Erfrischendes aus dem "Rotfuchs"

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Es hat etwas Befreiendes, wenn Menschen geschickt mit der Sprache umgehen, bildhaft verständlich sind und einen bei aller Verärgerung über den eigentlichen Sachverhalt schmunzeln lassen. Zumindest stellte sich bei dem folgenden RF-Artikel bei mir Vergnügen ein (Weiter so, Jungs):

 

 

Man sollte sich weder zum Affen noch zum Schwein mache

 

Hoch über einem Halseisen an der Görlitzer Peterskirche befinden sich zwei kleine Figuren: ein Schwein und ein Affe. Wirst du nicht erwischt, sollen die besagen, hast du Schwein gehabt, wenn doch, dann machst du dich zum A  f  fe  n  .   Z u  n  ä  c  h  s  t  w u  rden jene an den Pranger g e  s t  e l  l t  ,   w e l c  h e   ü  b e r  d ie S t  r änge der  „ gut en 

Sit  t en“ gesch lagen hatten: Diebe und Betrüger, Lästerer und Verleumder. Erst später diente e r   v  o r   a  l  l e m  der   p  o l  it  ischen Absch r eckung. 

Von Daniel Defoe wird berichtet, er habe dieses M i ßgesch ick 1703 i  n  L ondon  se i  ne r  Satiren   wegen   erfahren  . 

D o  c  h   e i  n  b ege i  s t  e r  t  e  s Publikum soll ihn statt der erwünschten Eier- und Tomatenwürfe mit Blumen 

überhäuft haben . 

Vielleicht kursierte diese Anekdote in der PDL-Fraktion, als sie sich in einer aktuellen Stunde des Sächsischen Landtags zum Thema „50. Jahrestag des Mauerbaus“ aus freien Stücken selbst an den Pranger begab. Glaubte deren rund 20 Jahre nach dem 13. August 1961 gebor ene Abgeo r dne t e F r eya-Ma r  i a K l  i nger, die sich offenbar einen lupenreinen Sozialismus aus der Retorte wünscht, also die realen Gegebenheiten, histor  i  s c  h  e  n   Z w ä  n  g e   u  n d   Ve  r k  nü p f  u  n  g e  n ausblendet, bei einem solchen Auditorium auf Verständnis zu stoßen? „Für den Mauerbau und das Unrecht in der DDR gibt es keine Rechtfertigung, keine moralische, keine politische, keine historische“, gab die junge Dame von sich. Ihr platter Wortschwall ergänzte gewissermaßen die sorgsam gewählten Sätze in der Erklärung der Hysterischen, pardon: Historischen Kommission der PDL zum 5  0  .   Jahrestag   des   Baus   d  e  r   B  e  r l  i  n  e  r Mauer.

Bei Klaus Steinigers Leitartikel im „RotF  uc h s “   16 3   g  i  n g   e s   n  ic ht   nu  r   u  m   d e n 13. August 1961. Seine Analyse und die dem gleichen Heft beigelegte Hamburger Thälmann-Rede des Genossen Egon Krenz sind aus meiner Sicht die exaktest en Aussagen zu d iesem um fassenderen Thema. Das liegt wohl daran, daß sich beide Autoren der materialistischen G e  s c  h  i c  h t  s au  f  fa  s s u  n  g   v  e  r  s c  h  r  i e  b  e  n haben, also mit den Füßen auf der Erde und m it  dem Kop f  de r  Zukun f  t  zugewandt bleiben. Das sollte auch unser aller Herangehensweise sein. 

Im Sächsischen Landtag und nicht nur dort ging und geht es indes keineswegs u  m   d  i e   s  t  ä  n  d  i  g   i  m   M u  n  d  e   g  e  f  ü  h  r  t  e „G e sc h  ic ht  sau  fa  rbe it  u  n g  “,  auc h  n  ic ht eigentlich um DDR, SED oder die Grenzziehung vor einem halben Jahrhundert, sondern einzig und allein um die Veräc htlichmachung  und mor  a  l  isc he  Ve rnichtung Linker weit über die Grenzen der PDL hinaus. Und ich weiß nicht, ob d  i e   „  a  n t  h  r  o p  o log  i  s  c  h  e  H e  r  a  n  g  e  h  e  n  sweise“ eines Redners dieser Partei in  der Debatte einfach nur populistische Zustimmungshascherei war oder ob sich der Akteur einmal mehr um Perfektion im Geschichtsverbiegen bemühen wollte: 

Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Gerhard Besier, vormals Chef des Dresdner Hannah-ArendtInstituts für Totalitarismus-Forschung, 

erklärte namens der Fraktion Die Linke: 

„ Sehen Sie, wir haben  in der Bundesr epublik eine ganze Reihe großer Persönlichkeiten gehabt – Filbinger, Kiesinger, die alle Nationalsozialisten waren und dann als untadelige Demokraten gearb  e  i t  e  t   h  a  b  e  n  .   E  s   w  a  r   n  i c  h t   i  h  r   k  o  nk  r  e t e s   Ve rh a  lt e n ,   sond e r  n   d  ie   A  rb e it  von investigativem Journalismus, von Historikern, die diese Menschen zu Fall gebracht hat. … Es gehört nun einmal zum Wesen von Menschen, daß sie sich irren, und es gehört auch dazu, daß sie neu anfangen möchten.“ 

So weit der Wortlaut. Wohlgemerkt: Der Redner sprach im Namen der PDL! 

