Nun festigt auch der "rotfuchs" Klischees: Wie schlimm ist Hellersdorf ...

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.Zuerst der Artikel im November-"rotfuchs":

Ein ausländerfeindlicher Mob, der aufgeputschte Bewohner des betroffenen Viertels zu neutralisieren oder auf seine Seite zu ziehen vermochte, hat während des Sommers den Berliner Stadtteil Hellersdorf beunruhigt. Das, was die faschistische NPD und andere Nazi-Organisationen gegen die Einrichtung einer Notunterkunft für etwa 200 syrische Kriegsflüchtlinge entfesselten, war Volksverhetzung im strafrechtlichen Sinne. Rassistische Parolen wurden gebrüllt, Morddrohungen ausgestoßen, Rufe wie „Deutschland den Deutschen!“ waren zu vernehmen. Auch die von der - BRD legalisierte NPD-Wahlparole „Guten Heimflug!“ durfte da nicht fehlen. Der Ruf „Die sollte man alle vergasen!“ beschwor die Erinnerung an Auschwitz. Welch Geistes Kind einige der Akteure sind, zeigten T-Shirts mit der Aufschrift „22.–26.“ Sie sollten die faschistischen Exzesse ins Gedächtnis rufen, die sich vor 21 Jahren in Rostock-Lichtenhagen zugetragen hatten. Seitdem sind 180 Menschen in der BRD Opfer rechtsradikaler und ausländerfeindlicher Gewaltakte geworden. Eine bürgerliche Zeitung kommentierte das Geschehen in Hellersdorf mit den Worten: „Manchmal liegen zwischen Zivilisation und Barbarei nur Millimeter.“

Tatsächlich bekundet – repräsentativen Umfragen zufolge – inzwischen jeder vierte Bundesbürger Ressentiments der hier geschilderten Art. Jeder zweite Deutsche meine, es gebe zu viele „Fremde“ hierzulande. Die Friedrich-Ebert-Stiftung erklärte dazu, Ausländerfeindlichkeit sei in der BRD „kein Randproblem, sondern eines aus der Mitte der Gesellschaft“.

Die ganze Wahrheit ist weitaus ernster. Seit Jahr und Tag haben sich fuhrende Politiker etablierter Parteien als Stichwortgeber hervorgetan. Da waren die „Warnungen“ des ehemaligen CSU-Vorsitzenden Stoiber vor einer „durchmischten und durchrassten Gesellschaft auf deutschem Boden“ zu vernehmen. Erinnert sei an die Pogromrufe des fruheren Berliner CDU-Landesvorsitzenden Landowski, der von „Mull“, „Ratten“ und „Gesindel“ sprach, „das beseitigt werden“ musse. Das seinerzeitige CDU-Prasidiumsmitglied Ruttgers empfahl „Kinder statt Inder“ an die Computer zu setzen.

Und Herr Huber, ein anderer ehemaliger CSU-Vorsitzender, wusste: 

„Multikulti ist die Brutstatte der Kriminalitat.“

Auch Ex-Bundeskanzler Schroder fehlte nicht in dem Reigen, als er ausrief:

„Das Boot ist voll!“

Inzwischen sind von „hoher Warte“ auch ganz andere Tone zu vernehmen. Die angebliche Bildungsrepublik Deutschland klagt uber „ernsten Fachkraftemangel“.

Kanzlerin Merkel erklart die BRD daraufhin zum „Einwanderungsland“. Es gehe um eine „neue Willkommenskultur“, um eine „neue Qualitat der Zuwanderung“. Arbeitsministerin von der Leyen sprach gar von einem „Glucksfall“. Die genannten Vokabeln gelten allerdings keineswegs fur Auslander, die in der BRD ihr Heil vor Armut und Verfolgung suchen. 

Um was geht es? Der derzeitige Export-Vizeweltmeister braucht dringend qualifiziertes „Humankapital“. Gerhard Schroder und Peer Steinbruck schufen, als sie am Ruder waren, im Interesse der deutschen Konzerne mit der „Agenda 2010“ entsprechende Voraussetzungen zu dessen Beschaffung. „Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt“, brustete sich der heutige Multimillionar Schroder damals.

