"Der lächelnde Faschismus"

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Es ist eine Beilage der "Junge Welt", Erasmus Schöfer hängt die weiße Fahne heraus: Die Literaten packen die Weltveränderung nicht mehr ... aber die Leute sind sowieso verblödet. Sagt er nicht so - ist ja guter Literat - bringt er aber gut rüber. Traurig letztlich sein Schlusskapitel mit obiger Überschrift. Und dass er zu Recht feststellt, dass die Notwendigkeit, Wirkung zu erzielen, größer ist als je zuvor. Da lobe ich die Literatur der DDR. Wann wird der Einfluss der Literaten auf die Gesellschaft wohl wieder so hoch bewertet? Was haben wir uns da wahrscheinlich vergeben ...

 

Um nun noch einmal verallgemeinernd auf die Situation der Kunst und Kultur in der kapitalistischen Systemkrise zu schauen, möchte ich auf den Aufsatz in der Ausgabe 2/2013 der ver.di-Zeitschrift Kunst und Kultur »Faschismus mit einem Lächeln« von Susann Witt-Stahl verweisen. Sie begründet ausführlich und zwingend, daß »an den Machiavellismus anknüpfende Ideologiefragmente des totalitären Kapitalismus tief in die Eingeweide der westlichen Gesellschaft eingedrungen sind – bis in die Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung«. Die Verblendungsoffensive hat gewirkt, schreibt sie, und stellt fest: »Thyssen, Krupp, BASF and friends können sich (…) wieder vorwagen und unverhohlen mehr militärisches Engagement bei der Rohstoffsicherung verlangen. Der Aufschrei der Opposition – er bleibt aus.« Friedrich August von Hayek, der Vordenker des Neoliberalismus, schrieb 1956: »Die psychologische Veränderung, eine Umwandlung des Charakters des Menschen, ist notwendigerweise eine langwierige Angelegenheit, ein Prozeß, der sich nicht nur über ein, zwei Jahre erstreckt, sondern vielleicht ein, zwei Generationen.« Und Susann Witt-Stahl, die Hayek zitiert, folgert: »Die wichtigste Veränderung, die der Neoliberalismus bewirkt, hat stattgefunden.«

Wie ergänzend dazu schrieb Adorno 1965 in seinem Aufsatz »Der wunderliche Realist«, daß »die Menschen nicht einfach von der Ideologie betrogen werden, sondern daß sie (…) von der Ideologie betrogen werden wollen, und zwar desto verbissener, je leidvoller es wäre, dem Zustand ins Auge zu sehen.« Ich denke, dies sind Feststellungen, die nicht nur für die aktuelle, zugespitzte Krise, sondern systematisch für die kapitalistische Gesellschaft des 20. Jahrhunderts gelten.

Es dürfte nicht nur die durch die epidemische Werbung erzeugte Sucht nach Konsum sein, die ursächlich für die »Umwandlung des Charakters der Menschen« ist, sondern mehr noch die im Sinne der Kapitalvermehrung geniale Pervertierung des Fernsehens zu dem von den USA und Großbritannien ausgehenden und dank Kohl und der zustimmenden SPD seit 1986 zugelassenen Privatsendern. Ihre auf Zerstreuung und eskapistische Bedürfnisbefriedigung orientierten Programme haben jenen Zustand der Volksverdummung bewirkt, wie ihn Hayek sich wünschte und wie ihn Adorno und Benjamin schmähten. Ein Zustand, der dem durch die Kirche im Mittelalter erzeugten gleicht.

Welche Chancen haben die systemkritischen Autoren und ihre Gesinnungsgenossen in allen Bereichen der Gesellschaft gegenüber dieser offenbar überwältigenden Macht? Anscheinend keine.

Wir haben Literatur jedoch immer als einen längerfristig wirkenden Bodenbereiter für notwendige gesellschaftliche Umwälzung verstanden. Die Hoffnung, daß sie auch noch im 21. Jahrhundert so wirken kann, hält uns am Leben. Und Schreiben. Es sind die Kinder des Sisyfos gewesen, die allen Kriegen, Zerstörungen und Niederlagen zum Trotz weiter für eine friedliche und gerechte Menschengesellschaft gearbeitet haben.

 

Erasmus Schöfer (geb. 1931) ist ein Romancier, Hörspielautor und Essayist. Sein Hauptwerk, der vierbändige Romanzyklus »Die Kinder des Sisyfos«, erzählt von den Kämpfen der vom politischen Aufbruch des Jahres 1968 in der BRD geprägten Jugend. Zuletzt erschienen von ihm an dieser Stelle »Kalendergeschichten eines kölnischen Widerstandsforschers«. Der vorliegende Text basiert auf einem Kurzreferat, vorgetragen auf der Tagung der Gewerkschaft ver.di zum Thema »Welt-Wirtschafts-Krisen und ihre Auswirkungen auf Gesellschaft, Politik und Kultur« vom 31. Mai bis 2. Juni 2013 in Berlin

Veröffentlicht in Taktik des Gegners

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