Filbinger – ein ehrenwerter Mann? Der faschistische Militär-Staatsanwalt und -Richter hatte an mindestens 234 Marin e s t r a f v e r  fa h r e n   m i t g e w  i r k t ,   d a b e i 169mal als Vorsitzender Richter amtiert, 6 3ma  l  a  ls  A  n  k  läge r.  I  n  v  ie r  P  r  ozessen war er an Todesurteilen beteiligt, die er zweimal beantragt und zweimal gefällt hatte. 

S c  h o n   i  n   b r  i t  i s c  h e r   G  e fa  n g e n  s c  h a  f  t  , verhängte er am 29. Mai 1945 – immer noch amt  ie r end – übe r den Ge f  r e it en K  u  r  t   P  e  t  z  o l d   s  e  c  h  s   M  o  n  a t  e   G  e  f  ä  n  gn  i  s   f  ü  r   d  e  s  s  e  n   Ä  u  ß  e  r  u  n  g   g  e  g  e  nü  b  e  r e  i  n  e  m   h  o  h  e  n   m  i  l  i t  ä  r  i  s  c  h  e  n   Vo r  g  ese t z t en ,  de r  s ich eben fa l  l s  i m Lage r be fa  nd :  „  I  h  r  ha  bt  je t z t  au sgesc h  issen , Ihr Nazi-Hunde! Ihr seid schuld an diesem Krieg!“ Für Besiers „große Persönl  ichke it  “  Hans F i  l bi nge r  wa r  das e i n Fall von „Gehorsamsverweigerung und 

Erregung öffentlichen Ärgernisses“. Ein ander er  „ eh r enwer  t er Mann“ wa r der einstige CDU-Kanzler Kiesinger, unter de ssen  Ä g  ide  d  ie Not st a  nd sge se t ze  i  n de r  BRD  e i  nge f ü  h  r  t w u  r den .  E r  besaß d ie  NSDAP -M it g l  iedsnu  m  me r  2 6 3 3 9 3 0  u  nd f u  n g  ie r  t e   a  b   19  4  3   a  l s V  i  z  e  c  h  e  f   d  e  r   Rundfunkpropaganda-Abteilung im Auswärtigen A m t   d  e  s   i  n  Nü  r  n  b  e  r  g gehenk t en R i bbentrop. 

Kam bei Besiers empörenden Worten im Sächsischen Parlament etwa Un r uhe au f,  ent s t and Tumult, ertönten Pfiffe, hörte man Äußerungen der Entrüstung? Nichts d e r  g  l e i c  h e  n  .   „  B  e i  f a  l  l des Abgeordneten Andreas Storr, NPD“, vermerkt das Protokoll. 

Eine mutige Französin wie Beate Klarsfeld, die einst dem Bonner Nazikanzler Kiesinger ins Gesicht schlug, fehlte in 

d  ie s e m   S it z u  n g ssa a  l !   S o   bl ie b   e s   u  m Bes ie r   r uh i g.  Bevor  de r  übe r  den ve rflossenen Bonner Regierungschef ins S c  hw ä  r  m e n   g e k om  m e n   w a  r,   h at  t  e   e r die Geschichte eines Bischofs erzählt, 

d  e  r   e  r  s  t   „ Na t  io  n  a  l  s  o  z  i  a  l  i  s  t  “   –   i  n   d  e  r Wortwahl des Redners –, dann Sozialist gewesen sei und nach der „Wende“ begriffen habe, daß man auch den Sozial  i smus a l s e i n ve r b r eche r  i sches und 

falsches Regime betrachten müsse, die westliche Demokratie aber als das einz ig r  icht  ige Gesel  lscha f  t ssyst em .

A  u  s   „  r  e  i  n   a  n t  h  r  o  p  o l o  g  i  s  c  h  e  r   S  i  c  h t  “ wo l  lt e de r  wacke r e Abgeo r dne t e de r 

Linkspartei, der beim Hannah-ArendtInstitut die Geschäfte der Rechten besorgt hatte, offenbar sein parlamentarisches Publ  i kum r uh igst el  len : Schelten Sie doch bitte nicht unsere Partei! Auch wir haben uns gewandelt. Wir wollen 

Euch doch gar nichts tun! Unsere Vorgänger waren zwar eine Ansammlung totalitärer Schurken, wir aber haben 

uns – wie einst Filbinger und Kiesinger –  i nzw ischen  „ gehäut e t  “. E i n empörendes Spektakel!

Mein Fazit lautet: Eine Partei muß sich w e d e r   z u m   A  f fe n   n o c h   z u m   S c hw e i n m ac he n ,  u  m  Gehör  zu  finde n .  Popu  lar  i t  ä t   u  n  d   P  o p u  l  i  s mu  s   s  i  n  d   z w e  i   v  e  rsch iedene  Paa r  Schuhe .  B lumen ,  wie sie einst Daniel Defoe von seinen Londoner Bewunderern erhielt, kann man mit derlei Besier-Beiträgen, die beileibe ke i ne Sahne -Ba i se r s s i nd ,  wede r  von Freunden noch von Gegnern erwarten, da beide darob eher zu Eiern und Tomat en g r ei  fen dü r  f  t en .

Bernd Gutte, Görlitz

Veröffentlicht in politische Literatur

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