"Rotfuchs" fragt "Was tun?" Was sagt uns Lenin?

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Professor Wagner versucht den Eiertanz. Ich sehe als Gegenproblem die Gründung einer (spaltenden) Vereinigenden Kommunistischen Partei ...

 

Strategische Überlegungen in einer nichtrevolutionären Etappe Lenins „Was tun?“ aus heutiger Sicht

 

Lenin hat seine Schrift „Was tun?“ zu brennenden Fragen der marxistischen Bewegung (Werke 5/354 ff.) mit Blick auf die Formierung einer revolutionären Sozialdemokratie geschrieben, die sich mit dem Übergang zum imperialistischen Weltsystem abzeichnete. „Wir schreiten als eng geschlossenes Häuflein, uns fest an den Händen haltend, auf steilem und mühevollem Weg dahin. 

Wir sind von allen Seiten von Feinden umgeben und müssen fast stets unter ihrem Feuer marschieren.“ Und: „Bevor man sich vereinigt und um sich zu vereinigen, muß man sich zuerst entschieden und bestimmt voneinander abgrenzen.“ 

Ohne diese Marschrichtung hätte es keinen Roten Oktober gegeben. 

Der Sieg der Bolschewiki 1917 ist deshalb ohne Lenin undenkbar. Die Oktoberrevolution ist „eine herausragende, wenn nicht die bedeutsamste historische Begebenheit des 20. Jahrhunderts überhaupt.“ (Alexander Rabinowitsch) Sie öffnete das Tor dafür, daß der Sozialismus einen immensen Beitrag zu den zivilisatorischen und sozialen Wandlungen im 20. Jahrhundert leisten konnte. Sein Kampf um die Erhaltung des Weltfriedens und sein wesentlicher Anteil an der Zerschlagung des Faschismus im Zweiten Weltkrieg sind Ruhmesblätter in den Annalen der menschlichen Geschichte.

Für unsere Zeit ist eine welthistorisch weitergedachte Analogie erforderlich. „Natürlich wiederholt sich die Geschichte niemals in derselben Form. Aber man sollte aus ihr Lehren ziehen und Kraft schöpfen. Kraft und Mut für kommende Kämpfe.“ (Klaus Steiniger, „RotFuchs“, Juli 2011, S. 1) 

Begeben wir uns in medias res: Mit Lenins Schrift, in der er 1902 das Verhältnis von Arbeiterklasse und revolutionärer Arbeiterbewegung analysierte, kann man nicht schematischdogmatisch auf die Frage „Was tun?“ in unserer Zeit antworten, obwohl viele substantielle welthistorische Kernaussagen ihre volle Gültigkeit behalten. Lenin kritisierte: „Die Sozialdemokratie soll aus einer Partei der sozialen Revolution zu einer demokratischen Partei der sozialen Reformen werden.“ Und dies bedeutete, daß somit „die Forderung nach einer entschiedenen Schwenkung von der revolutionären Sozialdemokratie zum bürgerlichen Sozialreformismus von einer nicht minder entschiedenen Schwenkung zur bürgerlichen Kritik an allen Grundideen des Marxismus begleitet“ wurde. (Ebenda). 

Oder: „Die revolutionäre Sozialdemokratie hat den Kampf für Reformen stets in ihre Tätigkeit eingeschlossen und tut das auch heute.“ Weiter: „Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben.“ Und: „In unserer Zeit kann nur die Partei zur Avantgarde der revolutionären Kräfte werden, die wirklich vom ganzen Volk ausgehende Enthüllungen organisiert.“ 

Die Niederlage der internationalen kommunistischen Bewegung war kein gesetzmäßiges Ende, jedoch eine welthistorische Katastrophe, da sie die Dialektik des Zeitmaßes verdeutlichte. Einerseits hat sich durch die Destabilisierung des subjektiven Faktors das Zeitfenster für eine Überwindung des Kapitalismus in historischer Dimension angesichts der gegenwärtigen weltweiten Kräftekonstellation weiter geöffnet. Es könnte demnach länger dauern, als von uns angenommen wurde. 

Andererseits zeigt sich im Spätkapitalismus mit seiner permanenten Krise und deren zerstörerischen Nah- und Fernfolgen, daß der Menschheit eine Verkürzung dieses Zeitmaßes zur Lösung ihrer Überlebensprobleme bevorstehen müßte. So ist es ein geschichtliches Dilemma, daß – wahrscheinlich auf mehr oder weniger lange Sicht – nicht mit einer revolutionären Situation zu rechnen ist. Zum Grundgesetz der Revolution gehört nach Lenin: „Erst dann, wenn die ‚Unterschichten’ das Alte nicht mehr wollen und die ‚Oberschichten’ in der alten Weise nicht mehr können, erst dann kann die Revolution siegen. ... 

