Noch immer gilt: Schwerter zu Pflugscharen! (ein „Rotfuchs“-Artikel)

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Demagoge im Talar

Vom Friedensheuchler zum Abrüstungsgegner: Rainer Eppelmann

 

Am 25. Januar 1982 veröffentlichte Pfarrer Rainer Eppelmann den „Berliner Appell“, der durch eine Unterschriftensammlung massenwirksam werden sollte. Zur gleichen Zeit präsentierte der sächsische Landesjugendpfarrer Harald Bretschneider das Logo für „ Schwerter zu Pflugscharen“. Es wurde als Aufnäher in Herrnhut produziert und durch protestantische Pfarrer verbreitet. Vieles, was im Eppelmann-Aufruf stand, wirkte zupackend und schlüssig. Da las man zum Beispiel:

„Wenn wir leben wollen, fort mit den Waffen! Und als erstes: Fort mit den Atomwaffen! Ganz Europa muß atomwaffenfreie Zone werden. Wir schlagen Verhandlungen zwischen den Regierungen der beiden deutschen Staaten über die Entfernung aller Atomwaffen aus Deutschland vor.“

Und weiter hieß es: „Das geteilte Deutschland ist zur Aufmarschbasis der beiden großen Atommächte geworden. Wir schlagen vor, diese lebensgefährliche Konfrontation zu beenden. Die Siegermächte des 2. Weltkrieges müssen endlich die Friedensverträge mit den beiden deutschen Staaten schließen, wie es im Potsdamer Abkommen von 1945 beschlossen worden ist. Danach sollen die ehemaligen Alliierten ihre Besatzungstruppen aus Deutschland abziehen und Garantien für die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der beiden deutschen Staaten vereinbaren.“ So weit, so gut.

Doch dann kam Eppelmann zur Sache.

Er wandte sich nämlich mit einem Fragenkatalog direkt an die Regierung der DDR. Darin stand u. a.: „Sollten wir nicht anstelle des Wehrkundeunterrichts an unseren Schulen einen Unterricht über Fragen des Friedens einführen? Sollten wir nicht anstelle des jetzigen Wehrersatzdienstes für Kriegsdienstverweigerer auch sozialen Friedensdienst zulassen?

Sollten wir nicht auf alle Demonstrationen militärischer Machtmittel in der Öffentlichkeit verzichten und unsere staatlichen Feiern statt dessen dazu benutzen, den Friedenswillen des Volkes kundzutun?

Sollten wir nicht auf die Übungen zur sogenannten Zivilverteidigung verzichten? Da es im Atomkrieg keine Möglichkeiten einer sinnvollen Zivilverteidigung gibt, wird durch diese Übungen nur der Atomkrieg verharmlost . Ist das nicht womöglich eine Art psychologische Kriegsvorbereitung?“

Und der in der Berliner USA-Botschaft ein- und ausgehende Pfarrer, der später als Minister für Abrüstung und Verteidigung einer unter die Räuber gefallenen Noch-DDR die systematische Zerschlagung der Nationalen Volksarmee einleitete und deren Waffen ins Ausland verscherbelte, präsentierte seine Hauptlosung: „Frieden schaffen ohne Waffen!“ Sein Appell war zwiespältiger Natur. Manche Ziele und Argumente stimmten mit politischen Forderungen der DDR überein. Aber schon 1982 war erkennbar, daß die Vorschläge nicht ehrlich gemeint waren. Der „Berliner Appell“ sollte lediglich dazu dienen, die DDR ideologisch und militärisch zu entwaffnen. Und: In Deutschland lagern immer noch Atomwaffen.

Andererseits beobachteten die Gegner in der BRD nicht nur das Spiel mit gezinkten Karten, sondern unterstützten die „ Dissidenten“ auch nach Kräften finanziell. „Die Welt“ glaubte schon am 14. Februar 1982 zu wissen, daß die Bewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ der Anfang vom Ende der DDR sei.

Tatsächlich erfolgte die Vernetzung der Opposition „unter dem Dach der Kirche“.

