Auch eine Form der Delegitimierung der DDR - der böse Strittmatter ...

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Reden statt totschweigen

Wir haben aus der Lausitzer Rundschau erfahren, dass sich die Fraktion aus SPD, FDP und Pro Georgenberg / Slamen der Spremberger Stadtverordnetenversammlung gegen eine Ehrung zum 100. Geburtstag des Schriftstellers Erwin Strittmatter im August des kommenden Jahres ausspricht. Als Grund wird seine ungeklärte Rolle in der NS-Zeit angegeben und dass er sich beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts freiwillig angedient habe – und deshalb einer Ehrung nicht würdig sei.

Wir sind befremdet und verwundert, dass Spremberger Politiker sich so einer Auseinandersetzung mit Erwin Strittmatter und unserer deutschen Geschichte entziehen wollen. Denn anders kann ein solcher Entschluss wohl nicht verstanden werden. Für uns im VS, Verband deutscher Schriftsteller in der ver.di organisierte Autoren ist der literarische Wert seines Lebenswerkes unbestritten und kann auch durch eventuelles politisches oder menschliches Fehlverhalten nicht geschmälert werden. Die Fraktion erklärt sich mit ihrem Entschluss zu einer moralischen Instanz. Aber lässt sich auf dieser Basis noch weiter denken, noch weiter diskutieren, noch weiter schreiben?

Wir halten es vielmehr für sinnvoll, den 100. Geburtstag von Erwin Strittmatter zu nutzen, um genau die Fragen zu diskutieren, die er uns mit seinem Werk und seinem Leben gestellt hat. Zum Beispiel: Welchen persönlichen Spielraum hat ein Mensch innerhalb eines Staates? Wie verändert sich dieser Spielraum in verschiedenen Staatssystemen? Was erwartet die Gesellschaft von ihren Autoren?

Unserer Meinung nach ist das letze Wort zum Leben Erwin Strittmatters und zu seinem Werk noch nicht gesprochen. Deshalb würden wir gern in einen vielstimmigen Dialog mit der Fraktion aus SPD, FDP und Pro Georgenberg / Slamen der Spremberger Stadtverordnetenversammlung und mit den Spremberg Bürgern treten. Dass wir die Wahrheit aufdecken, ist unwahrscheinlich. Unwahrscheinlich ist auch, dass wir zu einem moralischen Urteil kommen werden. Aber wenn wir es schaffen würden, einander zuzuhören, wäre schon einiges gewonnen.

(=Entwurf der Presseerklärung des Brandenburgischen Schriftstellerverbandes)

 

Dies ist die vorsichtige Reaktion hierauf:

 

Lausitzer Rundschau 

Spremberger SPD bricht mit Ehrenbürger Erwin Strittmatter

Spremberg Geschlossen verweigert sich die Spremberger SPD dem Plan des früheren CDU-Bürgermeisters Egon Wochatz, den Schriftsteller Erwin Strittmatter zu seinem 100. Geburtstag öffentlich zu ehren. In einem neuen Positionspapier erklärt die SPD: Strittmatter habe sich beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts freiwillig angedient – und sei deshalb einer Ehrung nicht würdig.


Ein Riss zieht sich durch Spremberg. Auf der einen Seite stehen die Bürger, die Erwin Strittmatter verteidigen. Zu ihnen zählt Egon Wochatz, der eine Arbeitsgemeinschaft gründen will, mit Bürgermeister Klaus-Peter Schulze (CDU) an der Spitze. Und diese Arbeitsgemeinschaft, so schwebt es Egon Wochatz vor, soll eine Gedenkveranstaltung für den 19. August 2012 im Erwin-Strittmatter-Gymnasium vorbereiten. 

Der Haken: Klaus-Peter Schulze hat die Übernahme einer Schirmherrschaft für das Strittmatter-Jubiläum bereits abgesagt. Seine Begründung lautet: „So lange die Militärvergangenheit Strittmatters und seine Rolle in der NS-Zeit nicht eindeutig geklärt sind, lehne ich das ab.“ 

Und damit steht er auf der anderen Seite, die in einer denkwürdigen Koalition gipfelt. Ihr gehören mehrere CDU-Mitglieder an – und allen voran die SPD, deren Fraktionschef Andreas Lemke am Montagabend während der Konferenz des Hauptausschusses im Bürgerhaus erklärte: Mit seiner Partei werde über eine Ehrung des Schriftstellers Erwin Strittmatter nicht zu verhandeln sein. 

Die Argumente der SPD-Fraktion beziehen sich dabei sowohl auf das Leben des Spremberger Autoren im Nationalsozialismus als auch in der DDR. 

Vielleicht hatte Erwin Strittmatter einst sogar geahnt, dass eines Tages ein heftiger Streit um seine Biografie entbrennen würde. Zumindest scheinen in seinen literarischen Werken wertvolle Erkenntnisse durch, die er nach Ansicht vieler Zeitzeugen wohl im persönlichen Umgang vermissen ließ: „Eine der zersetzendsten menschlichen Eigenschaften ist der Selbstbetrug“, schrieb er im Jahr 1987 in seinem Buch „Lebenszeit“. 

Mehr dazu lesen Sie in der morgigen Ausgabe.

René Wappler


Veröffentlicht in politische Praxis

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