Grünbuch Kommunismus - Teil 2 zu "Gemeinschaft der Glückssüchtigen" - Erstideen (3)

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... Eine vernünftigem Denken entgegenkommendere Variante wäre Lenins Schrift „Drei Quellen und Bestandteile des Marxismus“. Die Schrift hat natürlich trotzdem den Fehler aller anderen Varianten. Sie ist eben die Meinung eines Mannes, hier Wladimir Illitsch Uljanows, genannt Lenin. Sie hat allerdings mehrere Vorzüge: Zum einen macht sie die Weltanschauung als Komplex verständlich. Sie zeigt also das Zusammenspiel geschichtlicher Entwicklungen mit den Möglichkeiten, aus der Betrachtung der Geschichte ihre über das Heute hinausgehende Konsequenzen abzuleiten. Dabei wird durch das Geflecht oberflächlicher Erscheinungen nach deren tiefsten Wurzeln gesucht. Die werden zu einer Philosophie im Sinne einer Metawissenschaft zusammengeführt und, soweit es die Gesellschaftswissenschaften betrifft, auf die politische Ökonomie zurückgeführt.

Nun ist aber Lenins Schrift 100 Jahre alt. …

… So hätte es noch weitergehen können … Irgendetwas gefiel mir daran aber nicht. Also schlug ich mir einen neuen Anfang vor.

Vielleicht sollte ich mit dem Ausdruck „Neokommunismus“ beginnen? Ist das eine glückliche Entscheidung?

Also das erinnert an „Neoliberalismus“, also einen modernen Kampfausdruck für heutige Wirtschaftsprinzipien. In dem Ausdruck steckt „Liberalismus“ drin – eine ideale Illusion aus der Zeit, als das, was Linke und andere Vernunftbegabte als „Kapitalismus“ bezeichnen, noch im Aufblühen war. Bei all den Spielarten der Theorie, die dem Kind von vornherein einen anderen praktischen Weg vorzeichneten, hatte die Idee doch einen rationalen Kern: Ins Handeln der Menschen sollten möglichst wenig höhere Gewalten eingreifen. Die vernünftigsten Lösungen setzten sich quasi im freien Spiel der Kräfte von selbst durch. Die „vernünftigste Regelung“ der Wirtschaft sei in letzter Konsequenz das freie Spiel der Marktkräfte.

In dieser Phase waren das ungeheuer fortschrittliche Gedanken, weil sie sich ja praktisch gegen die Unmasse von „Vorschriften“ feudalistischer Natur richteten. Für wie viele Menschen endete praktisch ihr freies Handeln an den Grenzen irgendeines Lippe-Detmolds mit seinen Zollschranken oder an der Vorgabe der Gewerbetätigkeit durch Zunft oder Gilde. Endlich Fortschritt auszuprobieren das hieß eben, weg mit einer die Kreativen einschränkenden Macht.

Nein, ich möchte mich hier nicht über die Geschichte der braven Liberalen auslassen. Auch in den meisten veröffentlichten Theorien brechen sie irgendwo ihre eigene Logik, wollen sie z.B. das freie Spiel der Kräfte letztlich durch eine Staatsgewalt absichern. Zum einen sahen die Jungs also ein, dass sich ihr System eben nicht automatisch einstellt, zum anderen erkannten sie, dass sich das freie Spiel der Kräfte auch real gegen sich selbst richten könnte. Das konnten z.B. Gewerkschaften sein, also die Organisation der ganz Kleinen zu einer ernst zu nehmenden Kraft, letztlich waren es aber die Tendenzen zum Imperialismus, also der Zwang der Kapitalisten, im Kampf mit den anderen überlebensgroß zu werden, die die Theorie etwas mottenfraßig werden ließ.

Der Neoliberalismus modifiziert alte Wunschbilder entsprechend neuen Gegebenheiten. Dabei blieb überwiegend der reaktionäre Aspekt des Ausgangsgedankens übrig: Hindere die Kleinen, sich zwecks Änderung der Verhältnisse zu einer kampffähigen Macht zusammenzuschließen.

