Geld, Zins, Finanzen, Kapital (5)

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Eines muss noch hervorgehoben werden, vor allem, weil es in seinem (potentiellen) Ausmaß ein neuer Prozess ist.

Grundsätzlich und von jeder gesellschaftlichen Form der Wirtschaftsgestaltung unabhängig entsteht neuer Wert nur durch menschliche Arbeit im Zusammenspiel mit der Natur. (Schöner diskutiert in Marx´ Kritik des Gothaer Programms) In einem vernünftigen Sinn sollte man unter „(neuem) Wert“ die Gesamtheit aller Güter und Dienstleistungen verstehen, die direkt menschliche Bedürfnisse befriedigen.

Diese „Definition“ wirft mehrere Probleme auf.

Das erste: Nicht jede ihrem sachlichen Inhalt nach sinnvolle, weil auf die Befriedigung von Bedürfnissen gerichtete Tätigkeit befriedigt diese letztlich auch. Anders gesagt: Man mag mehr Lebensmittel herstellen, es gibt genug, die sie begeistert verschlingen würden, weil sie hungrig sind, aber sie besitzen kein Geld zum bezahlen. Ein typisches kapitalistisches Problem, das durch weltweite Ghettoisierung verborgen werden soll.

Das zweite: Was ist ein direktes menschliches Bedürfnis? Böserweise habe ich hier auf die gesellschaftlichen Bedingungen verzichtet. Die gesellschaftlichen Bedingungen aber schaffen in ihrer Logik selbst Bedürfnisse. In einer Welt, in der die meisten zwischenmenschlichen Beziehungen (nur) über Geld funktionieren, wird der Besitz von Geld selbst zum Bedürfnis. „Man“ möchte über ausreichendes allgemeines Äquivalent verfügen, damit man sich das „eigentliche“ Bedürfnis befriedigen kann. Weil die Existenzbedingungen an sich unsicher sind, möchte man über eine Versicherung das Gefühl der Sicherheit kaufen (können). Ja, für den Kapitalisten ist die Erwirtschaftung von mehr Geld aus seinem Geld ein notwendiges Bedürfnis, weil es Voraussetzung ist, damit er Kapitalist, in seinem Selbstverständnis also „Unternehmer“ bleiben kann. Dass es eigentlich perverser Unsinn ist, dass sich jemand sorgt, ob aus seinen 16 Millionen oder Milliarden 17 werden, liegt eigentlich auf der Hand. Irgendwann verselbständigt sich also das fiktive /virtuelle Bedürfnis, das in Geld ausgedrückt ist, von jedem realen Lebensbedürfnis … es ist aber dann zusätzlich da. Es ist vergleichbar mit dem ideellen Masturbations-Orgasmus eines Menschen vor einer Schatztruhe, der ausruft: „Meins! Alles meins!“ Es geht ihm in diesem Moment ja nicht darum, was er tatsächlich mit dem Schatz anfangen wird, sondern es geht um den Rausch der Potenz, alles Mögliche damit anfangen zu können. Dieses Bedürfnisgefühl abstrahiert davon, dass der überwiegende Teil der potentiellen Bedürfnisse praktisch nie verwirklicht werden können.

Besitz von Geld simuliert ein gewisses Gefühl von Sicherheit (natürlich eine bedrohte, da der Besitz an das potentielle Diebstahls-Verlangen anderer gebunden ist.

 

Derartige sich selbst produzierende und potenzierende Gefühlsbedürfnisse schaffen eine Art Spezialmarkt. Dieser „Markt“ handelt mit der „Ware“ „Besitzvermehrungsgefühl“. Prinzipiell gab es das schon zu Zeiten der Schatzinseln. Zu dieser Zeit war es aber sowohl nebensächlich als auch nicht störend. Genau genommen war doch egal, wer sich am Klimpern von Goldstücken befriedigte, sie waren vorhanden und konnten als echte Ware der gesellschaftlichen Reproduktion beliebig zugeführt oder entzogen werden.

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