Frankreich und der Widerspruch

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Der in der "junge Welt" erschienene nachfolgend wiedergegebene Artikel ist wunderbar geschrieben und irgendwie sogar richtig, aber in letzter Konsequenz falsch - so wie der Satz "Von der vielen Untersuchungen wird der Patient nicht gesund" eben deshalb falsch ist, weil ohne Untersuchungen ... Klar.

Was soll ein Melenchon denn tun, nachdem er nun "nur" Vierter geworden ist? Soll er das Feld der reaktionäreren Figur überlassen, gegen die er zuvor mobilisiert hatte? Also unterstützt er den Weichspül-Kapital-Vertreter. Vielleicht klappts beim nächsten Mal. Wichtig war doch, dass sein Wahlkampf ein Zeichen für das wieder Zusammenrücken der radikalen Linken im Aufwind gesetzt hat. Dass sein tatsächlicher Stimmanteil den Trend zur Lächerlichkeit gestoppt zu haben scheint. Dafür mussten die Wähler schon auch brav ihre Stimme zählen lassen. Ergebnis: Es sind nicht nur 100000 Extremisten, die die neue Bastille stürmen wollen, sondern eine gesellschaftlich relevante Zahl erwachsener Franzosen, die mit einem nichtkapitlistischen Frankreich leben möchten.

Was wäre gewonnen, gingen die alle nicht zur Wahl? Dann wäre die einzige Wahl"erkenntnis": Frankreich rückt nach "rechts".

Eine absolut richtige Antwort gibt es nicht, aber eindeutig hat sich nur in einer verschwindenden Minderzahl von Fällen ein Wahlboykott als richtig für die revolutionären Kräfte erwiesen. 

(Den letzten beiden Absätzen wiederum stimme ich sehr gern zu ...)

 

Depression

Zur Wahl in Frankreich. Gibt es Alternativen? (Teil 3)

Zur französischen Präsidentschaftswahl diskutieren wir in loser Folge Alain Badious Büchlein »Wofür steht der Name Sarkozy?« (diaphanes 2008)

An der Abstimmung über den neuen Mann im Elysee beteiligten sich am Sonntag 78,7 Prozent der wahlberechtigten Franzosen. »Wären sie besser zu Hause geblieben«, ist in Badious hier diskutiertem Büchlein eine Einschätzung, die dabei helfen kann, aus der allgemeinen Depression herauszufinden. Die Anteilnahme an solchen Urnenspektakeln führt unter den gegebenen Umständen immer nur tiefer hinein.

Gleich nach Bekanntgabe der völlig absurden Ergebnisse der ersten Runde um den Elysee-Palast, die, ganz klar, niemanden überraschten, rief Jean-Luc Mélenchon zur Unterstützung François Hollandes auf (»pour battre Nicolas Sarkozy«). Von Hollande wird die Durchsetzung einer Art »Agenda 2010« erwartet, und wie sollte er diese Hoffnungen, da sie von höchster Stelle in ihn gesetzt werden, enttäuschen? Er ist Sozialdemokrat. So hält der Kapitalismus Händchen mit der Wählerdemokratie. »Nicht umsonst glaubte Marx« mit Badiou, »einer solchen ›Demokratie‹ nur eine vorübergehende Diktatur, die er Diktatur des Proletariats nannte, entgegenstellen zu können.«

Leider nun sei es im letzten Jahrhundert – nicht einmal knapp – verpaßt worden, »einen Staat der Diktatur des Proletariats im Marxschen Sinn zu errichten, also einen Staat, der den Übergang zum Nichts-Staat organisiert, eine Macht der Nicht-Macht«. Und in der mittelbaren Folge ist die Linke heute ein so schwacher Begriff, daß Badiou auf ihn ganz gut verzichten kann: »Es war Breschnew, der Mann der Stagnation, und vor allem Gorbatschow, der Mann der bedingungslosen Reform, welche die Welt der ›Linken‹ in eine Misere gestürzt haben, von der keiner weiß, wann sie sich davon erholen wird. Vielleicht ist das, was man wünschen muß, auch ganz einfach der Tod dieses Referenzbegriffs. Meinetwegen.«

Wo aber soll das Wahlvolk hin mit seiner Depression? Erstmal ist für den gemeinen Demokraten unserer Tage natürlich der Seelenklempner zuständig, meint Badiou, und empfiehlt dem Wahlvölkchen gegen das, »was Lacan ›den Dienst an den Gütern – le service des biens‹ nannte«, eine Kur mit Lacans Zielsetzung, »die Ohnmacht zur Unmöglichkeit zu erheben«. Nicht länger in Kabinen mutmaßlich kleinste Übel anzukreuzen, wäre ein Teilerfolg dieser Behandlung. In Frankreich hätte man am Sonntag besser einem vom Wahlzirkus Ausgeschlossenen – »einem marokkanischen Arbeiter oder einer Hausfrau aus Mali« – bestätigt, daß es nur eine Welt gibt, man also in derselben lebt wie sie oder er.

Wir wissen mit Badiou gerade nicht viel genauer, wo es links lang geht, aber außer Frage steht, »daß der Kommunismus die richtige Hypothese ist. Es gibt in Wahrheit keine andere, jedenfalls kenne ich keine«. Sie vielleicht? Wenn ja, reduziert sie das nach unserer Einschätzung sicher auf ihre »Animalität«, die heute Konkurrenz heißt – Sie hätten also Tiernamen verdient.

Wer sich genauer für die Funktion Frankreichs in der Bewegung interessiert, wird von Badiou an »Lenins schönen Text ›Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus‹« verwiesen.

(xre)

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