Für die Zukunft lernen (8)

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Wirtschaftliche Dynamik

Viertens: In der Wirtschaft und bei der Gestaltung eines dem Kapitalismus überlegenen ökonomischen Systems des Sozialismus gab es beachtenswerte Erfolge und im Zusammenhang mit dem Neuen Ökonomischen Systems (NÖS) eine wissenschaftliche und gesellschaftliche Debatte auf hohem Niveau, umfangreiche Reformbestrebungen und Experimente. Seit Mitte der siebziger Jahre und mit der Abkehr vom NÖS ließ die wirtschaftliche Dynamik nach. Der Dauermangel, d.h. das Zurückbleiben des Gesamtangebots an Gütern und Leistungen hinter der zahlungsfähigen Gesamtnachfrage, konnte nie wirklich überwunden werden.

 

Hier warne ich vor der im Zusammenhang mit der Grundeinschätzung „Sozialismus“ verbundenen Verabsolutierung. M.E. ist zwingend richtig, dass in einer WELT, die von den ökonomischen Gesetzen des Kapitalismus beherrscht wird, die auch andere Sphären durchdringen, alle Maßnahmen, die diesen Gesetzen nicht entsprechen, sich trotz, ja z.T. wegen ihrer menschenfreundlichen Absicht sich als in (vor?)letzter Konsequenz kontraproduktiv erweisen. Mit Ausnahme der HOFFNUNG, dass bei erreichter offensichtlicher Überlegenheit dies ein Ausschlag gebendes Element dieser Überlegenheit des Sozialismus bei der sozialistischen Revolution in den imperialistischen Staaten ist, ist auf kein technisches Mittel zur Effizienzsteigerung eines (kapitalistischen) Unternehmens a priori zu verzichten. Das NÖS ist allerdings nur eine Notwendigkeit des Noch-nicht-Sozialismus. Die Illusion, den Sozialismus schon zu haben, führte zur katastrophalen Abkehr von einem eigenen Reaktionsmechanismus.

Hinsichtlich der wirtschaftlichen Leistungskraft lag die DDR nach Schätzungen westlicher Banken seit den siebziger Jahren an zehnter Stelle der Industrienationen. Im Durchschnitt stieg das Bruttoinlandprodukt der DDR von 1951 bis 1989 um 4,5 Prozent. 1950 lag das Verhältnis BIP/pro Kopf der Bevölkerung der DDR gegenüber der Bundesrepublik bei 19,3 zu 100 – 1989 bei 42,9 zu 100.4

Außerordentliche ökonomische Belastungen verhinderten, daß die wirtschaftliche Leistungssteigerung direkt und hauptsächlich ihren Ausdruck im wachsenden Volkswohlstand finden konnte. Allein für Reparationen, Besatzungskosten, Uranerzbergbau sowie Bewaffnung und Technik im Rahmen der Verteidigung mußte die DDR etwa 150 Milliarden Mark verwenden.

 

Neben Ungarn war es vor allem die DDR unter Walter Ulbricht, die ab 1963 mit dem NÖS sehr grundlegende Wirtschaftsreformen in Gang setzte. Ausgangspunkte und Ziele waren die Förderung des materiellen Eigeninteresses der Betriebe, also der Eigenerwirtschaftung ihrer Mittel, insgesamt die Verbindung von Demokratie und Plan, die weitere Vergesellschaftung des sozialistischen Eigentums durch tatsächliche Aneignung entsprechend dem Grundsatz: »Die Produzenten, die Eigentümer der Produktionsmittel, werden sich nur als Eigentümer verhalten, wenn sie tatsächlich Eigentümer sind.« (Uwe-Jens Heuer).

Von 1962 bis 1966, in fünf Jahren, erhöhte sich die Industrieproduktion der DDR um 25 Prozent, im Bereich der Meß-, Steuer- und Regelungstechnik um 85 Prozent. Es gab ökonomische Experimente in Groß- und Mittelbetrieben, die sehr erfolgversprechend waren. In der Phase der Einführung des NÖS (1966 bis 1970) lag die Steigerung des BIP bei fünf Prozent (nach anderen Zahlen bei 5,5 Prozent); 1986 bis 1989 lag sie nur noch bei 2,1 Prozent.

In einer sehr lesenswerten Schrift schreibt Harry Nick, daß es das NÖS im Sinne des Prinzips der »Eigenerwirtschaftung der Betriebe« nie wirklich gegeben hat, weil das mit dem bestehenden politischen System, in dem über 80 Prozent der Investitionsmittel zentral entschieden wurde, nicht vereinbar war. Mit der Einführung des NÖS hätte die politische Führung im Rahmen der volkswirtschaftlichen Gesamtstrategie lediglich noch über 20 Prozent entschieden.6 Maßgebende
Politiker der SED und der KPdSU hatten mit einer derartigen Reform augenscheinlich nichts am Hut.

Auf jeden Fall ist Harry Nick im Grundsatz zuzustimmen: »Es ist ein Jammer, daß es praktische Erfahrungen über ein Wirtschaftssystem von der Art des NÖS nicht gibt.« Gefragt werden muß allerdings, ob nicht doch in den Debatten der sechziger Jahre und in den damaligen praktischen Experimenten zumindest Ansätze für derartige Erfahrungen gemacht wurden. Vieles spricht dafür, daß die DDR mit dem NÖS ein tragfähiges Konzept zur Beantwortung der Frage entwickelt hatte: Wie soll ein taugliches ökonomisches System des sich entwickelnden Sozialismus aussehen? Eine unmittelbare Superlösung ergibt sich daraus sicherlich nicht, aber womöglich der taugliche Ansatz für eine Lösung. Ohne ein funktionsfähiges ökonomisches System scheiterte der sozialistische Aufbau in der DDR letztlich an mangelnder Konkurrenzfähigkeit mit den kapitalistischen Industriestaaten. Und ohne ein solches System wird es der Sozialismus im 21. Jahrhundert sehr schwer haben.

 

In unmittelbarer Konfrontation mit „staatsmonopolistischem Kapitalismus“ wird es jeder Sozialismus-Ansatz schwer haben. Schließlich steht er vor der Aufgabe, Aufgaben der Menschlichkeit zu lösen, die in unmittelbar marktwirtschaftlicher Bewertung erst einmal zukunftsträchtige Investitionskraft rauben. Der Sozialismus / Kommunismus muss aber gerade WEGEN seiner Menschlichkeit siegen, weil er sich diesen LUXUS leisten WILL ...

 

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