Gestern war der 17.Juni 1953

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Es war ein Geheimtipp eines griechischen Genossen. Es gäbe so eine Marzahner Runde von Linken. Die träfen sich einmal im Monat; das könnte was für mich sein.

Die ersten Eindrücke waren gemischt. Die Leiterin des Gesprächskreises empfing mich mit der Selbstbeschreibung, sie seien die erste Runde gewesen, die sich gegen die Konterrevolution zusammengefunden hätten. Das konnte ich akzeptieren. Dann aber kam das Traurige, das auch als Eindruck zurückblieb: Versammelt waren ausschließlich ältere und alte Menschen. Es fehlten schlicht die nachrückenden Generationen. Nachdem ich nun die Veranstaltung miterlebt hatte, tut mir dies noch mehr weh.

„Gastreferent“ war Norbert Podewin. Er hielt seinen Vortrag als Mischung aus Zeitzeugenbericht und Geschichtswissenschaftler. Nach einer Pause folgte dann eine Diskussion, in der sich u.a. mehrere weitere Zeitzeugen zu Wort meldeten. Lohnend wurde das Ganze besonders im Zusammenspiel der Beiträge, was Norbert zum Abschluss auch so einräumte.

Die Veranstaltung hätte aufgezeichnet zu werden verdient – als Unterrichtsmaterial in Schulen der heutigen Zeit. Zum einen wegen der geballten Ladung an Zeitzeugen, zum zweiten wegen des Umfangs an Inhalt und Erkenntnissen, zum Dritten wegen der Art, in der hier ein Thema bearbeitet wurde. Es tut einfach weh, dass sich so etwas aus „biologischen Gründen“ nicht wiederholen lässt.

Norbert Podewin leitete die Ereignisse aus den Fehlern der eigenen Führung und der internationalen Lage her – wobei er die Strategien des Westens weitgehend zurückstellte. Ausgangspunkt also die Stalinnote vom März 1952. Die Versuche der Sowjetunion, ganz Deutschland in eine Art dauerhaft Schweiz / Österreich zu verwandeln, also einen blockfreien bürgerlich-demokratischen Staat. Die Widerstände wesentlicher politischer Kreise auch im Osten, damit die Errungenschaften in Richtung Grundlagen des Sozialismus in Frage gestellt zu sehen. Die Entscheidung, den Sozialismus in der DDR aufbauen zu wollen bei gleichzeitiger durch die Sowjetunion und die internationale Lage verschärft ungünstiger wirtschaftlicher Lage. Erstmals die große allgemeine Enttäuschung: In einem Zuge wurde die wunderbar leuchtende Zukunft versprochen, die konkreten Maßnahmen bedeuteten für große Teile der Bevölkerung – und eben nicht nur für die „Klassenfeinde“ sichtbare Verschlechterungen der alltäglichen Lebensbedingungen.

Interessant auch die Andeutungen zu modernen „Revolutionserlebnissen“: Die real brodelnde Unzufriedenheit im eigenen Land, die Unruhen dazu, wurden von außen „instrumentalisiert“. Was anfangs eine interne Revolte um den richtigen Kurs beim Aufbau einer besseren Welt hätte werden können, wurde nun – organisierend, aber eben auch mit der massenweisen Einschleusung von Provokateuren und Arbeiter-Fakes zur versuchten Konterrevolution.

Die Diskussion forderte stark das dialektische Herangehen: „Schuld“? Man kann es dem Gegner auf der Westseite, der gerade die NATO als Machtfaktor stärken wollte, nicht verdenken, dass er alles unternimmt, um jeden Fortschritt im Osten wenigstens zu stören. Insofern boten die gehäuften Fehler der eigenen Führung und die Verunsicherung um die Führung der sozialistischen Gemeinschaft nach Stalins Tod den Anlass zum Zuschlagen. Es war klar, dass sich die Verhältnisse schon Tage später von selbst geklärt hätten.

Es wurde auch klar gestellt, dass der Ausdruck „Volksaufstand“ schlicht eine Propagandablase ist. Aber wie das gezeigt wurde … das müssten gerade junge Leute gesehen haben. Es wurden letztlich ALLE Faktoren, die die Entwicklung im Osten Deutschlands beeinflussten, angesprochen. Wie sehr hätte ich mir da Gymnasiasten hergewünscht, die ihre Zweifel in die Diskussion eingebracht hätten. Denn die hätten einen gemeinsamen Gedanken der Runde nicht geteilt: Der Sozialismus ist wünschenswert. Und dann hätten die Zeitzeugen zeigen können … er ist so gut, wie er durch die Menschen gemacht wird ...

 

PS: Die Schlussbemerkung der Leiterin der Runde bezog sich auf den Parteitag der DKP: Nun könne man diese Partei wieder empfehlen ...

 

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