Marxismus für Aussteiger

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Schon gut: Im Rotfuchs heißt die Reihe "Marxismus für Einsteiger", aber das, was da von Professor Dieckmann als Erklärung für "Bourgeoisie" geboten wird, kann m.E. nur als Anschauungsunterricht dienen, wie wenig wir uns verständlich machen können. Das Motto der Reihe suggeriert etwas extrem Wichtiges: Es will Menschen erreichen, die die Begriffswelt des Marxismus verstehen wollen, ohne jahrelange Parteischulen erlitten zu haben, heutige Menschen, die in der Schule ihren Verstand gründlich verbogen bekommen haben und dann z.B. zu wissen glauben, ja, Lenin hatte was Richtiges entdeckt, diesen "Imperialismus". Das war dann diese Zeit zwischen 1880 und dem 1. Weltkrieg, dann war das zu Ende - sprich: die nichts Wesentliches intus haben.

Der Beitrag im Rotfuchs setzt mir einfach entweder zu viel voraus oder er fliegt über der Sache zu hoch hinweg.

Was ist denn die Bourgeoisie? Eine große Gruppe von Menschen (--->>> Klasse), deren Anteil am gesellschaftlichen Reichtum daraus erwächst, dass sie über privates Eigentum an Produktionsmitteln verfügen. Dabei unterscheidet man zwischen Kleinbürgertum, bei dem eigene geistige oder / und körperliche Arbeit eine unterschiedlich wesentliche Rolle spielt, und der Großbourgeoisie, deren Ertrag aus der gesellschaftlichen Arbeit ausschließlich Ergebnis fremder Arbeit ist (--->>>Ausbeutung). Als besondere Gruppen sollten noch die Monopolbourgeoisie (Oligarchie) und die Finanzbourgeoisie herausgestellt werden. Erstere hat so viel wirtschaftliche Macht (Besitz) konzentriert, dass sie ihre Macht über die unmittelbare wirtschaftliche Tätigkeit hinaus überproportional erweitern kann (direkter "Kauf" von politischer und Meinungsmacht, Nötigung von Geschäftspartnern und Konkurrenten durch Druch der eigenen Kapitaldecke), letztere schöpft den Mehrwert aus der Produktion durch die unmittelbare Verfügungsgewalt über das Kapital in Geldform ab. Zur wesentlichen Klasse wird die Klasse der Kapitalisten (= Bourgeoisie) an dem Punkt der Produktionsverhältnisse, von dem an sie über genügend Angehörige der Arbeiterklasse verfügt, die selbst keine Produktionsmittel besitzt außer (im Wesentlichen) ihrer eigenen Arbeitskraft, die sie zum Eigenerhalt verkaufen muss. Klassenprägend ist das "Kapital" als in Geld erscheinendes Machtverhältnis, das in den gesellschaftlichen Reproduktionsprozess gesteckt wird, um nachher vermehrt (und möglichst nicht vermeert) diesem wieder entzogen zu werden ... um ihm überwiegend mit dem Ziel der eigenen Vermehrung wieder zugeführt zu werden.

Grundlage der von Prof. Dieckmann bereits an dieser frühen Stelle angesprochenen Bündnispolitik ist also, dass zwar die Bourgeoisie als Ganzes von der Ausbeutung der Arbeitenden lebt, es innerhalb dieser Klasse aber Teile gibt, die den Profit der kleineren Kapitalisten "abschöpfen" und eigene Arbeitsleistungen eingebracht werden, die ebenfalls überproportional in die Vermehrungsmasse des Großkapitals eingehen.

Dass in dem Gesamtprozess Nichteigentümer in die Rolle von quasi "besitzenden" Verwaltern kommen (Manager), erschwert zwar den Überblick, ändert aber nichts Grundsätzliches, genausowenig wie die Tatsache, dass dem Kapital aufgrund seines unbegrenzten Ausdehnungszwanges immer eine Globalisierungstendenz innewohnte wie innewohnen wird - so wie das Streben des (politische) "Macht ergriffen habenden" Teils der Kapitalistenklasse, diese Macht auch mit außerökonomischen Mittel restriktiv, also über Faschismus, zu erhalten und erweitern, im Zwang zur Selbstausdehnung begründet ist, dem die Endlichkeit der Erdmacht im Wege steht.

