"Klasse" als "Corporate Identity" - Entwurf eines Gedankenspiels (2)

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Gruppen werden also verschieden aneinander gebunden. Die Urgruppen durch höhere Gewalt. Wenn es nach den Urhorden gegangen wäre, so hätten sich in ihnen alle funktionierenden Menschen zusammengefunden, die in einem Lebensraum miteinander besser lebten als allein oder gegeneinander. Das erlaubte die Evolution aber nur für kurze Zeiträume (grins: meinetwegen 200 Jahre). Dann waren zum Beispiel im positiven Fall so viele neue Kinder dauerhaft groß geworden, dass in gelegentlichen Dürrejahren ihr Überleben eben nicht mehr gesichert war, oder im negativen Fall musste (auf Kosten eventueller Nachbarn) das eigene Siedlungsgebiet erweitert oder verschoben werden.

Egal wodurch. Früher oder später kollidierten die Existenzforderungen der einen Gruppe mit denen anderer. Der scheinbar sichere, aber einseitige Reichtum, den der Ackerbau und die Viehhaltung mit sich brachten, hob dieses Problem nur auf eine höhere Stufe.

Die ersten Gruppen, bei denen der sachliche Zusammenhalt allmählich durch „Familienbeziehungen“ überdeckt worden waren, wurden durch neue Gruppenbindungen abgelöst. Diesmal mussten die „gesellschaftlichen Menschen“ allerdings mehrere unterschiedliche Gruppenzugehörigkeiten verkraften, deren Bedeutungsveränderung für sie oft schwer nachvollziehbar war. Bürger einer ummauerten Stadt zu sein, war ein sichtbares Zeichen, mit einem anderen die gleiche Sprache zu sprechen, eine ebenfalls offensichtliche zweite. In einer vielstufigen sozialen Hierarchie mit jemandem, der in derselben Stadt lebte und dieselbe Sprache sprach, zugleich aber auf entgegengesetzten Seiten einer unsichtbaren Barrikade zu stehen, die da hieß, du musst arbeiten für den, der da besitzt und dich arbeiten lässt, das wollte erst einmal verstanden werden – und wurde meist nicht verstanden.Dieses Nichterkennen ging meist auch einher mit der Nutzung von Äußerlichkeiten durch die Herrschenden.

Jedes Denken braucht Vereinfachungen. Man kann nicht alle Einzelheiten vollständig neu bewerten. Das führt aber zu „Schnellschlüssen“ in der Art „Alle Geldverleiher, die ich kenne, sind mies Typen. Alle Geldverleiher, die ich kenne, sind Juden. Alle Juden sind miese Typen.“ Das ist kein „Schluss“ logischer Art, aber ein Weg der Deutung einer immer komplizierter werdenden Welt.

Der (falschen) Gruppenbildung dienten natürlich gerade die öffentlichen Spiele, jenes Gefühl, auf welcher Seite der Tribüne man saß. War men eben Gladiator oder durfte man sich über die da unten amüsieren. Das römische System der partiellen Begünstigung und Erniedrigung war bereits sehr ausgeklügelt. Es hatte schon ein Gruppenstrukturmerkmal der heutigen Gesellschaft: Es fand sich in ihm kaum ein Mensch, der nicht einen Menschen erlebte, der in einem Zusammenhang unter ihm stehenden Gruppen angehörte. Das betraf natürlich auch die Sklaven, unter denen es welche gab, die einer höheren Stellung wegen über bestimmte andere die Nase rümpften.

 

Jeder Mensch definiert sich aber über die Zugehörigkeit zu mindestens einer Gruppe und sofern irgend möglich über eine solche, die ihn „erhöht“. ... (wird später fortgesetzt) 

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