Jugend - Staatsbürgerkunde- und Geschichtsunterricht ...

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Ab Klasse 7 wollte man unser Bewusstsein durch Staatsbürgerkunde- und Geschichtsunterricht „bilden“. Rückblickend muss ich allerdings sagen, dass die ethischen Normen, die nun Namen bekamen, längst geprägt waren, indem sie uns vorgelebt oder eben nicht vorgelebt wurden. „Gut“ oder „Böse“ ist greifbarer als als „Sozialismus“ und „Kapitalismus“.
Vielleicht hätte ich ein freundlicheres Verhältnis zur „Nationalen Volksarmee“ der DDR entwickelt, aber die Verhältnisse waren eben nicht so. Meine Sportbegeisterung war nie so groß, dass mich Körperertüchtigung gelockt hätte. Emotional ein egozentrischer Anarchist war mir jeglicher unterordnender Gehorsam zutiefst zuwider. (In einem krankhaften Anfall von Übermachtssadismus spielte ich einmal meinem engsten Freund gegenüber einen SS-Mann: Ich zwang den schwarz Gelockten durch brutale Gewalt dazu „Ich bin eine dumme Judensau!“ auszurufen, um frei zu kommen … und ich könnte nicht sagen, vor wem ich mich nachher mehr ekelte: vor ihm, der sich derart demütigen ließ, oder vor mir, dass ich zu so etwas fähig gewesen war …) Rund wurde meine Grundhaltung zum Thema Armee eigentlich erst dadurch, dass es in der Klasse bei den Auseinandersetzungen mit der Staatsbürgerkundelehrerin einen einzigen Schüler gab, der die Antworten suchte, von denen er annahm, dass die Lehrerin sie hören wollte. Dieser Speichellecker mit mäßigem geistigen Niveau strebte an, Offizier zu werden. Ich konnte ihn mir einfach zu gut in preußischen Stiefeln vorstellen. Das schon vorher ausgeprägte Bild, Körperkraft zeigten die, denen es an Geisteskraft mangelte, wurde untermauert – nur eben auf höherer Ebene.

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slov 12/17/2011 13:10

... Ach ja ... Das macht es für uns so schwer: Wenn ich nichts zu deinem Statement schreibe, dann stimme ich ihm zu.
Deshalb vorsichtige Nachträge:
1. Das mit den "Ledermantelmännern" fand ich witzig. Ich habe es wohl zu wenig in den Zusammenhang der gängigen Klischees gestellt, also in die durch heutige Ideologie geschaffene Verwunderung,
keinem solchen begegnet zu sein.
2. Wenn wir ständig grübeln, ob wir mit etwas Gesagtem dem Gegner eine "Steilvorlage" liefern könnten, erziehen wir uns selbst zu Schönfärbern ohne Glaubwürdigkeit. Wir kommen bei der Schere im
Kopf an, die so viel Bedeutung für den "kritischen Journalismus" im Imperialismus gewonnen hat.
3. Müssen wir uns darüber streiten, wer "der Dumme" war oder ist? Doch wohl nicht, oder? Uns dürfte doch klar sein, dass es eher "Staatsdoktrin" gewesen wäre, die DDR-Wehrdienstleistenden etwas
Anständiges arbeiten zu lassen, während jetzt schon geschriebene "Staatsdoktrin" zu werden beginnt, aller Welt "unsere" (meine, unsere nicht)Ordnung aufzuzwingen.
Dazu passt dein Beispiel mit dem länger dienen: Dir ist die innere Absurdität vielleicht nicht bewusst geworden, aber die Notwendigkeit, uns zu schützen, hielt uns doch von unseren ureigenen
Anliegen ab. Du musstest also vernünftigen Menschen erklären, dass der Scheiß-Imperialismus uns zwingt, sie zum Rumstehen mit ner Waffe zu bewegen, anstatt die Lebensbedingungen aller zu
verbessern.
(Ich könnte brüllen und schreien bei der Vorstellung, dass es am Schluss doch nicht geholfen hat, wir erobert wurden.)

