Eine Scheißwelt ...

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Unter der Überschrift "Schönste neue welt" macht die Tageszeitung "junge Welt" etwas längst Fälliges: Sie entdeckt in einer ganzen Beilage mit unterschiedlichen Teilfragen, dass der Horror der Wirklichkeit inzwischen MINDESTENS die als warnende Schreckensvision gemeinten SF-Thriller erreicht haben. Wenn wir als Beispiel "1984" nehmen, so fehlt der Ausweg. Wenn wir unsere unmittelbare Gegenwart nehmen, so scheint auch der Ausweg praktisch zu fehlen - ein Horror, in dem sich die meisten Menschen schon nicht mehr als Objekt der Manipulation erkennen. 

Eröffnet wird das Ganze durch einen Beitrag von Axel Klingenberg, bei dem die Überschrift mir am wenigsten gelungen erscheint:

Aus: schönste neue welt, Beilage der jW vom 06.11.2013

Die Zukunft wird älter

Anders als einmal gedacht, ist Science-Fiction Gegenwart geworden

Axel Klingenberg
Das ist ganz im Sinne moderner Unternehmen, die von ihren Beschäftigten verlangen, Technik als Event zu begreifen. Denn sie sollen das Glück nicht mehr nach der Arbeit, sondern in der Arbeit suchen – soziale Technologie heute. Die wichtigsten Neuerscheinungen zum Thema werden vorgestellt. In kurzer Form, ganz so, wie es das Internet angeblich verlangt.

Was wir heute Science-Fiction, bzw. Social-Fiction nennen, hat seinen Ursprung in literarischen Utopien. Der Begriff »Utopia« wurde bekanntlich von Thomas Morus geprägt, einem englischen Staatsmann und katholischen Heiligen, dessen Vorstellung von einer perfekten Gesellschaft allerdings schon 1516 reichlich autoritäre Züge aufwies. Utopien und Antiutopien (Dystopien) sind daher oft ununterscheidbare Spiegelbilder. Als was sie jeweils angesehen werden, ist meist nur eine Frage der Perspektive – wenn man mal davon mal absieht, daß literarische Utopien dramaturgisch nicht viel hergeben, denn eine optimale Gesellschaft kennt naturgemäß auch keine Konflikte. Publikumserfolge waren daher auch immer nur Dystopien wie »1984« von George Orwell, »Schöne Neue Welt« von Aldous Huxley oder »Fahrenheit 451« von Ray Bradbury.

Fakt ist allerdings auch, daß Science- und Social-Fiction meist mehr über die Gegenwart aussagen als über die Zukunft. Anders gesagt: Die SF-Zukunft ist fast immer verlängertes, überzeichnetes Präsens. Das erklärt, warum diese Entwürfe so oft danebenliegen und zum Teil heute auch komisch wirken, wenn man sich zum Beispiel Jules Vernes’ Vorstellungen einer schießbaumwollegetriebenen Mondreise anschaut (von 1870).

In diesem Genre hat kein Buch oder Film die Zukunft daher exakt vorhergesagt. Zu komplex ist das Zusammenspiel aller technologischen und sozialen Komponenten. Viele Erfindungen sind im wahrsten Sinne des Wortes unvorstellbar, sie können nicht prognostiziert werden. Auch die beliebten Zeitreisen lassen noch immer auf sich warten.

Zuweilen ist man dann aber doch erstaunt, wie nahe manche SF-Bücher an der späteren Wirklichkeit sind. Nehmen wir zum den utopischen Roman »1984«, erschienen 1949. Big Brother hat es zwar bisher nur in den Container geschafft, doch scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis eine vollständige Überwachung aller Menschen zumindest technisch möglich ist.

In »1984« ist der Staat bemüht, seine Bürger sowohl lückenlos zu kontrollieren als auch umfassend – in seinem Sinne – zu informieren. Der Kampf um die Meinungshoheit kennt hier viele Mittel, dazu gehört auch die systematische Verblödung der »Proles« genannten Bevölkerungsmehrheit durch Populärkultur, womit wir wieder im Big-Brother-Container angekommen sind. Die allgegenwärtigen Fernseher erfüllen in dem Roman übrigens mehrere Funktionen, sie dienen auch der Videoüberwachung und können sogar zur individuellen Kommunikation genutzt werden – eine Art zentral gesteuertes Internet also. Ergänzt werden diese offensichtlichen Mittel durch eine heimliche Überwachung mittels Mikrofonen sowie durch die der Einschüchterung dienenden Hubschraubereinsätze.

Oder man schaut sich das Forschungsprojekt »Indect« der EU zur »präventiven Verbrechensbekämpfung« an. Dessen Ziel ist es, eine zentrale Schnittstelle zu entwickeln, in der Überwachungsdaten aus vielen unterschiedlichen Quellen miteinander verknüpft und von Computerprogrammen automatisiert auf mögliche »Gefahren« und »abnormes Verhalten« untersucht werden, lassen sich Parallelen erkennen. Dazu gehört unter anderem der Einsatz von Überwachungskameras und fliegenden Drohnen. Die auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse sollen mit Daten aus Chats und sozialen Netzwerken verknüpft werden – eine computergestützte Gesichtserkennung macht es möglich. Eine andere Variante stellt das US-amerikanische PRISM-Programm dar. Auch hierbei geht es um eine umfassende Personenobservation. Der Schwerpunkt liegt dabei ebenfalls auf Daten, die aus digitaler Kommunikation gewonnen werden.

Ein »Minority Report« wie ihn Philip K. Dick in den 1950er Jahren ersann (verfilmt 2002), ist gänzlich unnötig geworden. Heutzutage braucht man keine hellseherisch begabten »Precogs« mehr. Man muß nur bei Facebook, Google, Microsoft, Yahoo, Apple, AOL und Paltalk nachfragen, was die jeweilige Person meint, schreibt, sagt und tut – und voraussichtlich vorhat zu tun.
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Veröffentlicht in politische Literatur

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