Ein Held der östlichen Welt ...

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Wir sollten seiner gedenken. So widersprüchlich die Persönlichkeit ist, so untrennbar ist sie mit der Geschichte der DDR verbunden:

Walter Ulbricht.

Eines wird ihm auf jeden Fall nicht gerecht: Ihn mit dem Mauerbausatz, also mit der "lüge" zu verbinden.Wie diese Interview-Leistung zu bewerten, also wie sie zustande gekommen ist, werden wir wahrscheinlich nie efahren, dann das wäre eine Frage an eine objektive Geschichtsschreibung und die vertrug sich weder mit dem Götzentum des "Realsozialismus" noch mit der "Delegitimierungs"-Forderung an die Geschichtsschreibung zur DDR. 

Ein Mensch muss unlösbare Aufgaben angehen. Teilweise stehen dem Bildungsdefizite entgegen. Ulbricht kannte Deutschland im Wesentlichen aus Diaspora-Sicht - als verfolgter Kommunist innen, als Mitglied eines engen Kommunistenkreises in der Sowjetunion gönnte er den Führer-befiel-Massen eine antifaschistische Tradition. Ein Mensch, der lernte, der sich Neuem nicht verschloss, der Forschung wollte, Probieren von unausgetretenen Pfaden. 

Gescheitert letztlich. Sowohl das Modell eines gesteuerten Marktes als auch das Selbstbild.  Er hätte sich theoretisch gewehrt dagegen - praktisch wirkte er als Erbfürst, der nicht demokratisch abgelöst wurde, sondern in einer peinlichen "Palastrevolte". Er hätte uns viel zu diskutieren gegeben, was wir im nächsten Anlauf, dem, der dann eine Gemeinschaft von Dauer erreicht, anders gemacht werden muss und kann. Und er hätte gesagt: In einer solchen Debatte darf es keine Tabus geben. Erst, wenn wir wissen, mit welchen Schritten wir wohin wollen, können wir über das jeweils Mögliche reden und es durchsetzen.

Der "Rotfuchs" widmete ihm eine umfassendere Darstellung. Dank an Prof. Anton LatzoEr hat Recht mit dieser Würdigung: Mit einem Walter Ulbricht an der Spitze wären unsere Chancen auf Erhalt fortschrittsfähiger Staatlichkeit auch 1989 erhalten geblieben ... Nein. Das nehme ich zurück. Er hätte das auch so gesehen: Ohne Sowjetunion keine DDR ...

 

Prinzipientreue, strategischer Nerv und taktisches Geschick

Zum 120. Geburtstag Walter Ulbrichts

Walter Ulbricht war nicht nur ein herausragender Politiker der DDR, sondern auch ein aktiver Verfechter des proletarischen Internationalismus in der deutschen und weltweiten kommunistischen Bewegung. Ich erlebte ihn im Rahmen meiner langjährigen Tätigkeit als Dolmetscher für die Partei- und Staatsführung bei seinen Gesprächen mit hochrangigen rumänischen Gästen.

Eine Eigenschaft Walter Ulbrichts beeindruckte mich besonders. Ich fand sie auch in den Beschreibungen Herbert Grafs sowie anderer sachkundiger Ulbricht-Biographen bestätigt. Das war sein Prinzip, an Dingen so lange dranzubleiben, bis er sie vollends durchschaut hatte. Diese

Hartnäckigkeit charakterisierte auch seine Gespräche mit ausländischen Politikern.

Kurt Hager sah Ulbricht so: „Er war ein Arbeiterfunktionär alter Schule, der in der kommunistischen Bewegung großes Ansehen genoß. Die Gegner der DDR taten alles, um ihn

herabzusetzen. Sie mußten ihm aber außerordentliche Eigenschaften wie Realitätssinn und Einfallsreichtum zubilligen. Manche wollten ihn als bloßen Satrapen Moskaus sehen. Doch er war ein eigenständiger Politiker, der sich nicht scheute, seine eigene Meinung zu äußern.“

Heute gibt es nicht wenige Autoren, die sich als „objektive Beobachter“ vorkommen, zugleich aber darauf spezialisiert sind, defizitäre Eigenschaften Ulbrichts zu betonen, seine charakteristischen

Züge aber im Nichts versinken zu lassen.

Ihre Absicht ist dabei nicht nur die Diskreditierung einer Person, sondern vor allem die Herabwürdigung einer Sache.