Slov 12/17/2011 12:49

Lieber Günther,
mit den meisten Aussagen deines Kommentars bin ich einverstanden. Allerdings unterscheidet sich unser Herangehen tatsächlich in zwei Dingen:
Das eine ist meine Hoffnung, gerade jene erreichen zu können, die keinen Klassenstandpunkt in unserem Sinne mitbringen. (Sie vertreten natürlich ungewollt auch einen Klassenstandpunkt, nur eben den
der herrschenden Klasse.) Und ich bin überzeugt, dass das verlangt, auch vor den eigenen Schatten zu schweigen. Da liegt nämlich das zweite Problem: Wollen wir es in Zukunft besser machen, dürfen
wir nicht übergehen, was noch nicht wunschgemäß gelaufen ist. Ich habe hier nur persönlich Erlebtes wiedergegeben. Ich habe mir die Entmenschlichung von unter DDR-Bedingungen im Grundwehrdienst
Dienenden erlebt, ihre perverse Art, Frustrationen abzureagieren. Ich habe zumindest einen Hauptmann erlebt, der auf besonders perfide Weise zur gegenseitigen psychischen Quälerei aufforderte - mit
Worten, die man ohne seinen Gesichtsausdruck für eine "sportliche Motivation" bei Unkenntnis der Verhältnisse im Objekt hätte halten können.
Ich vermag dies sehr wohl zu übertragen auf Menschen, die in einer Besatzerarmee in Fremdland dienen. Hier ist dann wirklich die Hassschwelle überschritten. Da kann ich dann wissen und fühlen, was
aus Menschen gemacht wird, wenn in ihrem "Herkunftssystem" die Verachtung anderer Menschen mindestens latent Existenzbedingung ist. Erscheinungen wie EK-Exzesse widersprachen ja dem NVA-Ethos. Sie
gab es aber, obwohl diese Armee während ihrer gesamten Existenz als Friedenstruppe im engsten Sinne erhalten konnte.
Lieber Günther,
Haß, unbändigen gar, empfinde ich eigentlich gegenüber gar nichts, was mit der DDR zu tun hat, einmal von den absurden, verdrehenden Verteufelungen, die ihr heute angehängt werden. Dein
"Beigeschmack", ich könnte "heute Erwünschtes reden" wollen, verletzt, beleidigt mich.
Würde ich allerdings zu der Überzeugung kommen, dass ich damit einer tatsächlichen sozialistischen Revolution (!) zum Erfolg verhelfen könnte, weil damit eine kommunistisch geführte
Volksfrontregierung möglich würde, würde ich auch Positionen einer Petra Pau zunicken.
Weißt du, was so schwierig ist?
Erkläre einmal einem BRD-Sozialisierten, wie umfassend er ideologisch "indoktriniert" worden ist. Dass der Hauptunterschied das Subtilere der Methoden war und ist. Wir haben einfach gesagt, was wir
wollten, und uns eingebildet, dass man dem, weil es doch so klar sei, deshalb folgen müsste. Wie "Ideologie" verbreitet wird, OHNE dass Ideologie draufsteht, ist schwerer zu verstehen.
Guck mal, dich brauche ich doch nicht zu überzeugen. Du WEiSST doch, zu welcher Klasse du gehörst. Ich quäle mich damit herum, auf der einen Seite verarbeiten zu müssen, dass meine Welt in eine
barbarische Vorwelt zurückgefallen ist, zum anderen, dass die Menschen, die ich erreichen möchte, nicht nur keinen Klassenstandpunkt haben, sondern überhaupt keine Klassen(standpunkte) sehen ...

Günther Wassenaar 12/16/2011 19:19

Ab Klasse 7 wollte man unser Bewusstsein durch Staatsbürgerkunde- und Geschichtsunterricht „bilden“. Rückblickend muss ich allerdings sagen, dass die ethischen Normen, die nun Namen bekamen, längst
geprägt waren, indem sie uns vorgelebt oder eben nicht vorgelebt wurden. „Gut“ oder „Böse“ ist greifbarer als als „Sozialismus“ und „Kapitalismus“.
Vielleicht hätte ich ein freundlicheres Verhältnis zur „Nationalen Volksarmee“ der DDR entwickelt, aber die Verhältnisse waren eben nicht so. Meine Sportbegeisterung war nie so groß, dass mich
Körperertüchtigung gelockt hätte. Emotional ein egozentrischer Anarchist war mir jeglicher unterordnender Gehorsam zutiefst zuwider. (In einem krankhaften Anfall von Übermachtssadismus spielte ich
einmal meinem engsten Freund gegenüber einen SS-Mann: Ich zwang den schwarz Gelockten durch brutale Gewalt dazu „Ich bin eine dumme Judensau!“ auszurufen, um frei zu kommen … und ich könnte nicht
sagen, vor wem ich mich nachher mehr ekelte: vor ihm, der sich derart demütigen ließ, oder vor mir, dass ich zu so etwas fähig gewesen war …) Rund wurde meine Grundhaltung zum Thema Armee
eigentlich erst dadurch, dass es in der Klasse bei den Auseinandersetzungen mit der Staatsbürgerkundelehrerin einen einzigen Schüler gab, der die Antworten suchte, von denen er annahm, dass die
Lehrerin sie hören wollte. Dieser Speichellecker mit mäßigem geistigen Niveau strebte an, Offizier zu werden. Ich konnte ihn mir einfach zu gut in preußischen Stiefeln vorstellen. Das schon vorher
ausgeprägte Bild, Körperkraft zeigten die, denen es an Geisteskraft mangelte, wurde untermauert – nur eben auf höherer Ebene.