Die Revolution ist unmöglich ohne eine gesamtnationale (Ausgebeutete wie Ausbeuter erfassende) Krise.“ (Werke 31/71) 

Niemand kann behaupten, daß die Mehrheit der Lohnabhängigen die Notwendigkeit eines revolutionären Umsturzes schon begriffen hätte und die herrschende Klasse eine solche Krise durchmacht, welche die rückständigsten Massen in die Politik hineinzieht und so den revolutionären Aufbruch ermöglicht. Natürlich ist das politische Grollen in Europa in Gestalt machtvoller Streiks und sozialer Protestbewegungen nicht zu überhören. Andererseits aber sitzen die Herrschenden noch fest im Sattel. Ein bestimmtes Maß an Bourgeois-Sozialismus korrumpiert große Teile des „gesellschaftlichen Gesamtarbeiters“ (Marx). Der sozialen Widerstandsbewegung fehlt das übergreifende Projekt. 

Die marxistische Linke liegt noch weitgehend am Boden. Sicherlich zeigen sich Risse in der kapitalistischen Hegemonie; aber sie wankt noch nicht. Steiniger folgert hieraus: „Nun ohne die Macht, sind wir indes nicht ohnmächtig. Auch unsere Zeit wird wieder kommen. Der Geschichtsverlauf ist oft irregulär. Jähe Wendungen gehören dazu.“ (RF, Juli 2011) 

„Was tun“ in einer nichtrevolutionären Phase, in der es noch kein dialektisches Ineinandergreifen von objektiven und subjektiven Faktoren einer revolutionären Situation gibt? 

Fabulieren über eine künftige sozialistische Revolution, die in den Sternen steht? 

Jeder sollte seinen Möglichkeiten entsprechend einen politisch-ideologischen oder theoretischen Beitrag für die kommenden Kämpfe leisten. Eine der vordringlichsten Aufgaben sozialistischer Denker der älteren Generationen sollte es sein, zur Weiterentwicklung des Marxismus beizutragen. 

„Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche!“, empfahl Che Guevara. Und das in einer Zeit, in der uns solche geistigen Führer wie Marx, Engels und Lenin sowie andere herausragende marxistische Köpfe fehlen!

Ohne Orientierung an deren Denkmethode ist dies nicht möglich. Die lebendige Seele des Marxismus, sein zentraler Als Maxim Gorki über Lenin schrieb Linolschnitt: Arno Fleischer IV ■ RF-Extra RotFuchs / April 2013

Ausgangspunkt ist nach Lenin „die Dialektik, die Lehre von der allseitigen und widerspruchsvollen historischen Entwicklung“. (Werke, 17/23) 

Ihr „Zusammenhang mit den bestimmten praktischen Aufgaben der Epoche, die sich bei jeder neuen Wendung der Geschichte ändern können“, war für ihn das Alpha und Omega der Weiterentwicklung des Marxismus, der „unbedingt den auffallend schroffen Wechsel der Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens widerspiegeln (muß)“. 

Das verlangt, niemals das Allerwichtigste zu umgehen: „die konkrete Analyse einer konkreten Situation“. (Werke, 31/154) 

Lenins Überlegungen in Was tun?“ mit dem Blick auf das Heute sind also mit seiner Forderung fortzuführen, „jede Frage von dem Standpunkt aus zu betrachten, wie eine bestimmte Erscheinung in der Geschichte entstanden ist, welche Hauptetappen diese Erscheinung in ihrer Entwicklung durchlaufen hat, und vom Standpunkt dieser Entwicklung aus zu untersuchen, was aus der betreffenden Sache jetzt geworden ist.“ (Werke, 29/463)

„Was tun?“ wurde von Lenin am Beginn der imperialistischen Entwicklung des Kapitalismus geschrieben, die erst erfolgreiche sozialistische Umgestaltungen überhaupt möglich machte. Die offene Diktatur der Finanzmärkte zeigt, daß die Existenz der Menschheit angesichts des weiteren Abgleitens in die Barbarei auf dem Spiel steht. Dies signalisiert, daß die „historische Mission des Kapitalismus“ ihre Zeit überschritten hat. Aber zugleich bleibt der Niedergang des imperialistischen Spätkapitalismus mit dem epochalen Übergang zum Sozialismus/Kommunismus verbunden, der als objektiver Prozeß besonderer historischer Art weitergeht, und zwar durch die gewaltige Vergesellschaftung der Produktion als Folge der digitalen Revolution. Sie enthält bereits eine sozialistisch/kommunistische Produktionsweise als Möglichkeit. 

Wir können also davon ausgehen, daß sich trotz der Schwäche des subjektiven Faktors insofern der „naturhistorische Prozeß“ (Marx) der gesellschaftlichen Evolution im Spätkapitalismus in Richtung Kommunismus mit zunehmender Geschwindigkeit fortsetzt. Es ist deshalb keine Paradoxie, heute bereits den weltweiten Übergang zum Kommunismus gedanklich vorzubereiten, ohne dabei den Boden der Wirklichkeit zu verlassen. 