Ich erlebte Walter Ulbricht so, wie ihn Werner Eberlein kurz und prägnant beschrieb: „Immer nüchtern und sachlich, erreichte Ulbricht durch inhaltsreiche Gespräche, die nie Platitüden enthielten, daß man ihm in jeder Phase zuhörte. Man spürte seinen ehrlichen Willen, niemandem etwas vorzugaukeln, sondern den Gesprächspartner für seine Idee zu gewinnen.“

Auch Prof. Peter Adolf Thiessen, Ehrenvorsitzender des Forschungsrates der DDR, zog aus seinen persönlichen Kontakten das Fazit: „Walter Ulbricht reagiert sehr empfindlich und wird überaus

deutlich, wenn unverkennbar ist, daß durch eine verzierte Fassade Unzulänglichkeiten der Funktion oder dürftiges Inventar verdeckt werden sollen. Bei allen Begegnungen verlangt er durch Tatsachen und saubere logische Argumentation überzeugt zu werden. Ist er überzeugt, verleiht er seiner Anerkennung einen Ausdruck, der nicht zum Stillsitzen veranlaßt, sondern zu gesteigerter Leistung.“

Es stimmt, was Prof. Herbert Graf, der Walter Ulbricht aus jahrelanger enger Zusammenarbeit kannte, zu Protokoll gibt:

„Er überzeugte durch sein strategisches Vermögen, seine soziale Kompetenz, seine emotionale Intelligenz, seine historischen Kenntnisse und die ausgeprägte Fähigkeit, den eigenen Handlungsraum auszuloten.

Seine Lust, Neues zu suchen, und für den gesellschaftlichen Fortschritt zu verwerten, wurde keinesfalls von der Anmaßung beschädigt, damit den Stein des Weisen gefunden zu haben. … Er blieb sich treu, weil er an seiner Absicht festhielt, eine von Ausbeutung befreite, gerechte und

solidarische Gesellschaft zu schaffen“.

Auch Sebastian Haffner, der bestimmt nicht vom kommunistischen Bazillus befallen war, gelangte 1966 zu dem Schluß, besonders zwei Eigenschaften hätten Walter Ulbrichts Entwicklung geprägt.

Erstens: „seine beinahe beispiellose Kombination von äußerster Prinzipientreue und äußerster taktischer Schmiegsamkeit und Beweglichkeit“. Zweitens: „Seine Fähigkeit, warten zu können, sich nie ins Ungewisse festzulegen – und ebenso rigoros wie präzis zu handeln, wenn alles klar ist und nichts mehr fehlgehen kann.“

Walter Ulbrichts Lagebeurteilungen waren nicht von Wünschen und Befürchtungen bestimmt, sondern von den Erfordernissen, die sich aus den konkreten Bedingungen des gesellschaftlichen

Lebens und des Klassenkampfes ergaben. In seinem Wirken ließ er sich von der Erkenntnis leiten, daß jede Klasse zum Selbstbewußtsein erwacht, wenn sie sich über ihre eigenständigen Interessen klar wird, die sie im Gegensatz zu anderen Klassen hat – eine Erfahrung, die auch heute noch volle Gültigkeit besitzt.

Auf dieser Grundlage war er bereit, in der Politik auch Kompromisse einzugehen. Er war aber ebenso entschlossen, den Klassengegner bei dessen Namen zu nennen und sich im Umgang mit ihm danach zu richten.

In einem von mir gedolmetschten Gespräch mit dem Vorsitzenden der Großen Nationalversammlung Rumäniens, Stefan Voitec, verwies Walter Ulbricht darauf, daß SPD-Minister in der Regierung der BRD, zu der Bukarest gerade ohne Konsultation mit anderen RGW-Staaten Beziehungen aufgenommen hatte, am Wesen ihrer Außenpolitik nichts ändern könnten.

Diese würde allein von den Interessen des deutschen Großkapitals bestimmt.

Ulbricht ist oftmals als Feind der SPD hingestellt worden, ohne zu registrieren, daß er ja zunächst in die Partei August Bebels eingetreten war und Jahrzehnte später einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet hatte, gemeinsam mit Wilhelm Pieck und dem SPDVorsitzenden Otto Grotewohl die SED

zu schaffen, ohne dem Opportunismus marxistische Prinzipien zu opfern!

Leben und Werk Walter Ulbrichts reflektieren einen großen Teil der Kämpfe und Umbrüche des 20. Jahrhunderts.

