kriegsspielzeug in babyhand!

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Ob die Leserzuschrift gefaked war? Satire mit anderer Überschrift?! Irgendwie habe ich meine Zweifel daran, dass jemand so blauäugig sein kann und die Begeisterung der neuen Pimpfe am besonders authenischen Kriegssiel als Zeichen des Erfolgs betrachtet ... jemand, der noch dazu jW liest. Aber ohne Drumherum die Kommunikation in der Zeitung:

Spielverderber

- Zu jW vom 23. August: »Kriegsspiel für Kinder«

Als Reservist, der selber bei dieser harmlosen Aktion dabei war, kann ich mich nur wundern: Hat die jW hier ein Sommerlochthema ausgegraben, oder soll das Euer Ernst sein? Die Kinder und Erwachsenen hatten alle ihren Spaß beim »Cowboy-und-Indianer-Spiel« im Wald, die Technikbegeisterten darunter ihren Spaß am Oldtimerfahren, die Sache war toll organisiert, und es blieb kein Auge trocken – wie könnt Ihr Euch erdreisten, solchermaßen alsSpielverderber aufzutreten? Was seid Ihr nur für besserwisserische Erwachsene?

Frieder Kammerer, per E-Mail

 

23.08.2013 / Inland / Seite 5Inhalt

Kriegsspiel für Kinder

»Ferienprogramm« für den Nachwuchs: Reservistenkameradschaft bietet Fahrt auf Wehrmachtspanzer an

Von Frank Brendle
Als Höhepunkt eines »Kinderferienprogramms« hat eine Reservistenkameradschaft in Baden-Württemberg Grundschulkinder in ein »Spähtrupp-Kommando« eingebunden – traditionsbewußt auf einem ehemaligen Wehrmachtspanzer. Mit im Angebot waren »Schlachten« mit uniformierten Soldaten. Die jüngste Teilnehmerin war sechs Jahre alt.

»Ein buntes, abwechslungsreiches und interessantes Programm« hatte die Gemeinde Herdwangen-Schönach denjenigen Kindern versprochen, die im Sommer zu Hause blieben. Unternehmer und Vereine des 3000-Einwohner-Ortes nahe des Bodensees boten insgesamt 26 Veranstaltungen an, darunter Filmabende, Malkurse, Spiel- und Grillnachmittage. Für den 10. August hatte die Reservistenkameradschaft »Oberer Linzgau« unter der Überschrift »Die etwas andere Cabriofahrt« einen »Spähtrupp durch den Wald« beworben. Dahinter verbarg sich ein Ausflug in einem offenen Kettenfahrzeug. Das Regionalblatt Südkurier schreibt darüber: »Die Mitglieder des Kinderferien-Spähtrupps sind mit Feuereifer dabei, zwischen den Bäumen nach Angreifern Ausschau halten. Schnell unter den Zweigen hindurchgeduckt, und immer die Wasserpistole im Anschlag, heißt das Motto. Und plötzlich sind sie da, aus dem Hinterhalt springen getarnte Soldaten aus dem Wald und eröffnen das Feuer, besser gesagt das Wasser: Eine lustige ›Schlacht‹ mit dem kühlen Naß beginnt, die beiden Parteien sichtbar Spaß macht«. Nach der Aktion demonstrierte ein aktiver Sanitätsfeldwebel, wie man »klaffende Wunden oder freiliegende Därme« versorgt.

In der Ankündigung hatten die Reservisten auf ein Mindestalter von zehn Jahren hingewiesen – tatsächlich war dem Südkurier zufolge unter den 14 Kindern auch ein sechsjähriges Mädchen auf dem Panzer – passend bekleidet im Tarnanzug. Dem Chef der örtlichen Reservistenkameradschaft war es wichtig zu betonen, daß das sechsjährige Mädchen die Tochter eines Reservisten sei. Auf die Frage, ob er Kritik an der Aktion nachvollziehen könne, antwortete er gegenüber jW: »Dann dürfen wir ja gar nichts mehr machen«.

Die Gemeindeverwaltung ließ wissen, sowohl der Verantwortliche für das Ferienprogramm als auch Bürgermeister Ralph Gerster (CDU) seien in Urlaub. Auf vorsichtige Distanz ging unterdessen die Bundeswehr: Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums bestätigte zwar, daß die Bundeswehr die Veranstaltung mit einem Sanitätsfahrzeug und einem Sanitäter unterstützt habe. Für die Panzerfahrt sei aber allein die Reservistenkameradschaft verantwortlich. Deren Idee bezeichnete der Bundeswehrsprecher als »Blödsinn«. Die Gliederungen des Reservistenverbandes erhalten umfangreiche Bundesmittel und haben unter anderem die Aufgabe, die Öffentlichkeitsarbeit der Truppe zu unterstützen.

Bei dem verwendeten Panzer handelt es sich nach Angaben mehrerer von jW befragter Rüstungsexperten um ein ehemaliges »Sonderkraftfahrzeug« der Wehrmacht. Zur Verfügung gestellt wurde es von einem privaten Hobby-Museumsbetreiber, der in der Lokalpresse angab, das »Halbkettenfahrzeug« mit 7,5 Tonnen Gewicht und 120 PS sei nach 1945 von der tschechoslowakischen Armee aus Einzelteilen zerstörter Wehrmachtspanzer zusammengesetzt worden.

Gar nicht lustig findet die menschenrechtspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Annette Groth, die Aktion. In einem Brief an Verteidigungsminister Thomas de Maizière, der jW vorliegt, wirft sie den Reservisten vor, die kindliche Lust an abenteuerlichen Geländespielen zu mißbrauchen: »Mit Kindern Kriegsspiele unter Nutzung von realem Kriegsgerät (militärisches Kettenfahrzeug) und Kinderspielzeug (Wasserpistolen) durchzuführen, ist nicht akzeptabel.« Groth forderte »personelle Konsequenzen«.

Ralf Willinger von der Kinderrechtsorganisation terre des hommes kritisierte die traditionslastige Panzerfahrt: »Krieg ist kein Abenteuer, im Krieg werden Menschen getötet«, sagte er im jW-Gespräch. Statt »verharmlosender Kriegsspiele mit sechsjährigen Kindern zu veranstalten«, sollten Kinder lernen, wie Konflikte gewaltfrei gelöst werden können.

Veröffentlicht in Gewalt Frieden

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