige Vermehrung der Investitionen ausgerichtet. Sobald eine bestimmte Position ausgehandelt wurde und per Vertrag fixiert ist, ist deren Befolgung nach kapitalistischen Maßstäben gerecht. Ungerecht erscheinen dann nur noch Vorgehensweisen, die diesen Beziehungen entgegenstehen, wie etwa direkte physische Gewalt, Betrug, Sklaverei, Korruption, Insidergeschäfte, Verstöße gegen das Kartellrecht und sonstige Übertretungen vertraglicher und gesetzlicher Bestimmungen.

So ist es nach Treptow im Kapitalismus gerecht, wenn jemand, der unverschuldet arbeitslos wird, vor dem Bezug staatlicher Leistungen erst einmal sein Vermögen abschmelzen muß, während Manager, die Unternehmen an die Wand fahren, mit großzügigen Abfindungszahlungen belohnt werden. Dies ist zwar eine außerordentliche Ungleichbehandlung, gleichzeitig aber auch Ausdruck eines bestimmten Kräfteverhältnisses zwischen Lohnarbeit und Kapital, welches – wie etwa die Lohnquote – nicht nur aus der ökonomischen Sachzwanglogik resultiert, sondern auch Ergebnis von außerökonomischen Auseinandersetzungen, mithin also ein Resultat von Klassenkämpfen (die ja heutzutage vorzugsweise von oben geführt werden), ist. Solange nicht gegen bestehendes Recht verstoßen wird, stellen diese sozialen Diskrepanzen im Kapitalismus keine Ungerechtigkeit dar.

Weiter ist nach Treptow für die Auseinandersetzungen zwischen Lohnarbeitern und Kapitalisten charakteristisch, daß die Durchsetzung von Interessen diese untergräbt und errungene Vorteile sich mit der Zeit in Nachteile verwandeln, weswegen eine gestärkte Nachfrage- bzw. Angebotspolitik die Interessen der Tarifparteien gleichzeitig fördert und torpediert: Bei großen Lohnzuwächsen ist es möglich, daß sich Waren verteuern und schlechter absetzen lassen, was zu Konkursen und Arbeitslosigkeit führen kann. Andererseits ist es, wenn die Löhne ein gewisses Niveau unterschreiten, nicht unwahrscheinlich, daß die hergestellten Waren keinen Absatz finden, was wiederum die Profite schmälert und ebenfalls zu Konkursen und Arbeitslosigkeit führt.

Dementsprechend fraglich ist es beim momentanen Stand der gesellschaftlichen Produktion – die Produktivität hat die Akkumulation von Profiten deutlich überholt – ob die von Teilen der Linkspartei und Gewerkschaften heftig propagierte, weiterhin auf Vermehrung der Investitionen ausgerichtete Angebots­politik dazu angetan wäre, die aktuellen Krisenerscheinungen mehr als nur zeitweise zu kompensieren. Da von der Verteilung der Produktionsmittel bereits wesentlich die Verteilung der Konsumgüter abhängt, wäre es besser, statt für höhere Löhne allein zu kämpfen, einen Kampf gegen das Lohnarbeitsverhältnis überhaupt zu führen. Dieser Kampf, der nicht aufgrund einer abstrakten Norm, sondern der Einsicht in die in der Gesellschaft obwaltenden Tendenzen, Widersprüche und Möglichkeiten geführt werden muß, ist wiederum kein Unrecht, weil sich darin eine neue Gesellschaftsformation Bahn brechen kann. Das Gerechtigkeitsprinzip einer spezifischen Produktions- und Gesellschaftsformation, nämlich die abstrakte Tauschgleichheit, würde von dem einer anderen abgelöst werden. Damit wäre ein zentraler Gedanke des Buches einigermaßen umrissen. Wer sich über die anderen 30000 Gedanken darin informieren möchte, sollte es sich besorgen.

Elmar Treptow: Die widersprüchliche Gerechtigkeit in der kapitalistischen Gesellschaft - Eine philosophisch-ökonomische Kritik. Weidler Verlag, Berlin 2012, 315 Seiten, 44 Euro

jW

Veröffentlicht in Theorie

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