Zu Beginn des ersten Weltkrieges stand er an der Seite Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs. Gemeinsam mit anderen jungen Sozialdemokraten trat er in Leipzig gegen den Verrat des SPDParteivorstandes am Marxismus und am proletarischen Internationalismus auf.

Im Januar 1919 gehörte er dort zu den Begründern der KPD. Mit Wilhelm Pieck, Clara Zetkin und anderen wurde er in die Zentrale der Partei gewählt, der er bis zum April 1946 angehörte.

Gestützt auf die Lehren aus den Märzkämpfen 1921 und auf Erfahrungen, die er selbst seit 1922 in Thüringen beim Aufbau von Betriebszellen gewonnen hatte, zog Walter Ulbricht den Schluß, daß nur eine fest in den Betrieben verwurzelte revolutionäre Partei das Vertrauen des Proletariats gewinnen, die Einheitsfront herstellen und die breiten Massen der Arbeiter und Bauern zum Kampf um die Macht führen könne.

In den 20er Jahren und danach nahm er aktiv am Bemühen um die Stabilisierung und Profilierung der KPD als marxistischleninistischer Partei teil. In dieser Zeit wurde er zu einem geachteten Funktionär der KPD und der Kommunistischen Internationale (Komintern).

Besonders stark prägten Walter Ulbricht die Beschlüsse des VII. Weltkongresses der Komintern. Er sah in ihnen den einzig richtigen Weg, die Mitgliedsparteien zur Einheitsfront zu befähigen und die konkreten Methoden, Formen und Wege des Kampfes auf allgemeingültiger Grundlage ausfindig zu machen. Für die KPD fand das seinen Niederschlag in den Beschlüssen jener Tagungen, die als Brüsseler und Berner Beratungen in die Geschichte der Partei eingegangen sind.

Die KPD und mit ihr Walter Ulbricht haben aus dem Reservoir geschichtlicher Erfahrungen geschöpft, die marxistisch-leninistische Theorie damit verbunden und nach dem Sieg der Antihitlerkoalition mit der UdSSR als entscheidender Kraft auf dieser Grundlage ihre Strategie und Taktik unter neuen Bedingungen entwickelt.

Als Leiter der Gruppe von Beauftragten des ZK der KPD, die schon in den ersten Maitagen 1945 nach Berlin zurückkehrte, konnte Walter Ulbricht in der noch brennenden und völlig zerstörten Stadt mit der Arbeit zur Sammlung aller aufbauwilligen Kräfte beginnen.

Er war maßgeblich daran beteiligt, daß die KPD als einzige deutsche Partei nach der Zerschlagung des Hitlerfaschismus mit einem wissenschaftlich begründeten Programm des Neuaufbaus für ganz

Deutschland antreten konnte.

Dieses antifaschistisch-demokratische Dokument trug zugleich antikapitalistischen Charakter. Es beruhte auf den seit der Jahrhundertwende gesammelten Erfahrungen und schuf die Grundlage

zur Überwindung des verhängnisvollen Einflusses der bürgerlichen Ideologie in der deutschen Arbeiterbewegung im sowjetisch besetzten Osten des Landes. Die Einheit von SPD und KPD konnte dort auf marxistischer Grundlage hergestellt werden. Sie bahnte einer demokratischen Staatsmacht im Interesse des Volkes den Weg.

Als Mitglied der SED-Parteiführung hatte Walter Ulbricht auch in der Folgezeit entscheidenden Anteil an der

Beantwortung theoretischer und strategisch-taktischer Grundfragen auf dem

Weg zur Errichtung des Sozialismus in der DDR. In den 60er Jahren wurden im Rahmen des Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft auf sozialistischer Grundlage originäre Reformkonzepte entwickelt, die auf der Verträglichkeit von Plan und Markt beruhten. Dabei ging es um deren wechselseitige Befruchtung im Interesse einer stabilen Entwicklung

und beschleunigten Modernisierung des Landes. Nur Ignoranten können die theoretische und praktische Bedeutung dieser Bemühungen in Abrede stellen.

Walter Ulbricht sagte dazu auf dem VII. Parteitag der SED: „Zur sozialistischen Planwirtschaft gehören sowohl die regulierende wirksame gesellschaftliche Planung und Organisation der Volkswirtschaft im gesamtstaatlichen Maßstab als auch die konsequente Entfaltung der sozialistischen Warenwirtschaft. Beides bildet eine organische Einheit“.

