Artikel teilen! Juden in der DDR (ein besonders wertvoller Artikel im Juli-Rotfuchs): In letzter Zeit wurde ich des öfteren danach gefragt, wie es denn um ...
In letzter Zeit wurde ich des öfteren danach gefragt, wie es denn um „die Juden in der DDR“ bestellt gewesen sei. Ich nehme an, dass das Thema von Interesse fur die Leser des RF ist. Deshalb habe ich
mich damit beschaftigt. Ich will mich auf wesentliche Aussagen beschranken.
Etwas, das in der Darstellung der Problematik meist gar nicht beachtet wird,muss man auf alle Falle berucksichtigen:
In den 40 Jahren ihres Bestehens war die DDR durchaus differenziert zu betrachten.
Sehr viel hing uberdies von äußeren Umstanden ab, auf die sich das Land einstellenmusste. Das gilt auch fur die Haltung der DDR gegenuber „den Juden“. Nach der Befreiung 1945 standen die politischen Widerstandskampfer zunachst an erster Stelle der Beachtungsskala. Sie hatten sich bewusst und ohne Vorbehalte dem Kampf gegen den Faschismus gewidmet und warenbereit gewesen, selbst ihr Leben zu opfern.
Juden wurden als vom Faschismus Verfolgte anerkannt. Zwischen 1949 und 1959 gab es aus meiner Sicht eine gewisse Verdrangung des Problems. Seit Beginn der 60er Jahre naherte man sich dann den in der DDR lebenden Juden vorsichtig an. Ab 1970 war man bemuht, das Wirken in den Judischen Gemeinden zu unterstutzen, was dann nach 1985 besonders belebt wurde.
Charakteristisch war, das es in der DDR nur ein Kriterium dafur gab, wen man als Juden betrachtete. Man rechnete dazu lediglich die Mitglieder der Judischen Religionsgemeinschaft.
Alle anderen waren wie die ubrigen Menschen Burger der Deutschen Demokratischen Republik. Allerdings wurde bereits am 5. Oktober 1949, also unmittelbar vor der Staatsgrundung, das „Gesetz uber die Rechtsstellung der Verfolgten des Naziregimes“ beschlossen, das allen aus politischen oder rassischen Grunden Betroffenen eine besondere Betreuung garantierte. Dabei spielte die Tatsache, ob jemand zur Judischen
Religionsgemeinschaft gehorte oder nicht, keine Rolle.
In das Buch Mario Keslers „Die DDR und die Juden – Zwischen Repression und Toleranz“ wurden etliche Kurzbiographien judischer Burger aufgenommen, die eine politisch herausgehobene Funktion bekleideten.
Dabei mus unbedingt beachtet werden, dass Juden im Verhaltnis zur Gesamtbevolkerung der DDR nur eine verschwindende Minderheit darstellten. Bei Betrachtung der von Kesler angefuhrten Personlichkeiten ergibt sich folgendes Bild: 15 Juden waren Mitglieder des ZK der SED, zwei gehorten
dem Politburo an; drei Juden waren Minister oder stellvertretende Minister in der Regierung der DDR; 15 arbeiteten als Professoren in herausgehobener Position an Universitaten, einer davon als Rektor; zwei vertraten die DDR als Botschafter im Ausland; elf waren namhafte Journalisten, darunter Chefredakteure; funf bekannte Schriftsteller und zwei Schauspieler.
Zehn der erwahnten 64 haben die DDR im Laufe des vom Autor behandelten Zeitraums in Richtung BRD verlassen.
Noch ein Wort mehr zum Leben jener Juden, welche der Gemeinde angehorten. Es gab den Verband der Judischen Gemeinden in der DDR. Sein Vorsitzender war Helmut Aris, der in Dresden lebte. Insgesamt bestanden acht Gemeinden. Ihre Standorte waren Berlin, Dresden, Leipzig, Halle,
Erfurt, Magdeburg, Karl-Marx-Stadt und Schwerin.
Synagogen oder kleinere Bethauser gab es nicht nur in Halle, Karl-Marx-Stadt und Schwerin, sondern auch in den anderen erwahnten Stadten. Hervorzuheben ist die Tatsache, das wir in den Jahren der
Existenz der DDR vor diesen Einrichtungen niemals irgendwelchen Polizeischutz benotigten. Allerdings kam es zu Grabschandungen auf judischen Friedhofen.
Meistens wurden die Tater gefast und verurteilt.
Aus der Arbeit des Vorsitzenden der Judischen Gemeinde von Berlin ist mir folgendes bekannt: Er konnte an allen internationalen Tagungen, zu denen er eingeladen wurde, ungehindert teilnehmen
und unterhielt Kontakte zu vielen anderen Judischen Gemeinden in Europa. Nur jene in der BRD und in Berlin-West lehnten jegliche Beziehungen zu diesen „Kommunisten“
ab, obwohl kaum ein Gemeindemitglied der SED angehorte. Jeden Sabbat punktlich um 8 Uhr wurde im Deutschlandsender eine Sabbatfeier ubertragen, oft sang Nachama.
Solange unser Rabbiner, Herr Riesenburger, lebte, sprach dieser, spater trat Herr Aris an seine Stelle. Ein Gemeindeblatt erschien alle drei Monate. 1988 fand anlaslich des 50. Jahrestages des 9. November 1938 im Ephraim-Palais eine eindrucksvolle Ausstellung statt, in der die Verfolgung der Juden durch die Nazis in allen Einzelheiten dargestellt wurde. Samtliche Bucher, die zu dieser Thematik in der DDR erschienen waren, lagen dort aus. Auch die entsprechenden DEFA- und Fernseh-Filme fanden
Erwahnung.
1987 versuchte man, einen Rabbiner fur unsere Gemeinden aus den USA einzufuhren.
Leider interessierte sich Mr. Newman fur alles andere als fur die glaubigen Juden der DDR und ging bald wieder in die Vereinigten Staaten zuruck.
Vielleicht ware am Ende dieses Berichts noch zu erwahnen, das bemerkenswerterweise nicht wenige Juden, die in den 20er Jahren in Deutschland gelebt hatten, Kommunisten waren. Wenn diese der Vernichtung auf irgendeine Weise zu entgehen vermocht hatten und nach Deutschland zuruckkehrten, dann nur in die DDR. Sie zahlten indes nicht zu den Mitgliedern der Gemeinden. So lebten in der DDR etliche Juden, die nie als solche in Erscheinung traten und lediglich als anerkannte Verfolgte galten. Sie waren voll in die Gesellschaft integriert.
Brigitte Rothert-Tucholsky, Berlin
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