Dazu kommt die Kunst der Großen, durch formale Selbständigkeiten ein System faktischer Abhängigkeiten vom im Leninschen Sinn „Monopol“ zu zementieren. Also das Konkurrenzunternehmen, der Zulieferer usw. wird nicht mehr äußerlich geschluckt, sondern eingebunden, eigene Risikoteile werden sogar „ausgesourced“, um die reale Profitballung nicht zu gefährden. Dabei entstehen so paradoxe Produkte wie „systemische Banken“, also solche, die so groß sind, dass sie zum Selbsterhalt bei Wirtschaftsmängeln Staatshaushalte aussaugen. Wieder ein Beleg, dass vom ursprünglich positiven Ansatz nichts mehr übrig geblieben ist.

 

Und dann Neokommunismus?!

Beim Kommunismus liegt die Sache anders. Kommunistische Utopien entsprangen bisher immer gesellschaftlichen Gesamtverhältnissen, in denen diese Ideen in der Wirklichkeit nicht hätten umgesetzt werden können. Für die bis dahin zu analysierende Vergangenheit vermochten Marx und Engels das überzeugend darzulegen. Unter Bedingungen, in denen eine Art „mathematischer Gesamtdurchschnittsreichtum“ Mangel für alle bedeutet hätte, musste natürlich die Beseitigung ordnender Herrschaftsinstrumente solchen Mangel für jeden fassbar machen. In „Gemeinschaft der Glückssüchtigen“ findet sich z. B. ein Zitat aus dem „Kapital Band 3“, mit dem Marx das Reich der Freiheit in eine Welt rückt, in der der Überlebenszwang zum Arbeiten nicht mehr besteht. Dabei musste wirklich viel gearbeitet werden ...

Trotzdem versuchen die Klassiker moderner kommunistischer Weltauffassung die Möglichkeit einer erfolgreicher Revolution aus der in der Großproduktion gereiften arbeitenden Klasse und den Verfall der kapitalistischen Gesellschaft aus dem Widerspruch von gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung zu erklären. Wäre dies so abstrakt richtig, wäre der Kapitalismus nichts als ein Sprungbrett vom Feudalismus in den Kommunismus. So geradlinig gedacht muss ein Fehler in der Theorie stecken. Bei alle prinzipieller Richtigkeit muss noch etwas Unberücksichtes dazukommen. Ohne dieses Unberücksichtigte musste die sozialistisch-kommunistische Praxis scheitern – und sie ist gescheitert. Die einfachste Erklärung wäre die, dass es dieses „Unberücksichtigte“ zu Zeiten der „Klassiker“ der Theorie noch gar nicht gab. Die Entwicklung der Welt ist aber weiter vorangeschritten. Es ist also Zeit, die Elemente des ursprünglichen Kommunismus bis hin zu seinem selbsterklärten Wissenschaftlichkeitsgrad zu verbinden mit den Erfahrungen der praktischen realen Ansätze – der letztlich katastrophalen wie den bewahrenswert positiven – und dem Neuen, was seither eingetreten ist. Daraus leitete ich in „Gemeinschaft der Glückssüchtigen“ die neue, nein, die erste aufgetauchte praktische Möglichkeit von Kommunismus ab. Daraus leitete ich aber auch ab, dass unser „Neokommunismus“ ein Grundprinzip nuanciert:

Gleichheit und Besitz.

Bisher verband man mit „Gleichheit“ immer Überlegungen der Angleichung, ganz egal, ob man nun von „sozialer Gleichheit“ sprach oder dieses Attribut wegließ. Das ist aber nur bezogen auf Exzesse der Megasuperreichen richtig, also wenn gewöhnliche Vermögenskursschwankungen einzelner Privater ohne eigenes Zutun in Sekunden größer sind als manch Lebensarbeitszeitverdienst. Das muss einfach weg.

 

Im „Neokommunismus“ wird Gleichheit aber logisch neu gedacht: Jeder Mensch ist im Verhältnis zu allen anderen im Orchester aller seiner Eigenschaften und Potenzen und Beziehungen derart „ungleich“, dass jeder Versuch, ihn mit anderen Menschen zu vergleichen, zum Scheitern, also zur Ungerechtigkeit verurteilt ist. Was aber nicht vergleichbar ist, ist „gleich“. Seine soziale Ungleichheit beruht ja heute nur darauf, dass ausgewählte Merkmale von vielschichtigen Persönlichkeiten herausgegriffen und mit einem abstakten Maßstab vergleichbar gemacht werden. Und es wird wohl niemand behaupten können, dass der das meiste Geld verdient, der der Menschheit den größten Nutzen erbringt. Es bedarf offenbar erst der maximal zugespitzten Form des Kapitalismus um dies aus Paradoxien heraus zu erfassen. Erst der „entfaltete“ Kapitalismus versucht, alles „vergleichbar“ zu machen über das Geld, indem er nichts übrig lässt, was nicht als oder wenigstens wie eine Ware auftritt. Es sollte eigentlich verwundern, wenn man vergleicht, wie viel jemand „verdient“, sein Tun also „wert ist“. Da „gleichen“ also Millionen Afrikaner einem (!) Milliardär, bei normalen deutschen Bürgern sind es immer von viele Tausend usw. ...