Ich kanns nicht lassen – kann auf solchen Text die Entgegnung nicht unterdrücken. Zuerst hatte ich mir nur die Kurzform gegönnt, dann aber auch die Langform – und frage mich. wozu?
Wozu , eventuell auch wieso, dieser unbändige Haß auf alles was mit der DDR zusammenhängt ?
Dass dies auch noch verbunden ist, mit einem hohen Maß an Überheblichkeit, Unwissenheit und dem Fehlen von analytischem Herangehen an gesellschaftliche Vorgänge, ärgert oder besser enttäuscht mich,
läßt die bisherige Meinung schwinden, die ich von Slovens hatte, hat den Beigeschmack, als würde jemand so reden wie es heute gewünscht wird, weil es die heutige Geselllschaft so sieht.
Ich hatte den Vorteil, mit 6 schon die ersten politischen Kämpfe austragen zu müssen. Wir, Atheisten, lebten in der Nähe der Stadt Köln und ich wurde 1954 in die katholische Volksschule
eingeschult. Wir wurden zu Hause tolerant zum Glauben anderer erzogen, hatten die Gläubigen zu akzeptieren und es wurde uns klar gesagt, dass wir die Ausübung von Glauben weder verlachen noch
anders stören – aber dass wir eben keine Christen sind, demzufolge nicht beten. Viele DDR Kritiker bemängeln, dass es wöchentlich Fahnenappelle in der Schule gegeben hat. In der Volksschule wurde
jeder Tag mit Religion begonnen, vor jeder Stunde und nach jeder Stunde wurde ein Gebet gesprochen. So wie von den Eltern vorgegeben, sollte ich mich ruhig, gerade hinstellen und mehr nicht. Der
Lehrer forderte jedoch, dass ich zumindest die Hände zu falten habe. Somit war ich als 6 jähriger gezwungen mich erstmals gegen Erwachsene, noch dazu gegen den Lehrer aufzulehnen und seinem Begeh
zu widersetzen. Dass war Klassenkampf
Übrigens kann ich mich noch gut erinnern, dass wir in dem Alter schon die neu gebaute Brücke in unserem Dorf jeden Tag mit Totenköpfen versahen, da dort für den Fall ... die Russen kommen ..
Sprengschächte eingebaut waren. 1954 wohlgemerkt – der Kalte Krieg läßt grüßen und das schon sehr bald.
Vor einiger Zeit monierte eine Bürgerin, aktiv in der Sozialen Bewegung gegen Hartz IV, dass die DDR-Oberen die Bürger der DDR nicht genügend über die wirklichen Verhältnisse in der BRD aufgeklärt
haben. Auf der anderen Seite beklagte eine andere Dame vor wenigen Wochen, dass sie den Eindruck gewonnen habe, dass die Menschen heute politisch absolut Dumm seien somit über die Hintergründe der
Politik kaum etwas wissen und auch aus dem Grund vollkommen inaktiv seien. Beiden habe ich fast analog gesagt, dass sie der DDR vieles vorwerfen können, das aber nicht. In der DDR wurde mit allen
Mitteln, Pionierleben, FDJ-Schuljahr, Politunterricht bei der Armee, Zeitungsschau... zu jeder Möglichkeit, versucht politisches Wissen zu vermitteln, die Menschen in diesen Bereich einzubeziehen,
sie politisch zu bilden – natürlich im Sinne des Sozialismus, aber keineswegs unmündig. Natürlich kam es immer auf den an der dieses Wissen vermittelte. War er selbst überzeugt, konnte er die
richtigen Argumente bringen, war er es nicht las er nur die Parolen aus der Literatur vor. Ich mache dieser Zeit den Vorwurf, dass man viel zu sehr nur rationell an diese Sache herangegangen ist
und viel zu wenig die Emotion, das Gefühl, angesprochen hat – somit hätte auch Begeisterung erzielen können, die nicht durch den ersten Windhauch umgeblasen wird.
Kommen wir zur Armee – der Nationalen Volksarmee – der ersten und einzigen deutschen Friedensarmee – bei der ich stolz bin in dieser Armee gedient zu haben, denn wer eine Revolution durchführt und
