"Rotfuchs" ohne Tollwut - Mai 2012

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Bei dem folgenden Leitartikel zum Mai-"Rotfuchs" hätte ich zwei Anmerkungen - immer unter dem Gesichtspunkt, dass ich ihm ansonsten zustimme:

1. Die meisten "linken Radikalisten" sind so überzeugt von sich, dass mit ihnen kein Reden ist (Mit einem "Spartakisten" ins"Gespräch" zu geraten, kann das Ende des Tages bedeuten.)

2. Die paternalistische Art, über junge Antifas zu urteilen, halte ich für einen psychologischen Bumerang. Sie führt u.U. zur dauerhaften Spaltung. Wer lässt sich schon gern sagen "Du bist noch jung, du darfst noch übers Ziel hinaus schießen." ... Als Angesprochener empfände ich das als besserwisserisch. 

 

 

 Über Wolkenkuckucksheime Denke ich über „linken“ Radikalismus nach, den Lenin als „Kinderkrankheit im Kommunismus“ charakterisierte, dann steht mir  
 ein bizarres Erlebnis vor Augen. Im Dezember 1989 gehörte ich dem ND-Reporterteam an, das aus der Berliner Dynamohalle  
 vom Sonderparteitag der SED/PDS berichtete. Damals zeichneten sich bereits die Konturen jener Konterrevolution ab, die zum  
 Untergang des Sozialismus in Europa führte und auch das Schicksal der DDR besiegelte. Diese düstere Situation lastete auf Delegierten und Gästen. Während Gregor Gysi mit dem symbolträchtigen „großen Besen“  
 den Marxismus-Leninismus aus der Partei hinausfegte, standen an den Saaltüren junge Leute, die ihre Zeitung „Spartakist“  
 anboten. Deren Hauptschlagzeile lautete: „Für ein rotes Sowjetdeutschland in einem roten Sowjeteuropa!“ Ein älterer Genosse meinte sarkastisch: „Die errichten den Kommunismus auch noch auf dem Mond – ohne Rücksicht auf die dort fehlende Atmosphäre.“ Als Marxisten haben wir den Bau von Wolkenkuckucksheimen, in die andere dann ihre Kukkuckseier legen, stets  
 zurückgewiesen. Subjektives Wollen – so redlich die Motive der Akteure auch sein mögen – führt ohne nüchterne Analyse  
 der realen Situation in die Irre.  
  Lenin behielt bei konsequenter Ausnutzung jeder sich im Klassenkampf bietenden Chance stets das jeweils Erreichbare 
  im Auge. Eindringlich warnte er vor „kommunistischem Hochmut“ und forderte dazu auf, niemals im Überschwang der  
 Gefühle die Bodenhaftung zu verlieren. Während er jene verspottete, welche die Kraft der Kommunisten mikroskopisch 
  zu verkleinern suchten, warnte er seine Kampfgefährten zugleich vor der Gefahr, den Gegner zu unterschätzen und die  
 eigene Potenz durch ein Vergrößerungsglas zu betrachten. „Linke“ Phrasendrescherei und die Ausgabe lebensfremder Parolen sind nicht minder schädlich als rechter Opportunismus.  
 Andererseits schließen Prinzipienfestigkeit und Toleranz gegenüber fairen Andersdenkenden einander nicht aus. Ich erinnere  
 mich an die Bemerkung eines in derlei Dingen erfahrenen Genossen, der mir vor einem Einsatz als ND-Auslandskorrespondent ans Herz legte:  
  „Wenn Du Leuten begegnest, die unseren Standpunkt nicht teilen – und das ist die Mehrheit –, dann höre sie an, laß sie 
  aussprechen, falle ihnen nicht ins Wort und sage erst danach das Deine. Aus marxistischer Sicht, versteht sich.“ Natürlich  
 hatte er nicht jene notorischen Brunnenvergifter im Auge, denen man von Beginn an Paroli bieten muß. Seine Bemerkung  
 richtete sich gegen Intoleranz und Rechthaberei um jeden Preis. Denn Prinzipienlosigkeit ist ebenso schädlich wie  
 besserwisserische Prinzipienreiterei jener, die sich für besonders avantgardistisch halten, wenn sie Revolution mit drei R schreiben. Dialogbereitschaft und die Fähigkeit, sich einer auch anderen zugänglichen Sprache  
 zu bedienen, sollte nicht durch flachen Jargon und rhetorische Höhenflüge verdrängt werden. Marxisten müssen keinerlei Ikonen vor sich hertragen. Jene, die ihr Handwerk verstehen, werden auch ohne Pomp und Gloria wahrgenommen und  
 anerkannt. Es gibt im Deutschen zwar das Wort Personenkult, nicht aber den Begriff Persönlichkeitskult. Mit anderen Worten: 
  Nur kleine Bahnhöfe werden groß ausgerufen. Einst erzählte man in Berlin eine humorige Geschichte mit ernstem Hintergrund. Sie handelte von sechs miteinander  
 konkurrierenden Textilgeschäften in der Jerusalemer Straße: Der erste Kaufmann gab seinen Laden als größten der Stadtmitte aus, der zweite nannte ihn den größten Berlins, der dritte nahm schon ganz Deutschland in Anspruch, der vierte  
 verstieg sich zu Europa, und der fünfte glaubte mit der Benennung „größtes Geschäft der Welt“ alle anderen ausgestochen  
 zu haben. Doch erst der Trumpf des sechsten stach: größtes Geschäft in dieser Straße. Übertragen wir die Satire ins Politische: Niemand tut sich einen Gefallen, wenn er aufs hohe Roß eines  
 Alleinvertretungsanspruchs innerhalb der Linken steigt, andere ignoriert und die reale Existenz mehrerer unterschiedlich  
 profilierter kommunistischer Parteien von verschiedener Größe außer Betracht läßt. Wir stehen unverändert für die Zusammenführung von Kommunisten, Sozialisten und anderen engagierten Linken mit 
  und ohne Parteibuch auf marxistischer Grundlage. Im Bemühen um deren Einheit lassen wir uns jedoch nicht von der  
 Vorstellung leiten, kurzfristig etwas übers Knie brechen zu können. Es geht nicht um eine Erweiterung des linken 
  Parteienfächers, sondern darum, die Sammlung kommunistisch-sozialistischer Kräfte fortzusetzen und dabei die Basis 
  wesentlich zu verbreitern. Eine Vorhut ohne Massen ist wie ein Brunnen ohne Wasser. Die Zurückweisung des „linken“ Radikalismus als einer zur eigenen Isolierung führenden Ideologie bedeutet indes  
 keineswegs die generelle Ablehnung von Radikalität besonders junger Antifaschisten mit wachem Klasseninstinkt.  
 Sie haben alles Recht der Welt, am Anfang ihres politischen Weges gewissermaßen „links von sich selbst“ zu stehen. Während wir dem Dogmatismus den Kampf ansagen, weisen wir zugleich das revisionistische Süßholzraspeln jener zurück,  
 die den Kern der Lehre von Marx, Engels und Lenin als dogmatisch-nostalgisch herabzusetzen bestrebt sind. Klaus Steiniger  

 

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