Des Rotfuchsens versengter Europa-Schwanz ...

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Als die Monatsschrift "Rotfuchs" 10 Jahre existierte, kamen Begeisterte auf die Idee, aus den Leitartikeln dieser Dekade ein eigendtändiges Buch zu machen. Das war ein guter Gedanke, denn Klaus Steiniger hat es in seinem "Entree" geschafft, analytische Schärfe mit aktuell Brennendem zu verbinden. Man hätte also sagen können, das und so hat damals in der Linken diskutiert werden können.

Thematisch trifft das auch auf den "Rotfuchs" vom September 2012 zu. Auch das Anliegen ist richtig, der Tenor, bei dem olle Lenin wohlwollend geschmunzelt hätte. Leider enthält der Artikel eine rhethorische Entgleisung, die ihm die Ernsthaftigkeit raubt. Hätte er doch nicht nach einem besonders hübschen Beispiel gesucht!

"... Wäre es denkbar, daß z.B. Venezuela, Brasilien, ... Bolivien oder gar Kuba - bei aller notwendigen Zusammenarbeit im lateinamerikanischen Raum - auf ihre Nationalstaatlichkeit zugunsten eines Sammelbeckens unter Vorherrschaft der USA verzichten würden?"

Welch Tiefflug! Welches europäische Land ließe sich gegenwärtig mit Venezuela, Bolivien oder gar Kuba sozialökonomisch vergleichen?! Muss unbedingt darauf hingewiesen werden, dass es dort diverse Bestrebungen der Integration gibt, die den Gedanken einer "Union der lateinamerikanischen Staaten" als Gegengewicht zu den imperialen Häuptmächten im Hinterkopf haben, nur dass sich das praktisch als schwieriger erweist als der fromme Wunsch?! 

Lenin hat die Gesichtspunkte, warum entweder die "Vereinigten Staaten von Europa" unmöglich sind oder reaktionär sehr konkret und genau analysiert, wobei das Schockierende ist, dass das Konkrete sich so wenig verändert hat.

Der Vormarsch des Reaktionären können wir spätestens in den Lissabon-Verträgen tränenden Auges lesen: Im Gegensatz zum "liberalen" Grundgesetz ist dort der "Schutz" der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse BEDINGUNGSLOS festgeschrieben - ebenso wie die permanente Aufstockung der Militärhaushalte. 

Nationalstaatlichkeit in unmittelbarster Form ist die wahrscheinlichste Voraussetzung zu einer nachkapitalistischen "Transformation" verschiedenen in Frage kommenden Formen. Also wenn der Sozialismus angegangen werden sollte, dann nicht als gesamteuropäischer sondern als griechischer, spanischer usw. Das heißt übrigens NICHT, dass auf Formen der Abstimmung des antikapitalistischen Kampfes über Landesgrenzen hinweg verzichtet werden darf. Beim aktuellen Niveau sollte man froh sein, dass es wenigstens eine "Europäische Linkspartei" in Ansätzen gibt ...

Dass es auch anders geht, zeigte die gestrige "junge Welt". Einem Artikel in Verschwörungs-BILD-Niveau auf Seite 9 folgte eine Analyse, bei der ich allen "Spiegel"- und "Stern"-Lesern zurufen möchte, kommt hierher lesen, hier versteht ihr, was gespielt wird und warum. Wie Thomas Wagner hier Tendenzen in "Merkels Europa" darlegt, hilft ernsthaft Denkwilligen beim Verständnis von Zusammenhängen. Wenn er nachgedacht hat, kommt er zu Steinigers Fazit, er kann aber mehr deuten, was die Rollenverteilung in der Praxis angeht.

Wenn die Wahrheit sich doch nicht erst nach so vielen Sätzen erschlösse! Aber leider: Sie ist vielschichtig ...

 


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Veröffentlicht in Venezuela u.a.

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Slov 09/10/2012 07:06

Mir tut besonders weh, dass die entsprechende Grundhaltung sich bis in die "Arbeiterklasse" und ihre objektiven Verbündeten fortsetzt: Überall überwiegt die Hoffnung, in einer unendlich scheinenden
Leiter noch jemanden zu finden, der die niedrigere Sprosse besetzen muss. Dass das Ausbeuter für selbstverständlich halten, also "ihr" Volk an die Stärksten zu verkaufen, um am hohen Tisch - und
sei es an der Ecke - mit sitzen zu dürfen, finde ich wenig verwunderlich. Schon die Kolonialreiche waren nur dank ihrer "Hilfstruppen" erfolgreich ...
Ein solidarisches Zusammenleben, obwohl einer vernünftigen Lebensform angemessen, muss erst unter veränderten Eigentumsverhältnissen erlernt werden.

Sepp Aigner 09/09/2012 20:34

Die Bezugnahme auf Lateinamerika ist daneben, stimmt schon. EU: In ihr gibt es nicht nur die Grossmächte, sondern auch die ost- und südosteuropäischen Staaten und Portugal, die in der EU-Hirarchie
ganz unten stehen und nur noch sehr eingeschränkt über eigene Souveränität verfügen. Das gehört, nbenden Widersprüchen zwischen den führenden Mächten, schon auch zu den Widersprüchen innerhalb der
EU. Die "führenden Kreise" dieser Staaten mögen damit kalkulieren, dass eine Beteiligung an einem imperialistischen Bündnis immer noch ein wenig auch für sie selber abwerfen kann. Aber damit sind
sie praktisch Kompradoren, die über unterdrückte Nationen herrschen.
- Würde mich interessieren, ob Du das auch so siehst.

Slov 09/09/2012 08:15

Na, viel besser macht es das aber nicht. Eine Zusammenfassung von imperialistischen Großmächten mit von ihnen fast Erdrückten zu einer größeren gemeinsamen imperialistischen Großmacht lässt sich
mit den Versuchen von Ländern, die nach gemeinsamen solidarischen Wegen aus dem Kapitalismus suchen, nicht vergleichen. Die südamerikanischen Bemühungen leiden ja auch unter den brasilianischen
Versuchen, aus dem Ganzen eine "Großmacht" zu machen ...

Sepp Aigner 09/07/2012 21:42

Möglicherweise hat Steinigers Vergleich mit lateinamerikanischen Staaten einen aktuellen Bezug. In einem Artikel bei kommunisten.de (den ich leider nicht mehr finde), hatte Leo Mayer für seine
"alternative EU" geworben, indem er seinerseits die Zusammenarbeit lateinamerikanischer Staaten als damit vergleichbar nahelegte.