„Die prägnanteste Zusammenfassung des Marxismus … durch Marx“ (Rotfuchs 9/2013)

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Wunderbar! Dr. Kulitzscher greift sich das Vorwort zur Kritik der Politischen Ökonomie von Karl Marx und empfielt, es sich Satz für Satz auf der Zunge zergehen zu lassen. Dem kann man sich erst einmal nur anschließen. Mit der dort beschriebenen Beziehung von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen werden die philosophischen und historischen Grundlagen unserer Weltanschauung zweifelsfrei am klarsten umrissen: Materialismus als Untersuchung der materiellen Verhältnisse als Grundlage unterschiedlichster „Widerspiegelungen“ in Staat, Ideologie usw., und die Dialektik als Erkenntnisweg des ewig In-Bewegung-Seins der Wirklichkeit, der Entwicklung von immer Neuem aus zuvor Vorhandenem.

Dem Schluss des Artikels kann ich jedoch nicht vorbehaltlos zustimmen, Dr. Kulitzscher deutet in das Marx-Zitat etwas hinein, was der Stammvater unserer Gesellschaftswissenschaft zumindest an dieser Stelle nicht behauptet hat.

Kulitzscher behauptet nämlich über die „Umwälzung“, die praktisch die Verwirklichung des Kommunismus bedeutete, es sei „bewiesen“, „... daß sie kommen muß“.

An der zitierten Stelle stellt Marx aber nur fest, dass “die sich im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte … zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antargonismus (schaffen).“

Marx stellt also hier weder die Möglichkeit in Abrede, dass bevor die Menschheit aus dem „Reich der Notwendigkeit“ ins „Reich der Freiheit“ übertreten wird, die noch vorhandenen Produktionsverhältnisse die schon vorhandenen Produktivkräfte zur Selbstvernichtung der Menschheit missbraucht haben könnten (Atomtod, genetische oder Klimakatastrophe usw.), noch ließ er sich darüber aus, welche Veränderungen der Produktivkräfte denn konkret erfolgt sein müssten, damit privatkapitalistische Eigentumsverhältnisse tatsächlich nichts als ihre Fesseln wären. Das konnte er nämlich genauso wenig wissen wie ein Philosoph des 14. Jahrhunderts die revolutionäre Rolle von Dampfmaschine und Spinning Jenny vorwegnehmen konnte. Er konnte nur vorhersehen, dass die ihm vertrauten Verhältnisse nicht bleiben würden. Er konnte feststellen, dass sie ungerecht waren und gerechter werden mussten. Marx konnte dann zumindest schon aus den Merkmalen der „Arbeiterklasse“ schlussfolgern, dass diese zur Überwindung der Klassengesellschaften notwendige Voraussetzungen mitbrachte.

Mit der Perversion, dass heute Internet und Verselbständigung von geistiger Arbeit durch den Imperialismus gegen die absolute Mehrheit der Erdbewohner missbraucht wird, haben wir uns wissenschaftlich und praktisch auseinanderzusetzen.

Anstatt dessen lassen wir uns noch einreden, es sei der Sozialismus in der „sozialistischen Staatengemeinschaft“ untergegangen. Dabei heißt Marxismus doch gerade, immer wieder neu gesellschaftliche Entwicklungen zu analysieren und die Schlussfolgerungen daraus zu ziehen.

Wenn wir heute nicht jene konkreten Aspekte zusammentragen, die die Möglichkeit neben die Notwendigkeit einer „Gemeinschaft der Glückssüchtigen“ stellt, verraten wir Marx.

 

Aus Marxens Zitat ergibt sich nämlich ein bedrückender Schluss: Wenn wir der „Antargonismus“ nicht in Marxens Sinn lösen, löst er sich „von selbst“ im Sinne des Kommunistischen Manifests durch den „Untergang“ der kämpfenden Klassen, diesmal den der ganzen Menschheit.

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