Nagelprobe für den Marxismus (1)

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Marxismus – was ist das? Auf jeden Fall auch einer jener Begriffe, die so einige Schändungen über sich ergehen lassen mussten. Marx war eine herausragende Persönlichkeit. Das von ihm aufgebaute Gedankengebäude ein Felsen, den man schwer aus dem Bild der Weltideengeschichte rausretuschieren kann. Also haen sich schon viele gefunden, die mit der vorgeblichen Absicht, Marx Gedanken an neue Verhältnisse „anzupassen“, sie zu „modernisieren“, versuchten, das Wesen der Sache zu verdrehen.

http://4.bp.blogspot.com/-tEpx8tnzDHQ/UXZDMUHCj4I/AAAAAAAAAVA/R_e5SzzUzxc/s390/GdG.JPGIch halte an sich nichts von Ismen, noch dazu, wenn sie auf einen Namen reduziert werden. Es ist hilfreicher, dem ganzen Ding einen wissenschaftlicheren Namen zu geben. Das kann die Sache sperriger machen. Marxismus beschreibt ja gerade ein einheitliches Gebäude aus Theorie und Praxis, aus dem prinzipiellen Kern, dem dialektischen und historischen Materialismus, dem zweiten Handwerkszeug des Verstehens, der politischen Ökonomie, und der hergeleiteten Vision, dem wissenschaftlichen Kommunismus. Auseinandergerissen wird jedes Teil ein Torso.

Am wenigsten „Verlust“ ergibt sich, wenn man sich auf den dialektischen und historischen Materialismus konzentriert. Dessen Kerngedanke ist zweifelsfrei, dass alles, was ist, Gewordenes ist, und dass es für jede Entwicklung materielle Ursachen gibt, auf die sich diese Entwicklung zurückführen lässt.

Dies ist eine spannende Erkenntnis, wenn es um die Geschichte der Menschheit geht. Hier verhindert materialistisches Denken, bei der Deutung von Ereignissen beim Handeln konkreter Menschen und ihrer Ideen stehen zu bleiben. Diese sind ja selbst „Produkte“ ihrer Verhältnisse – bei aller Individualität, also speziellen Fähigkeiten, schon mehr zu sehen und zu beeinflussen, als die „Verhältnisse“ objektiv, also unabhängig von ihrem Willen, eigentlich zum gegebenen Zeitpunkt hergäben.

Der auf den Kern zusammengeschmolzene Gedanke materialistischer Geschichtsdeutung und -gestaltung liegt aller Wahrscheinlichkeit in folgendem Marx-Zitat:

"... In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten. Sowenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewußtsein beurteilen, sondern muß vielmehr dies Bewußtsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären. Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. 

      (MEW 13, S. 8 f.)

Was an Verhältnissen sich durchsetzen kann, ist also von den Produktivkräften abhängig.

Wie aber kann man den Entwicklungsstand der Produktivkräfte qualitativ erfassen, also sagen: Weil folgender „materieller Stand“ erreicht ist, sind die bisher gewachsenen Produktionsverhältnisse, in erster Linie Eigentumsverhältnisse, nicht mehr die Entwicklung fördernde Rahmenbedingungen, sondern sie sind zu Fesseln geworden. Im Marx-Zitat ist diese Frage sehr abstrakt angesprochen.

Ein marxistischer Streit darum, wann und warum „kapitalistische Produktionsverhältnisse“ die Produktivkraft-Entwicklung fesseln, ist ein sehr wesentlicher. Hier stößt man nämlich auch auf eine Erkenntnisschranke von Karl Marx selbst. Da er die technische Revolution, die diesen Übergang kennzeichnet, nicht vorhersehen konnte, blieb er im Grundwiderspruch des Kapitalismus selbst hängen.

Dies aber ist eine unglückliche Dialektik. Dass ein „gesellschaftlicher Charakter der Produktion“ seiner „privatkapitalistischen Aneignung“ gegenübersteht, war ja bereits geburtsgegeben. ...

Veröffentlicht in unsere Epoche

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