Die Lohnstuckkosten wurden drastisch gesenkt, die sudeuropaischen EU-„Partner“ gnadenlos niederkonkurriert. Der BRDLeistungsbilanzuberschuss erreichte in einem Jahrzehnt eine Billion Euro.

Merkel nutzte diesen Vorteil bei ihrem Krisenmanagement und setzte die Strategie des deutschen Kapitals pasgerecht um. Sie verlangte, „das die Wirtschaftspolitik im Euro-Raum deutschen Prinzipien folgen“ solle. Den Sudeuropaern diktierte man brutale Kurzungsprogramme. Immer mehr Griechen, Portugiesen und Spanier wurden so an den Rand der Gesellschaft gedrangt und in Armut hinabgestosen. Der einheitliche Euro-Binnenmarkt erweist sich als idealer Freiraum fur deutsche Kapitalverwertung und „Humankapital“- Gewinnung. Eine neue Kategorie von Menschen entstand – die „Krisenfluchtlinge“.

Deutsche Konzernbosse sind daruber hocherfreut. „Es ist eine Elite, die nun einwandert und das Bild verandert“, triumphierte der „Spiegel“. „Nun sind es die Jungen, die Gutausgebildeten, die Mutigen, die nach Deutschland kommen, im Durchschnitt sind sie 32 Jahre alt.“

In Berlin-Hellersdorf ging es indes nicht um Abwerbung von mit Steuergeldern anderer Lander ausgebildeten Fachkraften, sondern um Menschen, die „lediglich“ dem Krieg zu entrinnen gesucht hatten.

Derzeit befinden sich weltweit uber 45 Millionen auf der Flucht – Wirtschaftsfluchtlinge, Kriegsfluchtlinge, Umweltfluchtlinge, politisch, ethnisch oder religios Verfolgte. Die Herkunftslander sind derzeit vor allem Afghanistan, Irak und Syrien – drei Staaten, deren Volker zu Opfern von Interventionen der USA und der NATO geworden sind.

In Afghanistan ist die BRD mit ihrer Bundeswehr seit einem Jahrzehnt „im Einsatz“. Sie hat keinen geringen Anteil daran, dass uber zwei Millionen Afghanen ihre Heimat verlassen mussten. Die Integration der Fliehenden gehort nicht zu den Zielen der lammfrommen Bundesregierung. Sie setzt auf Ausgrenzung, isoliert Asylsuchende in Lagern und kennt fast nur einen „Losungsweg“: die Abschiebung. Es gehe darum, den Aufenthalt derer, „die nur aus misbrauchlichen oder asylfremden Grunden“ zu uns kommen, schnell zu beenden, verkundete Merkels Innenminister Friedrich. Solche Erklarungen leiten Wasser auf die Muhlen der Nazis. So zogen sie vor jene seit Jahren leerstehende Hellersdorfer Schule, die 200 syrischen Kriegsfluchtlingen eine gewisse Sicherheit geben sollte.

Die Pogromstimmung von Rostock-Lichtenhagen war plotzlich wieder da. Doch auch das mus nachdrucklich unterstrichen werden: Den Kohorten rechtsradikaler Stimmungsmacher stellten sich bald nicht wenige mutige und internationalistisch gesinnte Menschen entgegen, von denen etliche ihre Kindheit zu einer Zeit erlebten, in der die Schule noch dazu diente, ganze Generationen Heranwachsender im Sinne der Volkerfreundschaft zu erziehen.

Prof. Dr. Georg Grasnick

 

 

.Erst einmal das Positive des Artikels: Professor Grasnick stellt "rechtsextreme" Erscheinungen in den gesellschaftlichen Zusamenhang. Wirklich problematisch ist eine Machtstruktur, die (egal, ob mit Worten oder im Sinn) Menschen zu Müll erklärt.

