Oh Gott ... Losurdo ...!

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Linker Pluralismus ist ein löbliches Markenzeichen der Tageszeitung "junge Welt". Ein Merkmal dialektischen Denkens ist es, die Zusammenhänge nicht einschichtig zu sehen. Allein der Länge wegen muss ein Zeitungsartikel immer eine Seite eines Vorgangs stärker betonen. Der Wunsch, gelesen zu werden, verführt zu provokativer Zuspitzung.

Mit diesen vorausgeschickten Sätzen kann ich den Artikel von Domenico Losurdo in der heutigen jW akzeptieren. Trotzdem hätte ich mich gefreut, wäre er etwas "besser" geschrieben worden.

An erster Stelle betrifft dies den Gebrauch von bürgerlichen Begriffen oder den Gebrauch von Worten, denen bürgerliche bzw. antikommunistische Denkweise unterlegt wird. Vom "Kommunismus" in der Sowjetunion zu sprechen ist von der Wirkung her ein Mittel, den Begriff weiter von der Identifikationsmöglichkeit zu entfernen. Losurdo sagt zwar in einem Satz etwas gegen die Gleichsetzung der Systeme Hitler und Stalin - aber eher, indem er sich nur dagegen verwahrt diese auf die Einzelpersonen zu reduzieren. Der Artikel als Ganzes ist eher dazu angetan, die "Totalitarismus"-Doktrin unter Linken salonfähig zu machen. Ein unbedarfter Fremdleser fühlt sich also philosophisch bestätigt: Aha, also doch Staatssozialismus und Nationalsozialismus ist also gleich. Nur aufgrund der barbarischen Traditionen der Slawen-Russlands wars dort schlimmer.

Einem Linken sollte es schon allein ein Fingerkuppenkräuseln auslösen, "Nationalsozialismus" ohne Gänsefüße zu schreiben. Da es sich bei dem Text um keinen unprofessionellen Blogartikel - wie das hier - handelt, sondern um behauptete Wissenschaft, sollten Differenzierungen von Inhalt und Form deutlicher getroffen werden. Anderenfalls rutscht die Denklogik auf das Niveau herab von "Der moderne Faschist benutzt Internet und Handy, der moderne Kommunist benutzt Internet und Handy. Moderne Faschisten und moderne Kommunisten stehen also auf einer Stufe." Wer den Artikel liest, wird mehrmals mit einer solchen "Logik" konfrontiert. Soweit der veröffentlichte Artikel Teil eines Buches ist, in dem nachher relativiert wird, mag das noch angehen, als Veröffentlichung für sich empfinde ich den Gesamtartikel als antikommunistisch. 

Als positiv empfinde ich das Losurdo-Bekenntnis zur Auffassung des "zweiten Dreißigjährigen Kriegs, diesmal also von 1914 - 1945. Diese Auffassung macht Ereignisse wie den Giftgas-Kolonialkrieg gegen Äthiopien und den spanischen Krieg sowie die asiatischen Kampfhandlungen zum Element einer immer wieder offen ausbrechenden weltweiten Klassenkrieges - vom aufgeführten Krieg gegen Sowjetrussland ganz abgesehen.

Übrigens halte ich den Artikel für lesenswert.Der darin festgehaltenen Sachverhalte müssen wir uns bewusst sein. Die gesetzten Betonungen bewirken jedoch - ob bewusst oder nicht - eine Distanzierung von Alternativen zum Kapitalismus und eine Aufwertung des USamerikanischen Systems der Machterhaltung.

Veröffentlicht in unsere Epoche

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