Mit dem Chaos ins nächste Jahr

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Allen Bloglesern linken Enthusiasten, Optimisten, Realisten und Kommunisten, die sich noch nicht ganz der Diktatur des Kapitals ergeben haben, innerlich wie äußerlich, einen fröhlich-beschwingten Start ins Nächste Jahr ... Einmal muss es uns doch gelingen ... auch wenn wir SOLCHE Verrückte dafür brauchen:

 

31.12.2013 / Inland / Seite 4Junge Welt

Geheimdienste infiltrieren

Hamburg: Wikileaks-Gründer Assange fordert auf Hackerkongreß mehr Subversion durch Computerexperten. Journalist: Der NSA gehört das Internet

Ein großer Auftritt für Julian ­Assange: Auf dem »Chaos Communication Congress 30C3« in Hamburg rief er die mehr als 8600 Teilnehmer am späten Sonntag abend zu subversiven Akten gegen die illegalen globalen Machenschaften der Geheimdienste auf. Während der per internationalem Haftbefehl gesuchte Wikileaks-Gründer nur per Videoschaltung zu den Kongreßbesuchern sprach, waren der Journalist Jacob Appelbaum und Sarah Harrison, Wikileaks-Mitarbeiterin und Vertraute des NSA-Whistleblowers Edward Snowden, persönlich anwesend. Alle drei Aktivisten richteten einen deutlichen Appell an die Hacker und Computerexperten: Sie sollten Geheimdienste und andere Institutionen infiltrieren und wie Snowden geheime Informationen öffentlich machen.

Systemadministratoren hätten enorme Macht, sagte Assange, der sich seit Juni 2012 in der ecuadorianischen Botschaft in London aufhält. Die sogenannten Sysadmins verwalten Netzwerke und kennen daher die Struktur der Systeme. Sie sollten Geheimdiensten und Firmen beitreten, Informationen sammeln und diese allen zugänglich machen, forderte Assange. Die Videoverbindung zu ihm über Skype brach mehrmals ab – so auch bei der Frage, wie die Aktivisten die Flucht von Snowden aus Hongkong organisierten.

Sarah Harrison bekam zu Anfang ihres Auftritts stehenden Applaus. Sie betonte, Wikileaks arbeite trotz des Drucks der US-Regierung weiter. Sie könne derzeit aus Angst vor Strafverfolgung nicht nach Großbritannien zurückkehren und bleibe deshalb bis auf weiteres in Deutschland.

Jacob Appelbaum referierte am Montag zum Abschluß der viertägigen Veranstaltung über die Rolle der NSA bei der weltweiten Kontrolle der elektronischen Kommunikation – und veröffentlichte erneut zahlreiche von Edward Snowden gesammelte Dokumente über bislang geheime Programme der NSA. Sie umfassen einem Bericht von Zeit online zufolge Methoden zur Infiltration praktisch jeder Ebene des Internets, von der Infrastruktur über die Endgeräte bis hin zum Zubehör. Viele dieser Methoden waren der Öffentlichkeit bislang unbekannt. Unter anderem, so Appelbaum, habe die NSA eine »Produktfamilie« namens Angryneighbor entwickelt – »wütender Nachbar«. Sie besteht aus kleinen Hardware-Bauteilen, die in einem Raum versteckt werden und die im Vergleich zu funkenden Wanzen sehr unauffällige Signale aussenden. Damit könne der Geheimdienst dechiffrieren, was im angezapften Raum gesprochen wird – und sogar das, was auf einem Bildschirm gezeigt wird. Selbst Tastatureingaben könnten so überwacht werden, selbst dann, wenn der Computer nicht online ist. Außerdem habe die NSA Methoden zum Verwanzen aller Betriebssysteme, von Festplatten, Routern, Servern entwickelt. Der US-Dienst kann demnach jeden Menschen weltweit, der ein elektronisches Gerät zur Kommunikation nutzt, abhören, auch, wenn er keinen Internetanschluß hat. Besonders gefährdet, vor Inbetriebnahme verwanzt zu werden, sind online bestellte Geräte.

Roger Dingledine, Gründer des Anonymisierungsnetzwerks »Tor«, beteuerte auf dem Kongreß, man werde niemals »Hintertüren« einbauen, obwohl es eine entsprechende Forderung der US-Regierung bereits gegeben habe. Der Experte räumte jedoch ein, daß die derzeit 60prozentige Finanzierung der Fortentwicklung und Aufrechterhaltung von »Tor« durch das Pentagon einen gewissen Einflußfaktor auf Entscheidungen des Teams darstellen könne. Es sei daher wichtig, den Anteil von privaten Geldgebern zu erhöhen, »die unsere Botschaft unterstützen«, so Dingledine.

Der 30. Kongreß des 1981 gegründeten Chaos Computer Clubs (CCC) war der mit Abstand bestbesuchte. Im vergangenen Jahr hatten die Veranstalter 6000 Teilnehmer gezählt. »Mich hat die kämpferische, positive Grundstimmung schon gewundert«, sagte CCC-Sprecherin Kurz. Anstatt angesichts der weitreichenden Spionageprogramme zu resignieren, fühle sich die Szene dadurch zum Handeln herausgefordert. Schon zur Eröffnung hatte Tim Pritlove vom CCC den Appell seiner Organisation wiederholt, das Internet neu zu erfinden.

(jW/dpa)

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