Und deshalb gilt es, den Marxismus für das 21. Jahrhundert weiterzuentwickeln. 

Dies verlangt zunächst vor allem, über den Sozialismus heute nachzudenken und sich der Problematik eines Übergangsprogramms in den entwickelten kapitalistischen Ländern zu stellen, das den Ausbruch ermöglichen soll. Der subjektive Faktor befindet sich nicht zuletzt als Folge der Niederlage des europäischen Sozialismus und der kommunistischen Weltbewegung in schlechter Verfassung. Das zeigt auch der Zustand der kommunistischen Bewegung in Deutschland. Die derzeit bestehenden Organisationen mit einem solchen Anspruch sind nur kleine Gruppen, die sich auf „eigene“ Traditionen, „eigene“ Erfahrungshorizonte und insofern auf eine „eigene Existenzberechtigung“ berufen. Konfusion und Meinungsverschiedenheiten sind dabei nicht zu verkennen. 

Auch die DKP ist als marxistische Partei ohne politischen Masseneinfluß. Sie ist verteidigenswert, da ihr Programm dem wissenschaftlichen Sozialismus Rechnung trägt, wodurch Revisionismus und Dogmatismus bestimmte Schranken gesetzt werden. Auf der Grundlage marxistischer Programmatik könnte sie in Präzisierung ihrer antimonopolistischen Strategie den revolutionären Ausbruch aus dem spätkapitalistisch-imperialistischen System erarbeiten.

Der „RotFuchs“ hat im linken politischen Spektrum der BRD und darüber hinaus einen außergewöhnlichen Klärungsbeitrag geleistet. Hierzu ist auf das Interview mit Dr. Klaus Steiniger zu verweisen, das die „junge Welt“ am 18./19. Februar 2012 veröffentlichte. Auch im „RotFuchs“ leistete und leistet dessen Chefredakteur einen profunden Beitrag zu unserem Thema „Was tun heute?“ Kommunisten, Sozialisten und andere Demokraten mit und ohne Parteibuch wurden durch eine Reihe von Leitartikeln zu schöpferischem Nachdenken angeregt und im Interesse unserer gemeinsamen sozialistischen Sache zum Handeln motiviert. 

Lenin hat 1902 der bolschewistischen Partei mit „Was tun?“ Grundlagen für eine progressive Nutzung der welthistorischen Situation geschaffen. Kern seines Denkens war die Formierung einer revolutionären marxistischen Partei, die sich theoretisch auf der Höhe ihrer Zeit befindet und zugleich allen Versuchen widersteht, auf die schiefen Bahnen des bürgerlichen Sozialreformismus und der Spontaneität zu geraten. Nicht kleinbürgerlicher, sondern wissenschaftlicher Sozialismus stand damals auf der Tagesordnung. Heute sind das für künftige Revolutionen nach wie vor lebenswichtige Anliegen – allerdings unter völlig anderen Bedingungen. In der jetzigen nichtrevolutionären Situation gilt es zunächst „Nägel mit Köpfen“ zu machen. (RF, Oktober 2012) 

Klaus Steiniger wendet sich nachdrücklich gegen „,linke‘ Revoluzzer, deren Sektierertum keine geringere Abweichung vom Marxismus darstellt als die rechtsopportunistische Preisgabe von Prinzipien“. (RF, Februar 2011) Gerade in dieser „Preisgabe“ zeigt sich heute abermals ein zunehmender Trend zur Spontaneität, verbunden mit einem Aufgeben der Parteitheorie von Marx, Engels und Lenin. Im RF wird darauf verwiesen, daß sich niemand einen Gefallen tut, „wenn er aufs hohe Roß eines Alleinvertretungsanspruchs innerhalb der Linken steigt, andere ignoriert und die reale Existenz mehrerer unterschiedlich profilierter kommunistischer Parteien von verschiedener Größe außer Betracht läßt“. (RF, Mai 2012) Ja! 

Hinzu kommt: Bei dem zumindest mittelfristigen Prozeß der abermaligen Herausbildung einer einflußreichen marxistischen Partei in Deutschland handelt es sich um einen komplizierten Marsch zwischen Skylla und Charybdis. Lenins Rat zu folgen heißt, auch hier ein gediegenes Maß an theoretischer und praktischer Vernunft walten zu lassen. Die bestehenden kommunistischen Organisationsformen sollten sich zunächst an einer politischen Blockbildung als Gegenmacht beteiligen, unabhängig von Differenzen, 

die hier an eine nachgeordnete Stelle rükken müssen und perspektivisch auf dem Boden der Klassiker bei Weiterentwicklung des Marxismus unter den Bedingungen unseres Jahrhunderts zu lösen sind. Die präzisierte Formulierung im Programm des RF-Fördervereins: „Einigung – mit dem Ziel der Vereinigung!“ trägt diesem Gedanken Rechnung.

Prof. Dr. Ingo Wagner, Leipzig

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