Für die Zukunft lernen (2)

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Und nun wäge man die Lieberam-Aussagen neu ab und übersetze sie ggf., wobei sie damit richtig würden: Die weltweite Revolution hin zum Beginn des Sozialismus – und man sollte nicht unterschlagen, dass Marx diese logisch als abgeschlossen unterstellte – hat nämlich eigene Gesetze und Regeln … womit nicht gesagt sein soll, dass die sofort nach dem Sieg verschwunden sind.

Alle Beziehungen, die die Menschengruppen in dieser Zeit dort eingehen, wo sie meinen, den Sozialismus aufzubauen, stehen in einem verzerrten Spannungsfeld: bereits in unterschiedlichem Umfang durchaus schon Motivationen, die aus sozialistischem Boden erwachsen, aber immer überlagert und verzerrt aus dem äußeren Beziehungsgeflecht mit dem umgebenden Globalgegner.

Um das mit einem Bild zu veranschaulichen: Eine Reihe zusammengebundener Baumstämme sind ein wunderbarer Untergrund, um darauf die herrlichsten Dinge zu veranstalten. An der Oberfläche geglättet sind sie Fundament eines Hauses oder Fußboden, auf dem man an jeder Stelle einen Schlafplatz anlegen kann, spielen kann und vieles Andere mehr. Nicht umsonst hat das Konstrukt einen eigenen Namen, sobald es auf dem Wasser schwimmt. Dann nennt man es Floß und jedermanns Fantasie reicht aus, um sich mehrere Dinge vorzustellen, welche Sachen man darauf nicht uneingeschränkt machen kann. Um nur nur eines herauszugreifen: Es ist dann unangebracht, wenn alle Menschen darauf zu einer Ecke gehen. An Land kann man das – weshalb das „Floß“ keines mehr ist.

Diese Erkenntnis vom Sozialismus als lang andauernde, relativ selbständige Gesellschaftsordnung, die zweifelsohne mit wesentlichen Aussagen von Karl Marx in den Randglossen zur Kritik des Gothaer Programms von 1875 nicht übereinstimmt, formulierte Walter Ulbricht am 12. September 1967 auf der »Internationalen wissenschaftlichen Session« zum Thema »100 Jahre ›Das Kapital‹« in Berlin. Er sprach sogar von einer selbständigen »Gesellschaftsforma­tion«. Unter Erich Honecker wurde diese Position relativiert. Die KPdSU wertete sie als revisionistische Abweichung. (…)

Die These vom Sozialismus als relativ selbständiger Gesellschaftsordnung besagt, daß es im Sozialismus auf absehbare Zeit um die Nutzung und die Entwicklung der Ware-Geld-Beziehungen geht. Gewinn, Zins und Kredit sind keine Muttermale der alten Gesellschaft, sondern eminent wichtig, um die Produktivkräfte voranzubringen und die sozialistische Gesellschaft zu gestalten. Der Sozialismus hat eigene ökonomische Gesetze und spezifische soziale und politische Widersprüche. Die Arbeitsteilung vertieft sich. Der Sozialismus ist eine Klassengesellschaft, aber eine ohne Ausbeuterklassen.

Ein in absehbarer Zeit möglicher Übergang zu einer Gesellschaft ohne Warenproduktion und ohne Geld ist nach allen Erfahrungen des Realsozialismus eine illusionäre Utopie, wie sie eben auch Eingang in den Marxismus fand. Daß manche dies vehement bestreiten, zeigt, wie schwierig selbst in elementaren Fragen die Debatte um die theoretischen Schlußfolgerungen aus den Erfahrungen des sozialistischen Aufbaus für die Gestaltung eines zukünftigen Sozialismus ist.

 

Die letzte Aussage empfinde ich nun sogar als antikommunistisch. Klammern wir einmal die Unbestimmtheit des Ausdrucks „absehbare Zeit“ aus, worunter jeder sicher Anderes versteht, so sind die „Erfahrungen des Realsozialismus“ kein Maßstab. Richtig ist (nur), dass besagter Übergang unter Bedingungen der Umkreisung durch einen bedeutsamen Weltkapitalismus GAR NICHT möglich ist. Erst wenn diese Bedingungen weggefallen sind, beginnt Marx´ Charakteristik des Sozialismus, kann eine Gesellschaft sich entfalten, die so sozialistisch werden kann, dass sie auch kommunistisch werden könnte.

Das sollte uns allerdings nicht am Nachdenken und Handeln hindern, erneut in eine Phase des weltweiten Revolutionierens der Verhältnisse einzutreten, die erst einmal den „Sozialismus“ zum Ergebnis hat. Wie lange der dann dauert, ist ein Problem der Generation, die ihn als ihre hineingeborene Lebenswirklichkeit erlebt – und als überholt erkennt.

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Veröffentlicht in DDR

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