Müller-Maus ... Hmmmm, lecker Brot ...

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Nein, so ganz Sonderfall ist das wohl nicht. Kapitalistischer Konkurrenzkampf drängt jeden zum Übertrumpfen der Anderen, möglichst zu Lasten schwächerer Dritter. Da kommt so etwas schonmal vor:

 

Die unglaubliche Brotverfälschung« möchten manche rufen, wenn sie aktuelle Vorgänge um die bayerische Großbäckerei MüllerBrot GmbH charakterisieren. Allerdings ist eine solche Verfälschung bereits bei Karl Marx dokumentiert. Im ersten Band des Kapital zitiert er Dokumente aus der Zeit um 1850 in England, die Parallelen zur Gegenwart sind nicht zu übersehen, wenn der Philosoph und Ökonom anmerkt: »Der bibelfeste Engländer wußte zwar, daß der Mensch, wenn nicht durch Gnadenwahl Kapitalist oder Landlord oder Sinekur ist, dazu berufen ist, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, aber er wußte nicht, daß er in seinem Brote täglich ein gewisses Quantum Menschenschweiß essen muß, getränkt mit Eiterbeulenausleerung, Spinnweb, Schaben-Leichnamen und fauler deutscher Hefe, abgesehn von Alaun, Sandstein und sonstigen angenehmen mineralischen Ingredienzien«. Das regte damals »das Publikum auf, nicht sein Herz, sondern seinen Magen«. Vergleichbares passiert auch in der deutschen Medienlandschaft.

Als Mäusekot und Schaben bei Müller nicht länger zu vertuschen waren, fragte keiner nach den Kolleginnen und Kollegen. Niemand interessierte sich für deren Löhne und Arbeitsbedingungen – und vor allem ihre Angst um den Arbeitsplatz, die es so schwer macht, gegen Mißstände im eigenen Betrieb aufzustehen. Das Unternehmen produziert (e) mit einer Hochleistungsbackstraße in Neufahrn bei München. Müller hatte zuletzt etwa 1100 Beschäftigte, davon etwa 700 in der Produktion. Die Firma buk bis zu eine Million Brötchen und Brezeln pro Tag sowie bis zu 70000 Brote und setzte 2010 rund 110 Millionen Euro um. Die Belegschaft hat einen hohen Anteil von Frauen, davon viele mit Migrationshintergrund.

In guten Zeiten (etwa bis 2003) hatte Müller fast 4000 Beschäftigte und einen Umsatz von mehr als 400 Millionen Euro. Danach ging es bergab: » ... obwohl die Belegschaft in den vergangenen acht Jahren freiwillig Einkommensverluste von ca. zwölf Millionen Euro zum Erhalt ihrer Arbeitsplätze akzeptiert hat«, wie die Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten (NGG) am 3. Februar mitteilte.

Hinter dieser Aussage stehen alle Demütigungen, die der Abbau der Arbeitsplätze mit sich bringt: Das Auskämmen und Selektieren, die Auseinandersetzungen und Verletzungen untereinander. Und für die Verbliebenen bleibt weiteres Wegzwicken bei den Löhnen, Verstärkung der Arbeitshetze, wie das Schnellerstellen der Bänder, das Kürzen von Pausen, die Verschärfung der Antreiberei und der Überwachung (nicht der Hygiene, sondern) der Kolleginnen.

Da gibt es auch die Angst, noch weitere Arbeitsplätze zu gefährden, wenn man auf Mäuse und Schaben im Betrieb öffentlich aufmerksam macht. Denn dazu müßte man sich mit dem ganzen Schädlingssystem anlegen, auch mit den kapitalistischen Eigentums- und Produktionsverhältnissen.

Müller selbst scheint auf den ersten Blick nicht von großer Bedeutung zu sein. Aber sieht man genauer hin, kommt einiges zum Vorschein. Größter Gläubiger des Unternehmens ist die Commerzbank. Seit der jüngsten Finanzkrise zum »systemischen« Institut erklärt, also unbankrottbar und deshalb mit maßgeblicher Beteiligung des Staates 2009 vor dem Untergang »gerettet«. Großabnehmer waren Lidl und Aldi-Süd. Die sprangen nach Bekanntwerden der hygienischen Mißstände ab. Als Handelsmonopolisten sind beide bekannt für Preisdrückerei – angeblich zum Wohle des Konsumenten. Die Lieferanten geben den Druck weiter in die Lieferkette, aber vor allem die eigene Belegschaft.

Müller-Hauptgesellschafter Klaus Ostendorfer war früher Mitglied im Vorstand der Konkurrenz, der führenden Bäckereikette Kamps. Die wollte auch schon einmal bei Müller Brot einsteigen. Statt der inländischen Heuschrecke kam jedoch eine aus den USA, die MidOcean Partners (MOP), zum Zug.

Ostendorfer selbst hatte im Februar die Insolvenz von Müller erklärt. Laut NGG liegt der Verdacht nahe, daß es nach Bekanntwerden des Hygieneskandals von Anfang an Ziel des Hauptgesellschafters Ostendorf und des Geschäftsführers Stefan Huhn war, sich mit einer Insolvenz der Mehrheit der Beschäftigten und der Schulden kostengünstig zu entledigen. »Die Vorgehensweise dieser beiden Herren ist menschenverachtend und erbärmlich. Wer so dreist die Verbraucher, die Zulieferer und die Beschäftigten belügt, hat in unserer Gesellschaft nichts zu suchen«, so Gewerksschaftssekretär Mustafa Öz am 16. Februar. Bekanntlich sei die für das Überleben der Firma notwendige Backstraße in Neufahrn sowie das komplette EDV-System im Besitz der zur Ostendorf-Gruppe gehörenden Backwelt GmbH, und somit nicht Teil der Insolvenzmasse.

So hat Ostendorfer die Firma gleich zweimal ausgenommen. Als Eigentümer hat er den Profit herausgezogen. Und wenn da nichts mehr ging, wenigstens noch als Vermieter den Mietzins (Jahresmiete: 250000 Euro). Und so bestätigt sich eine alte Definition: Pleite ist legaler Diebstahl – an Gläubigern und Lohnempfängern.

Da ist auch noch der Landkreis Freising. Den Verantwortlichen waren die Zustände bei Müller seit Mitte 2009 bekannt.

Die Staatsanwaltschaft ermittelte bereits. Aber es dauerte bis Anfang Februar 2012, um die Öffentlichkeit zu informieren.

Und die Perspektiven? Oberstaatsanwalt Kring aus Freising äußerte vage, es sei in der Branche bekannt, daß Mäuse und Schaben in Backstuben dazugehören. (FAZ. net vom 3. Februar) Also Mahlzeit.

 

Von Richard Corell (jW)

Veröffentlicht in Kapitalismus-Sozialismus

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