Nagelprobe für den Marxismus (3)

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Eine neue Entwicklung wurde mit dem Übergang von der per Hand festgehaltenen Schriftsprache zum Buchdruck eröffnet. Nunmehr war erstmals technisch möglich, dass jeder Mensch hätte am geistigen Weltpotential der Menschheit hätte teilhaben können. In erster Linie stand dem natürlich entgegen, dass nur ein geringer Teil der Menschheit lesen konnte.

http://4.bp.blogspot.com/-tEpx8tnzDHQ/UXZDMUHCj4I/AAAAAAAAAVA/R_e5SzzUzxc/s390/GdG.JPGDie Vergegenständlichung im Sinne der Bedürfnis-befriedigung beschränkte sich allerdings vollständig auf die Belletristik. Wer also durch das Lesen Erbauung anstrebte konnte dies. Hätte es vor 500 Jahren aber „Fachbücher“ gegeben, so hätten diese zwar so viel Weltwissen in sich aufnehmen können, wie der jeweilige Autor in sich aufgenommen hatte. Praktisch nutzbar war dieses festgehaltene Wissen erst über zwei Zwischenschritte: Der Interessent musste durch Lesen das Buchwissen zu seinem Wissen machen und dann in einem Produktionsprozess anwenden – egal, ob er das selbst getan hätte oder ob er andere für sich arbeiten ließ. (Es war sogar im Sinne der Geschwindigkeit des sich durchsetzenden Fortschritts zweckmäßig, dass der Wissende andere nach seinen Vorgaben arbeiten ließ.) Wie auch immer: Für jedes einzelne Bedürfnis jedes einzelnen Menschen mussten einzelne Menschen konkret körperlich produzieren.

Die Herausbildung und Entfaltung des Kapitalismus markierte alledings eine „interne“ Entwicklungsstufe der Produktivkräfte: Während in der vorangegangenen Zeit hinter einem konkreten Produkt zur Bedürfnisbefriedigung die konkrete Arbeit eines oder weniger Menschen mit ihren Fertigkeiten stand, wuchs der Anteil der in Maschinen, Werkzeugen, Werkzeugmaschinen usw. vergegenständlichten Arbeit – geistiger und körperlicher – immer weiter an und wurde letztlich der überwiegende. Praktisch wurden die arbeitenden Menschen Zusatzbestandteile einer gewaltigen Maschinerie. Wohl gemerkt: In letzter Instanz ging nichts ohne konkrete und zwar körperliche Arbeit.

Wenn also in B jemand alle geistigen Potenzen zur Produktion eines Mantels von A gestohlen hätte, so hätte er doch ansonsten alles selbst umsetzen müssen.

Ich behaupte nicht, dass dieses Niveau überall wird verlassen werden können. Man kann von einem konkreten Baum von einem konkreten Apfel nur einmal pflücken und einmal essen.

Rechentechnik und Internet haben aber inzwischen ein Niveau erreicht, auf dem plötzlich etwas Merkwürdiges auftritt:

Man kann ein Mittel zur Bedürfnisbefriedigung, nennen wir es im Folgenden „Gut“, millionenfach verbrauchen … und es ist immer noch dort, wo es ursprünglich war, nämlich dort, wo es angeboten worden war.Am drastischsten ist dies in Kulturgütern verwirklicht. Spiele, Musikstücke, elektronische Bücher als Beispiel. Die „Endfertigung“ übernimmt derjenige, der das Nutzungsbedürfnis hat, indem er sein Gut aus dem Internet herunterlädt. Der klassische „Warentausch“, also eine Ware A wechselt von A zu B, während die Ware B (im Regelfall Geld) von B zu A wechselt, wodurch nachher die Menge aller Waren zusammengenommen unverändert bleibt, sieht ganz anders aus: Das Gut ist noch bei A, aber auch bei B (und ggf. bei Zzz). In die Warenform wird der Vorgang durch einen zusätzlichen Vorgang gepresst: Dem Gut wird einem für seine Nutzung widersinnige Zusatzeigenschaft aufgearbeitet: Eine Kopiersperre.

Dem Wesen des Gutes selbst würde entsprechen, dass es in unveränderter Form nach dem ersten Vorgang sowohl bei A unbeschränkt zugängig wäre als auch, wenn dort gewünscht, bei B für C bis Zzz. Die digitalisierte Form des geistigen Produkts kollidiert mit der durch die Eigentumsverhältnisse geforderten Warenform. Diese Warenform regelt nicht mehr die Bewegung von in Mangel befindlichen Gütern zu ihren potentiellen Nutzern, sondern sie strebt die technisch mögliche Vielfachnutzung künstlich ein.

Zu dem Prozess sollte man sich Erfindungen wie 3D-Drucker noch hinzudenken. Sie sind ja keine Science Fiktion mehr. Sie würden also den Bedürfnisträger die Produktion benötigter Kleinteile mittels eines Universalgrundstoffs und herunterladbarer Software erlauben.

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