Mit der durch ihn verfochtenen These vom Sozialismus als einer „relativ selbständigen Gesellschaftsformation“ wurde eine lebhafte Debatte eingeleitet.

Nach dem Sieg der sozialistischen Produktionsverhältnisse in der DDR reifte der Gedanke, daß die strategische Aufgabe einer zweiten Phase des sozialistischen Aufbaus darin bestehe, „das entwickelte gesellschaftliche System des Sozialismus“ zu gestalten. Es ist das Verdienst Walter Ulbrichts, diese Diskussion nicht nur angestoßen, sondern auch selbst aktiv geführt zu haben. Leider wurde der ideologische Klärungsprozeß später abgebrochen.

Charakteristisch für den damaligen Meinungsstreit war, daß er konsequent an die Erkenntnisse von Marx, Engels und Lenin anknüpfte. So folgte man zum Beispiel der Aussage von Friedrich Engels,

der die Interessen als das regelnde Grundprinzip bezeichnete, dem sich alles andere unterordne. Er faßte das in die Worte: „Die ökonomischen Verhältnisse einer gegebenen Gesellschaft stellen sich

zunächst als Interessen dar.“

Insgesamt war das eine Periode schöpferischer Verarbeitung in der DDR und den anderen sozialistischen Staaten Europas gesammelter Erfahrungen. Sie ergaben sich aus den veränderten materiellen, politischen und geistigen Bedingungen im Sozialismus und stützten sich auf den durch Marx, Engels und Lenin geschaffenen theoretischen Vorlauf.

Dabei hielt sich die SED an Lenins Rat: „Unsere Lehre ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln.“ Marx und Engels hatten sich zu ihrer Zeit „über das Einochsen und einfache Wiederholen von ‚Formeln’“ lustig gemacht. Diese seien – wie auch Ulbricht meinte – „bestenfalls

dazu geeignet, die allgemeinen Aufgaben vorzuzeichnen, welche unter den konkretenökonomischen und politischen Bedingungen in jedem Abschnitt des geschichtlichen Prozesses zwangsläufig modifiziert werden“ müßten.

Zweifellos gab es im Leben und Wirken des herausragenden Politikers und Staatsmanns Walter Ulbricht wie bei jedermann Licht und Schatten. Menschen besitzen nicht nur Tugenden, sondern

begehen auch Fehler.

Nach Aussagen Kurt Hagers in dessen 1996 erschienenen „Erinnerungen“ verstärkten sich bei Walter Ulbricht Ende der 60er Jahre übertriebene Erwartungen hinsichtlich der Wirtschafts- und Wissenschaftsentwicklung in der DDR. In Hagers Urteil seien während des letzten Lebensabschnitt des Politikers „einige negative Eigenschaften wie Eigenmächtigkeit, Rechthaberei und Starrsinn

immer stärker hervorgetreten“.

Leben und Werk Walter Ulbrichts sind uns Anlaß, die schöpferische Verwertung und Weiterführung seiner Ideen in den heutigen und kommenden Kämpfen als eine der Voraussetzungen für die

erneute Stabilisierung unserer Bewegung und deren Erfolg in der Zukunft zu betrachten.

Es ist bedauerlich, daß solches Lernen aus der eigenen Geschichte von einem nicht geringen Teil der deutschen Linken derzeit einfach verdrängt wird. Während manche ihrer Politiker als Träger

rechtsopportunistischer Strömungen hofiert werden, wirft man zugleich die Theorie von Marx, Engels und Lenin bedenkenlos über Bord und bricht mit den klassenkämpferischen Traditionen

der deutschen Arbeiterbewegung. Die insgesamt ruhmvolle Geschichte aufrechter Kommunisten und Sozialisten wird von solchen Leugnern der historischen Wahrheit als eine einzige Kette von Fehlern und Irrtümern dargestellt.

Am 120. Geburtstag Walter Ulbrichts sollten wir uns daran erinnern, welche unverrückbaren Leistungen dieser bedeutende deutsche Kommunist und Staatsmann der DDR vollbracht hat. Dabei geht es nicht in erster Linie um Ulbrichts Person, sondern um jenen bahnbrechenden Staat der deutschen Geschichte und die ihn tragende revolutionäre Arbeiterbewegung, welche er während seines gesamten Wirkens verkörpert hat.

Prof. Dr. Anton Latzo, Langerwisch 

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