Ausgefuchstes (1)

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Der Juli-Rotfuchs enthält eine nicht unbedeutende Zahl von Artikeln unterschiedlicher Art, die man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte.

Ich beginne als Totalindividualist mit der "rein menschlichen" Seite.

Der nachfolgende Artikel erinnert mich an einen Grundsatz, den ich für den allerwichtigsten halte:

Die Qualität einer Gesellschaft / Gemeinschaft erkennt man an der Art, in der sie mit ihren Schwachen, Gestrauchelten, nicht im Sinne dieser Gesellschaft voll Funktionierenden umgeht. Das Beispiel greift einen Straffälligen auf. Das trifft aber für alle zu, die zu einem Zeitpunkt - egal ob selbst hauptschuldig oder nicht - nicht zu den "Leistungsträgern" zählen.Mit welchem Recht lassen "wir" sie liegen? (Zyniker würden sagen, an solchen wie dem unten Geschilderten ist die DDR gescheitert.)

 

Tragisches Ende

Über einen Gestrauchelten, der zu DDR-Zeiten niemals ins Bodenlose gestürzt wäre

 

1982 begann ich in meiner Heimatstadt Gransee beim dortigen VEB Mühlenwerk mit der Müllerlehre. Ich hatte die 10. Klasse der Polytechnischen Oberschule erfolgreich abgeschlossen und – wie in der DDR üblich – kein Problem, einen Ausbildungsplatz zu finden. Müller war zwar nicht unbedingt mein Traumberuf, aber irgendwann wuchs ich doch in diese Tätigkeit hinein. 

Auf gewisse Art hatte daran auch ein sehr ungewöhnlicher Kollege Anteil, der im Laufe der Zeit zu einem meiner engsten Freunde werden sollte. 

Es muß 1983 gewesen sein, als uns in der Mühle die alle überraschende Nachricht erreichte, man werde uns einen neuen Kollegen zuteilen, der straffällig geworden sei und wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden müsse. Auch das war in der DDR Normalität: Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren, steckte man nach ihrer Haftentlassung sofort in ein Arbeitskollektiv, um ihnen die Rückkehr in die Gesellschaft zu erleichtern. Die Paragraphen 46 und 47 des Strafgesetzbuches der DDR verpflichteten dieses ausdrücklich, solche Mitbürger besonders zu unterstützen. Denn niemand wurde fallengelassen!

Natürlich rief die Nachricht bei den Kollegen, die es betraf, nicht gerade Begeisterung hervor. Denn auch in der DDR waren Straftäter stigmatisiert. Man begegnete ihnen mit Mißtrauen. Auch wir Granseer Müller waren davon nicht frei.

An Franks erste Tage in der Mühle erinnere ich mich noch recht gut. Er war nur ein halbes Jahr älter als ich, und so fanden wir trotz anfänglicher Scheu auf beiden Seiten schnell einen Draht zueinander. 

Die anderen Kollegen begegneten ihm auf unterschiedliche Weise. Manche verhielten sich zunächst distanziert, andere öffneten sich ihm. Da er wegen mehrerer Eigentumsdelikte gesessen hatte, gab es natürlich niemanden, der sein Spind nicht gründlich sicherte. Frank suchte sich still einzufügen, und mit der Zeit merkten alle, daß er ein durchaus umgänglicher Mensch war. 

Das Vertrauen zu ihm wuchs, und irgendwann blieben dann auch die Schränke wieder unverschlossen.

Aber Frank hatte noch immer seine falschen Freunde, mit denen er nach der Arbeit zusammentraf. Plötzlich begann er 

zu bummeln, und ich hatte dann das eher zweifelhafte Vergnügen, ihn frühmorgens aus dem Bett holen zu müssen. Oft war er noch ziemlich alkoholisiert. Doch ich blieb stur, und nach einigem Murren ging er mit mir zum Dienst. Das Ganze entwickelte sich mit der Zeit fast zu einer Art Duell: 

Mal sehen, wer sich am Ende durchsetzt! 

Schließlich war es dann Frank, der den Widerstand aufgab. Er merkte, daß man sich um ihn kümmerte. Da waren Menschen, die ihm nicht mit Gleichgültigkeit begegneten. Trotz allem stand das Kollektiv dann auch noch hinter ihm, als er im Alkoholrausch erneut straffällig wurde und für kurze Zeit abermals ins Gefängnis mußte. Schließlich hatten ihn alle gern. Wir beide waren inzwischen Freunde geworden, mochten dieselbe Musik, dachten über viele Dinge ähnlich und konnten oft miteinander lachen.

1988 zog ich von Gransee nach Berlin. 

Frank hatte inzwischen eine Frau kennengelernt, die zwei Kinder in ihre Beziehung mitbrachte. Die neue Rolle ließ ihn 

als Menschen wachsen. Er wurde reifer, war sehr stolz auf seine Verantwortung. 