diese nicht verteidigt, ist es nicht wert eine solche überhaupt zu beginnen – im Gegenteil derjenige ist nur ein Revoluzer, dem die Menschenleben, die bei einer Revolution eventuell ums Leben
kommen vollkommen egal sind. Er ist ein Verbrecher in meinen Augen, der sein Volk dem er angehört verleitet, in Abenteuer stürzt. Aber auch ich habe bei meiner Dienstzeit von 1967 bis 1970 für mich
bei einer Übung mit radioktivem Material, die Frage gestellt, wir als Soldaten können uns begrenzt gegen Radioaktivität schützen – was aber ist mit meiner Frau, was mit meinem Kind? Wie sollen sie
sich schützen ? Bin damit zu einem Kriegsgegner geworden – zu einem Gegner derjenigen, die an Kriegen gewinnen – und habe die Friedenspolitik, die seitens der Regierung der DDR geführt wurde für
wichtig gehalten. Krieg werden immer von Menschen gemacht, somit müssen auch Menschen sich dafür einsetzen, dass Kriege verhindert werden. Wo standen diese denn, als Libyen zerbombt wurde, wo
stehen sie wo der nächste Krieg vorbereitet wird gegen Syrien, gegen den Iran? Wer kann diesem faschistoiden Staat USA mit NATO entgegen stehen, wenn nicht eine hochgerüstete Armee – in dem Fall
die der Russen und die Chinas wie es gegenwärtig der Fall ist.
Nochmals zur Problematik der Offiziersbewerber. Etwa 1985 bekam ich vom Wehrkreis die Aufforderung und eine Freistellung von der Arbeit, während der Musterung mit jungen Menschen zu sprechen und
sie für einen längeren Dienst bei der Armee zu überzeugen. Dabei äußerte einer dieser jungen Männer, wieso den die Bundeswehr diese Probleme nicht kennt. In der DDR hatte jeder Jugendliche eine
klare zivile Perspektive, hatte eine gesicherte Berufsausbildung und hatte anschließend Arbeit. Zu der Zeit gab es in der BRD einen großen Anteil junger arbeitsloser Menschen, somit konnte die
Bundeswehr nicht nur irgend einen Mann ansprechen, sie konnte sich gezielt nach Ausbildung Jugendliche einladen und auswählen, da sie die "einzige Perspektive" darstellte. Wo ist da der
humanistische Wert höher anzusetzen – aus welchem Grund ist der der sich in der DDR, in einem Friedensstaat, für die Armee entschied der Dumme wie im Artikel dargestellt – wo er doch derjenige ist
der den anderen, der ihn Dumm erklärt, beschützt und das in der Realität. Steht die Frage wer eigentlich der Dumme ist. Und auch wenn es im Äußeren preußische Erscheinungen in der NVA gegeben hat,
die Aufgabe, der Auftrag war diesem Preußentum vollkommen entgegen gestellt und allein aus dem Grund verbietet sich für jeden Linken ein solcher Vergleich der nur den Gegnern Wind in die Segel
bläst – oder ist es heute für Linke opportun dem Gegner Steilvorlagen zu geben, um zu zeigen wie liberal, wie pluralistisch man doch gegenüber den Betonköpfen der ehemaligen DDR sei, wie weit man
sich von diesem Staat entfernt hat, um im Kapitalismus anzukommen. Das zeigt sich auch deutlich am Ende des Textes mit der Passage … oder ich durch Ledermantelmänner aus dem Klassenraum geführt
worden. Lächerlich, kann ich da nur sagen, da ich in meinem politischen Leben gerade in der DDR weit mehr Demokratie und Meinungsfreiheit kennen gelernt habe, als es sie in diesem Staat, in einem
Staat der Konzerne, je geben wird.
Was mir so auffällt, ist das Fehlen des Klassenstandpunktes in der Abhandlung. Slov steht für keine Klasse, steht nicht fürs Proletariat, auch wenn er sich "links verortet" bezeichnet. Steht also
die Frage wofür steht Slov?