Im Herbst 1989 wurden deren Akteure zu Kohls willigsten Helfern. Dessen Schlüssel-Auftritt fand am 19. Dezember an der Ruine der Dresdner Frauenkirche statt und war vom Klerus organisiert. Die Rolle Rainer Eppelmanns nach 1990 bleibt hier ausgespart, aber dessen Wandlung vom Paulus zum Saulus sollte Erwähnung finden. Ich fragte ihn im Mai 2000, wie er die damaligen Ziele mit seinen neuen Möglichkeiten als CDU-Bundestagsabgeordneter weiterverfolge. Der Mann, der jene berüchtigte Enquetekommission leitete, welche die DDR in Acht und Bann schlug, schrieb mir: „Ich habe einerseits großes Verständnis dafür, daß Sie mich an meine Auffassung erinnern, für die ich sogar einige Zeit ins Gefängnis gegangen bin. Aber gerade weil ich nach der Wiedervereinigung Deutschlands viel dazugelernt habe, sehe ich heute viele Dinge anders. Aus anderer Perspektive betrachtet, erhalten die gleichen Fragestellungen oft ein anderes Gesicht. Es ist natürlich weiterhin mein Wunsch, kriegerische Auseinandersetzungen und die Existenz von Armeen überflüssig zu machen. Ich habe jedoch lernen müssen, daß die Zeit hierfür noch nicht reif ist.

,Schwerter zu Pflugscharen‘ ist ein sympathischer Gedanke, wenn es jedoch an die Umsetzung geht, wird es schwierig – es gibt zu viele Aspekte, die gegen eine Abschaffung der Bundeswehr sprechen.

In meinen Augen sind Militärs nicht unbedingt Friedensbringer. Aber ich glaube, daß eine starke Armee in bestimmten Zeiten zum Frieden beitragen kann, weil sie ein Gleichgewicht und eine Abschreckung für Angreifer darstellt. Armeen sind – so verstanden – ein politisches Mittel.“

„Ein großes Problem für die Zukunft“ sei „mit Sicherheit das erhebliche soziale Gefälle zwischen den Industrienationen und den Ländern der Dritten Welt sowie die jetzt durch den Wegfall des Eisernen Vorhangs unmittelbar aufeinanderprallenden unterschiedlichen Gegebenheiten zwischen Ost -und Westeuropa.“ Eppelmann stellte fest: „Es könnten verständliche Begehrlichkeiten zu sozialen Kriegen führen, wenn wir ungeschützt dastünden.“ Und er fuhr fort: „Sie wissen auch, daß wir in internationale Verträge eingebunden sind, die wir nicht einfach aufkündigen können und auch nicht sollten.

Darüber hinaus ist die Bundeswehr ein Wirtschaftsfaktor, und ihre Abschaffung würde viele Arbeitsplätze kosten.“

Nachdem Eppelmann seine heutige – total gewandelte – Sicht auf die Rolle von Streitkräften dargestellt und sich dabei übrigens von dem Gedanken einer Berufsarmee scharf distanziert hatte, schloß er sein Schreiben mit einer Retourkutsche: „Abschließend möchte ich Ihnen eine Frage stellen: Haben Sie dazugelernt?“

Mein Kommentar: Eppelmann sieht heute vieles anders. Haben sich die Waffen von damals in nahrhaftes Brot verwandelt?

Die Zeit für Abrüstung sei noch nicht reif, meint er. Wann wird das sein? Wenn die vorhandenen Waffenarsenale weitere Iraks, Afghanistans und Libyens in Trümmer verwandelt haben? Welche Armee kann heute die U.S. Army und die NATO „abschrecken“? Doch wohl nur eine – wie Eppelmann feststellt – mit Atomwaffen ausgerüstete. Soll also die atomare Aufrüstung weitergehen? Wie lange? Es gibt ein soziales Gefälle in der Welt, das „verständliche Begehrlichkeiten“ weckt.

Wird das „Gefälle“ durch Rüstung und Kolonialkriege geringer? Inzwischen haben wir die Berufsarmee, die weltweit Aggressionskriege führt. Was sagen Sie jetzt, Herr Eppelmann?

Um Ihr Gewissen sind Sie nicht zu beneiden, denn ob sich auch nur eines Ihrer Argumente für einen vernünftigen Menschen ziemt, für einen Anhänger Christi, mag jeder für sich selbst entscheiden.

Sie fragten mich abschließend: „Haben Sie dazugelernt?“ Was hätte ich wohl von Ihnen und Ihresgleichen lernen sollen?

Indes: Als Kind erfuhr ich, daß Jesus die Heuchler und Schriftgelehrten aus dem Tempel gejagt hat. Und Luthers Auftreten in Worms imponiert mir bis heute.

Ich frage nicht, was Sie gelernt haben.

Der Leser findet die Antwort ohne meinen Rat. Prof. Dr. Horst Scheider

Veröffentlicht in politische Literatur

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