Dies alles sagt nicht, dass eine Aussage in dem Rotfuchsartikel falsch sei - nur dass dort schon der nächste Schritt gegangen wurde:

 

Marxismus für Einsteiger

Bourgeoisie 

Die Bourgeoisie ist die im Kapitalismus herrschende Klasse. Als Eigentümer der entscheidenden Produktionsmittel lebt sie von der Ausbeutung der Arbeiterklasse und anderer Teile der Gesellschaft. Im Kapitalismus der freien Konkurrenz noch revolutionär, hat sie mächtige Produktivkräfte und damit zugleich auch das Proletariat hervorgebracht, für bürgerliche Freiheiten, gegen Feudalismus und Reaktion gekämpft. Durch die Vergesellschaftung der Produktion und die Verschärfung der Ausbeutung ist sie zu einer reaktionären, historisch überlebten Klasse geworden, deren Interessen den Bedürfnissen der Menschheit entgegenstehen. In einigen ökonomisch unterentwikkelten Regionen sind allerdings noch Reste ihrer früheren Potentiale zu erkennen.

Man darf Differenzierungen innerhalb der Bourgeoisie nicht übersehen und die Kleinund Mittelbourgeoisie nicht mit den Großkapitalisten in einen Topf werfen. Seit dem Übergang vom Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Monopolkapitalismus dominiert das Finanzkapital. Dieser Teil der Bourgeoisie hat die Leitungsfunktionen in der materiellen Produktion fast vollständig abgegeben. Finanzkapital reduziert sich auf nackte Ausbeutung. Es trennt Kapitaleigentum und ursprüngliche Kapitalfunktion. 

Großbourgeois sind Großaktionäre geworden, d. h. sie sind zumeist reine Parasiten. „Die Finanzaristokratie, in ihrer Erwerbsweise wie in ihren Genüssen“, lesen wir bei Karl Marx, „ist nichts als die Wiedergeburt des Lumpenproletariats auf den Höhen der bürgerlichen Gesellschaft.“ (MEW, 7/15) Die Leitung der Produktion liegt heute überwiegend in den Händen von Managern, qualifizierten Angestellten der großen Kapitalisten. Diese in der Regel hochdotierten Leute werden allerdings häufig selbst Besitzer von Aktienpaketen und sind durch Lebensführung wie soziale Bindungen fest an ihre Auftraggeber gebunden.

Um den Übergang zum Sozialismus zu verhindern, unterstützt die Großbourgeoisie überall auf der Welt die Konterrevolution. Sie hat raffinierte Systeme geistiger Manipulierung entwickelt und setzt – vor allem in Krisenzeiten – auf autoritäre Herrschaftsformen und letztlich auf Krieg. Die schlimmste Variante ihrer Macht ist der Faschismus. 

Ging es um die Abwehr der äußersten Reaktion, war es schon immer ein Fehler, zu verkennen, daß antiimperialistische und insbesondere antifaschistische Bündnisse durchaus auch mit Teilen der nichtmonopolistischen Bourgeoisie möglich und notwendig sind. Denn wirtschaftliche Krise und politische Instabilität gehen Hand in Hand nicht nur mit der Verschärfung der Ausbeutung, sondern stets auch mit systematischer Aushöhlung der bürgerlichen Demokratie. Das trifft auch beträchtliche Teile der Bourgeoisie.

Die Betonung der unbestreitbaren Tatsache, daß die Klasseninteressen von Bourgeoisie und Proletariat objektiv unvereinbar (antagonistisch) sind, darf in der Bündnispolitik nicht zu schädlichen sektiererischen Schlußfolgerungen führen, die potentielle Verbündete aus dem bürgerlichen Lager in die Fänge der äußersten Reaktion treiben. 

Man muß dabei allerdings im Auge haben, daß es sich auf Grund ihrer Klassenlage um schwankende oder auch nur um zeitweilige Verbündete handelt.

Heute hat sich der von Marx beschriebene gesetzmäßige Prozeß der Internationalisierung des Wirtschaftslebens und des gesamten gesellschaftlichen Geschehens bis auf jene Stufe gesteigert, die „Globalisierung“ genannt wird. Wichtig ist zudem: Die von Lenin nachgewiesene ungleichmäßige ökonomische und politische Entwicklung des Monopolkapitalismus, von konkurrierenden imperialistischen Zentren, verläuft „sprunghaft“ wie vor hundert Jahren. Der imperialistische Kampf um die Neuaufteilung der Welt wurde nach der Niederlage des Sozialismus in Europa keineswegs beendet oder durch Übereinkünfte gedämpft, wie es manche Zeitgenossen erträumen. Die Folgen sind absehbar. Es gilt, sie entschlossen einzudämmen.

Prof. Dr. Götz Dieckmann

Veröffentlicht in Kapitalismus-Sozialismus

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