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HenningM 07/07/2013 04:36

Hallo Slov
Danke für die Anworten!
2 Dinge nur noch schnell.
1. Leider ist Lenin inzwischen auch "kanonisch" geworden: also unhistorisch, ewig gültig etc. Es ist zum Mäusemelken. Wann verstehen wir Linken endlich mal, dass jeder Theoretiker seine Zeit hat -
nicht mehr, nicht weniger. Dann könnten wir das machen, was schon Paulus in einem seiner Briefe verlangt: Prüfet alles, behaltet aber (nur!) das Beste (=aktuell Relevante).
2. Individualisierung. Eine linke Perspektive, die beim Kollektiv ansetzt, muss m.M.n. scheitern, weil Individualisierung nicht mehr rückrängig gemacht werden kann (es sei denn, durch Gewalt). Die
Leute, jede/r Einzelne, verlangt vom, na ja, Kommunismus (a) mindestens die gleiche Freiheit wie heute, (b) mindestens das gleiche Wohlstandsniveau, (c) eine angepasste, d.h. soziale Innovativität
von Wirtschaft und Gesellschaft, (d) die Erfüllung von dynamischen Gleichheitsversprechen, d.h.: nicht jeder gleich, sondern - Marx (und Wilde) lassen grüßen - jedem nach seinen Befürfnissen.
Außerdem (d) eine gesellschaft, die NICHT auf einem "neuen" Menschen aufbaut, sondern den Karl/das Weib nimmt, wie die eben kommen. Keine Erziehungsdiktatur.
So, das wollte ich nur gesagt haben.
Danke fürs Zuhören!
:)

Slov 07/05/2013 08:36

Hallo Henning,
diese Fragen kann ich hier nur noch am Rande andeuten. Das Buch "Gemeinschaft der Glückssüchtigen" ist ja bereits "auf dem Markt" und ich muss Geld damit verdienen, zu erklären, warum und wie es
ohne Geld ginge. Ich folge dem scharfzüngigen Oscar zwar nicht in allem, aber auch in dem Gedanken von Individualität und Künstlertum - beides hängt ein wenig miteinander zusammen.
Ich habe lange gebraucht, herauszufinden, WARUM Individualitätsentwicklung der Kern des Kommunismus ist und nicht Gleichmacherei. Aber anders geht es nicht ...
Tja, Lenins können wir nicht genug haben, also linke Köpfe, die nicht dogmatisch "die richtige Lehre" hinausposaunen, sondern immer neu die Ebene suchen, auf der welcher nächste Schritt der
richtige ist ...
Gruß
Slov

HenningM 07/04/2013 05:20

Diese Ausführungen erinnern mich frappierend an den glänzenden Essay von Oscar Wilde, "Die Seele im Sozialismus". Dort schreibt Wilde sinngemäß, im Sozialismus wird die höchste Stufe des
Individualismus' erreicht, weil jeder selbstverwirklichte MEnsch einzigartig wäre bzw. werden würde, sodass wir alle - typisch Wilde! - zu Künstlern werden würden. Homo ludens in etwa. Der Essay
hat mich, der ich zwar links, aber sehr skeptisch gegen alles "Kollektiv-Denken" bin, sozusagen wieder mit der Utopie einer menschlichen Gesellschaft ohne Ausbeutung, ohne Verdinglichung, ohne
Geld-Machen und Abzocken versöhnt.

Und was Lenin angeht, von dem kann unsereins lernen, dass man dann, wenn TATEN gefordert sind (und eben nicht nur "Analysen", "Kritik" und "Diskurs"!), durchaus gut fährt, wenn man seinen ollen
Marx sehr, sehr frei auslegt - im Grunde sich gar nicht drum schert, was der Bücherwurm in London (oder Paris oder Büssel, egal) geschrieben und vorausgesagt hat.