Trotzdem bin ich der Meinung, dass in dem Artikel die verzerrenden Details überwiegen. Ich bin natürlich selbst nicht bei allen Veranstaltungen in Hellersdorf persönlich dabei gewesen, kann mir also nicht ein Urteil anmaßen, wie der Professor zu seinen Schlüssen kommt, aber ...

1. Ich möchte doch darum bitten, den letzten Absatz anders zu formulieren. Wesentlich waren die Massen der Jugendlichen, die als Heranwachsende eben NICHT im Geiste der Völkerfreundschaft erzogen worden sind, aber sich in unterschiedlichem Grad des Verständnisses für Gesamtzusammenhänge für aktiven Antifaschismus entschieden haben, und die zutiefst menschliche Grundgedanken zu vertreten bereit waren: Kein Mensch ist illegal. Ihr Flüchtlinge seid bei uns (bei ihnen) willkommen. Die Zahl derer, die eine DDR-Erziehung genießen durfte, war innerhalb der aktiven Linken unterrepräsentiert.

2. Von jener schlecht organisierten "Bürgerversammlung" abgesehen, waren Auftritte einer verschwindenden Zahl von "Rechtsextremen" vor ihresgleichen allein dank des Schutzes der Polizei möglich. Linke Aktivisten waren in so massiver Überzahl, dass die wenigen Hetzer unkompliziert in ihre fernen Löcher zurückgeschickt worden wären. Es waren Aktivisten der rechten Szene von anderswo.

3. Die Unterbringung von Menschengruppen in Ghettos ohne die Möglichkeit, sich durch aktives positives Handeln (Arbeit) in ihre angestrebte neue Lebenswelt zu integrieren, ist grundsätzlich menschenfeindlich. Sie fördert vorsätzlich ein Verhalten unter den betroffenen Gruppen, das man ihnen dann vorwirft.

4. So lange stand die betreffende Schule, ein Gymnasium, nicht leer. Vielen Anwohner ist noch frisch im Gedächtnis, dass (sie oder) ihre Kinder wie Landkinder nicht mehr zu Fuß zur Schule gehen konnten, sondern von Bahnen abhängig wurden, weil es angeblich "zu wenig Schüler" gäbe. Insofern ist deren negative Zurückhaltung auch folge einer profitorientierten Schulpolitik.

5. Wir leben in einem Land, das sich anmaßt, demokratisch zu sein. Ereignet sich aber etwas, wobei die Anwohner ein Stück Mitsprache für sich beanspruchen wollen, werden sie vor vollendete Tatsachen gestellt. Man sollte die teilweise Verärgerung der Anwohner nicht pauschal auf rechte / ausländerfeindliche Grundeinstellung reduzieren.

Es ist selbstverständlich, dass bürgerliche Mainstreammedien oberflächliche Klischees pflegen. Für einen Hellersdorfer hat es sogar etwas Gutes, wenn mit Gruppen vorverurteilenden Klischees der Stadtbezirk als für Geldleute unattraktiv erscheint, die Mieten damit erträglich bleiben.

Es ist unangenehm, wenn linke Publikationen - ob gewollt oder ungewollt - solche auf Stadtbezirke beschränkte Rollenzuschreibungen ungeprüft übernehmen. Gerade durch die fehlende "demokratische" Einbindung der Bürger in den gesamten Prozess entwickelten sich die verschiedenen Initiativen der Solidarität mit hierher geflüchteten Menschen erst im Nachhinein. Sie haben sich aber entwickelt.

Abschließend eine Bemerkung zum Wahlverhalten: Es gibt vernünftige Entscheidungen, die auf eine gesellschaftliche Entwicklung ausgerichtet ist. Diese ist ... wenig erwünscht, denn sie fragt, warum sich was verändern muss. Medial gefördert wird Oberflächlichkeit, die bei "Getroffenen" das Argument "Die tun wenigstens was" als einziges bemerken. Dem muss sich auch die Linke stellen ...

 

 

 

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