"Das Reich der Freiheit" - so gern missverstanden ...

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Das Konzept des »Reichs der Freiheit« ist ein Ergebnis der Methode von Marx – also gerade keine utopische Zielsetzung. Diese Methode besteht darin, in den Warenbeziehungen das zu entdecken, was sie verschweigen, und aus dem, was sie nicht sind, zu entwickeln, was sie sind – nämlich die Negation des Menschlichen. Die Warenbeziehungen erscheinen als das, was sie sind, d. h. als Produkte privater Arbeit, aber sie erscheinen nicht als das, was sie nicht sind, als »unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst« (Marx-Engels-Werke, MEW, Band 23, Seite 87). Im »Reich der Freiheit« entdeckt Marx den archimedischen Punkt, von dem aus er das in der Geschichte und den Warenbeziehungen Abwesende sichtbar machen und so den Gegensatz von Wesen und Erscheinung erklären kann. Daß Hinkelammert dann die Relation zwischen den beiden »Reichen« transzendental denkt, ist ungewöhnlich, für mich aber schlüssig.

Bei Marx heißt es (MEW, Band 25, Seite 828): »Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. (…) Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehen, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung.«

... Zunächst einmal dürfte klar sein, daß bei Marx das »Reich der Freiheit« nicht als etwas gedacht wird, das irgendwann völlig realisiert werden kann, also auf der geschichtlichen Zeitachse auf das »Reich der Notwendigkeit« als letzte Phase und Vollendung der Entwicklung der Menschheitsgeschichte zum Höheren folgt. Anders als die konservativen Feinde der Utopie mit ihren Unmöglichkeitsmodellen versteht Marx das Verhältnis aber auch nicht als asymptotische Annäherung der empirischen Verhältnisse an das ihnen als Zielpunkt vorgegebene Ideal, das aber im Endlichen nie erreicht wird. Das absolute Gleichgewicht des Marktes ist zwar faktisch nie erreichbar, man kann sich ihm aber unter günstigen Bedingungen beliebig genau annähern und mit dieser Annäherung einen Maßstab schaffen, der es gestattet, den marktkonformen Gütegrad einer Ökonomie zu bestimmen und dieser dann die Bestnote verleihen, wie es die Ratingagenturen mit ihrem AAA tun. Diese mir zwar aus Sicht der Mathematik sympathische Auffassung liegt aber nicht dem Denken von Marx zugrunde. Wie aber soll die bei einem Denker wie Marx sicher nicht ins Metaphorische abgleitende Bestimmung der Relation aussehen? Hinkelammert: »Das Reich der Freiheit erscheint als ein Horizont möglichen menschlichen Handelns, und daher spricht Marx selbst davon als von einem Jenseits des Produktionsprozesses. Das Reich der Freiheit kann nur in dem Maße erblühen, wie es die Entwicklung des Reichs der Notwendigkeit erlaubt. Das mögliche Ausmaß an Freiheit ist daher begrenzt durch das Maß der Notwendigkeit, und der Zwang durch die Notwendigkeit wird nicht verschwinden.«

... Hinkelammert schreibt: »Es geht darum, den Austausch unter den Menschen und mit der Natur unter gemeinsamer Kontrolle zu regeln, so daß die Gesetze der Notwendigkeit sich nicht in eine blinde Macht verwandeln, die sich gegen das Leben der Produzenten selbst richtet, und damit die Menschen sich dieser Gesetze mit Vernunft und Würde bedienen können. (…) Ausgehend vom Rahmen dieser Regulierung des Reichs der Notwendigkeit bestimmt sich die mögliche Entwicklung des Reichs der Freiheit, das als Zweck an sich nur jenseits des Produktionsprozesses existieren kann.«


Am Ende des Marx-Zitates wird ebenso kurz wie vielleicht überraschend auf die Verkürzung des Arbeitstages als ersten Schritt der Veränderung verwiesen. Warum wohl? Wer das Zeitregime des Kapitalismus und die aberwitzigen, künstlichen Verlängerungen der Lebensarbeitszeit durchschauen gelernt hat, begreift, warum mit der sogenannten Freizeit noch nicht das »Reich der Freiheit« angebrochen ist – man kann ja auch saufen und Fernsehen schauen, oder ins Ehrenamt oder die Kirche gehen -, daß aber die »blinde Macht« der Notwendigkeit gebrochen und damit »prinzipiell reguliert« wird. ... (alles aus der jW-Beilage "Marxismus und Utopie")

Original: Das Kapital, Band 3, Die Revenuen und ihre Quellen:

 Es führt so einerseits eine Stufe herbei, wo der Zwang und die Monopolisierung der gesellschaftlichen Entwicklung (einschließlich ihrer materiellen und intellektuellen Vorteile) durch einen Teil der Gesellschaft auf Kosten des andern wegfällt; andrerseits schafft sie die materiellen Mittel und den Keim zu Verhältnissen, die in einer höhern Form der Gesellschaft erlauben, diese Mehrarbeit zu verbinden mit einer größern Beschränkung der der materiellen Arbeit überhaupt gewidmeten Zeit. Denn die Mehrarbeit kann, je nach der Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, groß sein bei kleinem Gesamtarbeitstag und relativ klein bei großem Gesamtarbeitstag. Ist die not- <828> wendige Arbeitszeit = 3 und die Mehrarbeit = 3, so ist der Gesamtarbeitstag = 6 und die Rate der Mehrarbeit = 100%. Ist die notwendige Arbeit = 9 und die Mehrarbeit = 3, so der Gesamtarbeitstag = 12 und die Rate der Mehrarbeit nur = 331/3%. Sodann aber hängt es von der Produktivität der Arbeit ab, wieviel Gebrauchswert in bestimmter Zeit, also auch in bestimmter Mehrarbeitszeit hergestellt wird. Der wirkliche Reichtum der Gesellschaft und die Möglichkeit beständiger Erweiterung ihres Reproduktionsprozesses hängt also nicht ab von der Länge der Mehrarbeit, sondern von ihrer Produktivität und von den mehr oder minder reichhaltigen Produktionsbedingungen, worin sie sich vollzieht. Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der Natur ringen muß, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muß es der Zivilisierte, und er muß es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung.


Veröffentlicht in Zukunft denken

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