Die unbemerkten Toten an der Grenze

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Die deutsche "BLÖD"-Zeitung würde beginnen: "Schande!!! Wir decken auf: Frontex verantwortet jedes Jahr mehr Tote als es je Mauertote gegeben hat! Weg mit dem Regime der Unmenschlichkeit! ..." Wir haben nur den "Rotfuchs", der es seriös probiert. Vielleicht müssen auch wir lauter "Skandal!" rufen. Denn dass praktische Einzelheiten des aktuellen Grenzregimes Skandal genannt werden sollten und unmenschlich sind, darüber sollten wir uns einig sein:

 

"An ihren Außengrenzen läßt die EU täglich Hungerflüchtlinge ertrinken 

Frontex kennt keine Gnade

Im Oktober 2012 ereignete sich vor den Küsten Gibraltars eine Tragödie, die in den „freien“ und „unabhängigen“ Medien der BRD kaum einen Widerhall fand: 

Ein völlig überladenes Boot mit etwa 70 Flüchtlingen, darunter zahlreiche Frauen und Kinder aus west- und zentralafrikanischen Staaten, war in akute Seenot geraden. Erst nach bangen Stunden und verzweifelten Hilferufen über Funk leitete der spanische Salvamiento Marítimo der Guardia Civil eine Rettungsaktion ein, an der auch zwei marokkanische Patrouillenschiffe beteiligt waren. 

Sie nahm mehrere Tage in Anspruch. Nur 17 Personen konnten lebend geborgen werden. Marokko, wohin die Geretteten abgeschoben wurden, schickte sie sofort in ihre Herkunftsländer zurück. Doch die eigentliche Schandtat trug sich etliche Stunden vor der Bergungsaktion zu, als das Flüchtlingsboot bereits schwer in Seenot geraten war und man die ersten Toten beklagte. Zu jenem Zeitpunkt überflog eine Maschine der Frontex mehrmals die schon im Kentern begriffene Bark, um Fotos zu machen. Deren Besatzung leitete weder eine Rettungsaktion ein noch reagierte sie auf die verzweifelten Winksignale der Schiffbrüchigen. Ja, sie meldete die Situation des Bootes nicht einmal der Küstenwache. Überlebende berichteten später, es habe sich um ein Flugzeug mit deutschem Kennzeichen gehandelt. 

Frontex ist die „Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Grenzen“. 2004 gegründet, bestehen ihre Aufgaben in der koordinierten Überwachung der EU-Außengrenzen sowie in der Heranbildung des Personals der Grenzsicherungsorgane in den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten auf der Basis einheitlicher Standards. Vor allem geht es um die Überwachung von „Rückführungsaktionen“, also die Abschiebung von Flüchtlingen. 

Mit anderen Worten: Frontex soll der EU die Ärmsten der Armen vom Halse halten. Für diesen Zweck wurden mehrere Einsatzgebiete mit wohlklingenden Codewörtern aus der antiken Mythologie geschaffen. So heißt die Region des östlichen Mittelmeers z.B. Poseidon, während das westliche als Nautilus und die Zone zwischen der afrikanischen Küste und den Kanarischen Inseln als Hera gilt.

Der Etat von Frontex ist seit 2004 ständig erhöht worden. Standen der Organisation zu Beginn nur „lächerliche“ 6,2 Millionen Euro zur Verfügung, so stieg der Etat bis 2011 auf 88 Millionen, anderen Quellen zufolge sogar auf 112 Millionen. Zugleich wird technisch zugelegt. Neben Flugzeugen und Schiffen kommen an den Grenzen immer mehr Drohnen und andere elektronische Überwachungsgeräte zum Einsatz. 

Kaum beachtet wird, daß auf diese Weise – ganz nebenbei – eine neue „Mauer“ um Europa entsteht. Die Türkei errichtet mit dem Segen der EU einen „Grenzsicherungszaun“, um über Griechenland einströmende Flüchtlinge fernzuhalten. Wie man sieht, nimmt die angeblich so weltoffene „westliche Wertegemeinschaft“ ihre Abschottung sehr ernst. 