Unser Kontakt blieb trotz der räumlichen Entfernung aufrechterhalten. Wir besuchten einander so oft wie möglich. Es freute mich zu erleben, wie aus dem einstigen „Assi“ ein treusorgender Vater geworden war, der einkaufen ging, den Kindern bei ihren Schulaufgaben half und die Wohnung mitgestaltete. Schließlich wurde dem jungen Paar auch noch ein gemeinsames Kind geschenkt.

1990 veränderte sich dann auch ihre Welt. 

Die Granseer Mühle wurde, obwohl sie technisch sehr modern war, kurzerhand geschlossen. Frank brachte es mit Hilfe von Freunden zuwege, für seine Frau und sich Arbeit in Buckow in der Märkischen Schweiz zu finden. In einem kirchlichen Hotel waren sie als Hausmeister und Zimmermädchen tätig. Anfangs verband Frank ähnlich wie ich naive Hoffnungen mit der „deutschen Einheit“. Doch nach einiger Zeit widerte ihn die immer offenere Kolonisierung des Ostens ebenso an wie Millionen einstige DDR-Bürger. Doch er und seine Frau hatten wenigstens ihr Auskommen – 

jedenfalls zunächst.

Auch in Buckow besuchte ich Frank und seine Familie des öfteren. Eines Tages verriet er mir, daß er die Hausmeisterstelle „aus Gründen der Personaleinsparung“ bald verlieren würde. Das bedeutete knappes Geld. Immer öfter kam es nun zwischen den Eheleuten zum Streit. Schließlich wurde auch Franks Frau entlassen. 

Überhastet mußten sie die Wohnung im Hotel räumen und aus Buckow wegziehen. 

Ohne irgendwelche Hoffnungen auf eine bessere Zukunft nahmen sie sich ein billiges Quartier im nahen Neuhardenberg. 

Eines Abends rief mich Franks Frau an und berichtete mir, ihr Mann sei verschwunden. Ich trommelte sofort Freunde zusammen, und wir suchten in der Dunkelheit die ganze Gegend stundenlang ab. Frank tauchte wieder auf. Er war betrunken, verwahrlost und ohne Halt.

Die Ehe scheiterte schließlich. Frank, der immer häufiger zur Flasche griff, rief mich wiederholt mitten in der Nacht an und erzählte mir wirre Geschichten. So behauptete er, sein Idol Udo Lindenberg habe ihn besucht! Er zog sich in eine Traumwelt zurück, in die man nicht mehr vorzudringen vermochte. Die Trennung von seinen Kindern machte ihm besonders zu schaffen. 

Eines Tages übersiedelte er zu den Eltern nach Gransee und hielt sich dort mit ABMTätigkeiten knapp über Wasser. Manchmal, wenn ich ihn besuchte, schien er fast noch der alte optimistische Frank zu sein, den ich von früher her kannte. Doch immer öfter gewann ich den Eindruck, daß er sich aufgegeben hatte. Er fand seine falschen Freunde wieder. Als ich das letzte Mal mit ihm sprach, redeten wir aneinander vorbei. Ich verstand ihn nicht mehr und hatte 

auch keine Idee, wie ich ihm wohl helfen könnte. Ich war ratlos.

Es war an einem Wochenende des Jahres 1998, als ich von meinen Eltern erfuhr, Frank sei gestorben. Er hatte sich die Pulsadern geöffnet. Ich war unendlich traurig und vermisse meinen guten Freund noch heute.

Manchmal stelle ich mir die Frage, wie Franks Leben wohl verlaufen wäre, hätte es den unglückseligen 3. Oktober 1990 nicht gegeben. Vielleicht wäre seine Ehe dennoch gescheitert. Sicher wäre Frank auch weiterhin für Leichtsinn und übermäßigen Alkoholgenuß anfällig gewesen. Als Abstinenzler konnte ich ihn mir nicht vorstellen. 

Doch wer weiß?

Mit Sicherheit aber wäre er nie ins Bodenlose gestürzt. Wie damals in unserem Müller-Kollektiv hätte er immer irgendwo Halt finden können. Dieses Aufgehobensein, das oft als Bevormundung dargestellt wird, verhinderte den Absturz so vieler in Hoffnungslosigkeit und Vereinsamung, in der heute nicht wenige Menschen leben und sterben. Ich bin mir sicher, daß es nur eine Gesellschaft, die niemanden fallen läßt, tatsächlich verdient, als human bezeichnet zu werden. So verbinde ich mit meinen Gedanken an Frank auch die Erinnerung an die Geborgenheit und menschliche Wärme, die wir in der DDR erleben durften.

Ulrich Guhl

Veröffentlicht in DDR

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