Grommens böse Prophezeiung ...

Veröffentlicht auf

In der WE-Ausgabe wagte die "junge Welt" einen Ausflug in bürgerliche Gesellschaftswissenschaft - und da Rainer Rupp diesen Ausflug untenahm, kam das Echo eines Unkenrufs des eigenen Untergangs heraus. Nur sollte man nicht zu voreilig urteilen: Was besagter Herr Grommen hier macht, ist materialistisch leicht deutbar. Im Prinzip sagt er, marxistisch ausgedrückt" nur, dass sich die Produktivkräfte nicht gleichmäßig entwickeln, sondern in Phasen, die bestimmte Rückschlüsse auf Veränderungen der gesellschaftlichen "Ordnung" wahrscheinlich erscheinen lassen. Seine aktuelle Vorhersage in Luxemburgisch: "Sozialismus oder Barbarei", mit seinen warnenden Worten: "Revolution oder Krieg". Äääääh ... Sollte da für Komm- und Sozialisten, wenn wir denn die Wahl zwischen diesen Alternativen haben sollten, die nicht leicht fallen?

 

05.01.2013 / Kapital & Arbeit / Seite 9Inhalt

Ende einer Ära

Kaum noch Innovationen, hohe Verschuldung der Wirtschaftssubjekte, mehr Armut: Wissenschaftler sieht dritte industrielle Revolution in letzter Phase

Von Rainer Rupp
Die Wirtschaft durchlebt eine Dauerkrise. Seit deren Ausbruch 2007 bewegt sich nicht mehr viel. Was die einen als längere Schwächephase bezeichnen, benennt der niederländische Wissenschaftler Wim Grommen als Endephase einer Ära: »Die Dritte Industrielle Revolution ist eindeutig in ihre Saturations- und Degenerationsphase« eingetreten, schreibt der Mathematiker, Physiker und Experte für gesellschaftliche Transformationsprozesse seinem aktuellen Beitrag für das bevorstehende internationale Symposium zum Thema »Die Wirtschaftskrise – Zeit für einen Paradigmenwechsel«, das am 24. und 25. Januar 2013 an der Universität von València in Spanien stattfindet. Für die friedliche Zukunft unserer Gesellschaft sei dies höchst gefährlich, schreibt Grommen. Denn am Ende einer jeden industriellen Revolution sei stets der gesellschaftliche Wohlstand bedroht gewesen. Die Geschichte habe aber gezeigt, daß eine stabile Gesellschaft auf fünf unabdingbaren Pfeilern ruht: »Nahrung, Sicherheit, Gesundheit, Wohlstand (nicht nur für eine kleine Minderheit) und Wissen.«

Jede der drei bisherigen industriellen Revolutionen hätten zu tiefgreifenden Transformationen nicht nur in den Produktionsverhältnissen, sondern auch in den sozialen Strukturen der menschlichen Gesellschaft geführt, so Grommen. Er beschreibt den Umwandlungsprozeß als Abfolge von insgesamt fünf Phasen: Am Beginn stehe eine Prä-Entwicklungsphase. Die sei gekennzeichnet durch neue Ideen, Erfindungen und sozioökonomische Veränderungen, die jedoch den aktuellen Status Quo noch nicht sichtbar veränderten. Es folge die »Take-Off«-Phase. Hier führt der Veränderungsprozeß zu sichtbaren Ergebnissen im technischen System. Diese gehe in eine dritte Phase über, in der die neuen Produktivkräfte eine explosionsartige Entwicklung erfahren und zu sichtbaren Veränderungen in den soziokulturellen, wirtschaftlichen und institutionellen Bereichen führen. In der folgenden Stabilisationsphase lasse dann die Geschwindigkeit des soziologischen, technischen und wirtschaftlichen Wandels nach und am Endpunkt stehe die Degenerationsphase. In der zeigten sich die Märkte durch Überproduktion saturiert (übersättigt), die Profitmargen seien durch verschärfte Konkurrenz geschrumpft. In einem harten Konzentrationsprozeß überlebten nur noch die Stärksten, und es mangelt an neuen Ideen und technologischen Durchbrüchen.

Am Ende einer solchen Entwicklung sei »jedes Mal« der Pfeiler des gesellschaftlichen Wohlstands weggebrochen, so niederländische Forscher. Zuletzt sei dies in der Degenerationsphase der Zweiten Industriellen Revolution, die um 1870 begann und deren Stabilisierungsphase um 1930 endete, zu beobachte gewesen.

Die dritte industrielle Revolution habe um 1940 in den USA vor allem mit den Bemühungen begonnen, Computertechnologie für militärische Zwecke einzusetzen. In den 50er Jahren setzte sich die Take-Off-Phase zuerst im US-Raumfahrtprogramm durch, während Japan begann, sich auf dem Gebiet der industriellen Nutzung von Computern und dem Bau von Robotern zu spezialisieren. Zu Beginn der 70er Jahre griff dieser Prozeß auch auf Europa über. Der steile Anstieg begann um 1980 mit der Einführung von Mikroprozessoren. Dies hätte die folgenden Durchbrüche und ihrer Anwendung in allen Lebensbereichen überhaupt erst ermöglicht. Daraus folgte zu Beginn des neuen Jahrtausends die »digitalen Revolu­tion«, eine Entwicklung mit sichtbaren Veränderungen in den soziokulturellen Bereichen der Gesellschaft. In den entwickelten Volkswirtschaften wurde zugleich der Erwerb, die Verarbeitung und die Kanalisierung von Informationen scheinbar wichtiger als der reine Produktionsprozeß.

Inzwischen scheint die Stabilisationsphase, in der die Geschwindigkeit des soziologischen und technischen und wirtschaftlichen Wandels nachläßt, in die der Degeneration übergegangen zu sein, so der Niederländer. Er verweist darauf, daß es nur noch »wenige neue Erfindungen oder Entdeckungen« gibt. Selbst in der Informationstechnologie habe es zuletzt »keine bahnbrechenden technischen Änderungen mehr gegeben, auch wenn uns die amerikanische Marketingmaschine das gerne glauben machen« möchte.

Aktuell sei, so Grommen, die Menschheit mit den gleichen Problemen wie Anfang der 1930er Jahre konfrontiert. Das werde auch durch die stark steigende Arbeitslosigkeit, die hohen Schulden von Unternehmen und Regierungen, die schlechte finanzielle Lage der Banken und die überall zunehmende gesellschaftliche Armut unterstrichen, während die wenigen Reichen immer reicher würden. Die Säule des gesellschaftlichen Wohlstandes, auf der die Stabilität ruhe, sei »wieder einmal dabei einzubrechen«, warnt der Wissenschaftler. Und er verweist darauf, daß die Geschichte der Menschheit gezeigt habe, daß das dies immer zu Revolutionen oder Kriegen geführt habe.

Veröffentlicht in unsere Epoche

Kommentiere diesen Post