Diese hat tödliche Folgen. So teilte Pro Asyl mit, im Jahre 2011 habe es an den Außengrenzen der EU 2000 Tote, darunter 1600 Bootsflüchtlinge, gegeben. Der Vorsitzende dieser Organisation bezeichnete das Mittelmeer als Massengrab. Statistische Angaben offiziellen Charakters über die Anzahl der Opfer gibt es nicht. 

So bleibt es Nichtregierungsorganisationen (NGOs) überlassen, deren tatsächliche Zahl zu ermitteln. Seit Anfang der 90er Jahre befaßt sich auch „Fortress Europe“ – eigene Studien und Presseberichte zu Rate ziehend – damit. Durch diese Zählmethode wurden zwischen 1988 und 2009 nicht weniger als 14 687 ums Leben gekommene Flüchtlinge ermittelt. Bis 2011 stieg deren Zahl sogar auf 17 738. Die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen, da viele Leichen nie gefunden wurden. Immer wieder gibt es Berichte, daß total überladene und nur wenig seetaugliche Boote einfach ignoriert werden. Zahlreiche Menschen verdursten oder ertrinken. Es drängt sich der Verdacht auf, daß dieses massenhafte Sterben auf See gewollt ist, um weitere Immigranten abzuschrecken. 

Die für diesen Massenmord verantwortliche EU bekam den Friedensnobelpreis groteskerweise, weil sie über Jahrzehnte hinweg den Frieden in Europa gesichert haben soll. Doch die EU ist in Wirklichkeit Kampfgebiet. Ihr Krieg richtet sich gegen Hungrige und dem Elend Entfliehende. 

Der Grund für deren Not aber ist die Gier jener, welche sich im Westen als „Leistungsträger“ und „Eliten“ feiern lassen. Es sind Finanzhaie wie Josef Ackermann, dessen Geburtstag Frau Merkel ohne Skrupel im Kanzleramt ausrichten ließ.

Es ist reine Spiegelfechterei, den angeblich vereinten Kontinent zu feiern, dessen kombinierte Grenzorgane Angehörige anderer Völker eiskalt sterben lassen. 

Während die Gemeinschaft des „europäischen Hauses“, dessen Schlüssel sich in bundesdeutschen Händen befinden, ihren vermeintlichen Zusammenhalt im Partykeller feiert, erfriert zur selben Stunde vor der fest verschlossenen Eingangstür ein Obdachloser. Die Bundeskanzlerin genießt es, sich in andere Länder zu begeben, um dort in ihrer penetrant besserwisserischen Art Demokratie und Menschenrechte einzufordern. Warum spricht sie nicht über die Toten im Mittelmeer, die sie auch durch ihr Schweigen auf dem Gewissen hat? 

Jahr für Jahr werden im August die sattsam bekannten Horrorgeschichten über die „Berliner Mauer“ neu aufgelegt. Ich bedaure sehr, daß es dort Tote gegeben hat. Doch vermeintliche Bürgerrechtler, ein Großinquisitor a.D. und eine Templiner Pfarrerstochter, die zu den Toten an den Frontex-Grenzen schweigen, sollten keine Krokodilstränen über Peter Fechter und andere vergießen.

Die auf der Flucht Ertrunkenen sind vom Kapitalismus umgebracht worden. Es ist schlimm, daß diese Tragödie von gigantischem Ausmaß bisher kaum ins öffentliche Bewußtsein gedrungen ist. Doch wer gegen den Krieg in Afghanistan ist, darf den Krieg gegen die Hungerflüchtlinge nicht außer acht lassen. Auch die hilflos im Meer vor Gibraltar, Lampedusa und Malta Treibenden brauchen unseren Aufschrei!"

Ulrich Guhl in "Rotfuchs" März 2013

Veröffentlicht in Menschenrechte

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