Tacheles reden …

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Die 17. „Cita de la Poesia“ ist Vergangenheit, die achtzehnte, 40 Jahre nach dem faschistischen Militärputsch in Chile will vorbereitet sein. „Dichterbegegnung“ in Berlin als Stadt des Friedens – was heißt das?

Erst einmal: Wir nehmen einander an, fragen, wie wir zu einer gemeinsamen Sprache kommen, wie wir die Erfahrungen unterschiedlicher Kulturen für unser aktives Leben nutzbar machen können. Denn darüber gibt es keinen Zweifel: Sowohl die Dichtung als auch die Wirkung von Dichtung ist in Lateinamerika und Spanien eine andere als im beherrschteren Deutschland. Welcher Dichter erwartete schon bei uns, Gedichte in einem vollen Stadion vortragen zu können und Tausende hören ihm teils andächtig, teils begeistert zu? Wie erklärt man Menschen aus Regionen, in denen Dichtung verschlungen wird wie eine Sonntagmittagsmahlzeit, warum die Begegnung der dichtenden Welt in keiner deutschen Zeitung eine Seite-1-Thema ist, ja, nicht einmal Feuilletons füllt? Allerdings sind die Inhalte auch anders gestaltet: In Deutschland scheint der Typ Poet gesiegt zu haben, zu dessen Würde es gehört, dass ihn nur ein elitärer Kreis Auserwählter versteht. Wehe dem Kollegen, der sich mit seinen Wortwerken verständlich politisch bekennt! Das Ziel der Dichter, die uns besuchten in all den Jahren schien immer zu sein, verstanden zu werden – auch, nein, gerade von denen, die kaum ein Gedicht selbst lesen können. Also gibt es auch weder Scheu vor großen Themen noch vor großen Worten. Pachamama, die Mutter Erde, ist allgegenwärtig. Es ist doch das wichtigste Ziel eines Poeten, was hier als Ehrentitel gilt, aufzurütteln, dass die Kinder eben dieser Erde auch in 500 Jahren in Frieden und Dankbarkeit für ihr geschenkte, geborgte Leben miteinander glücklich sind. Es ist doch zu wichtig, zu sagen, dass man das will, und zu fragen, was man tun soll, damit die mit Worten erträumte Welt eine reale Welt werden kann.

Eine andere Kultur … spontaner, preußischer Planungssicherheit entzogener Menschen.

Ja, die Cita hatte einen Plan, um den lange gerungen wurde. Aber in den vier Cita-Tagen fand keine Veranstaltung genau nach Plan statt. Man muss doch zusammen essen, sich vorstellen, nachklingen oder vorklingen lassen, dass Worte wirken können! Wenn es am Vorabend heißt, morgen wird es früh regnen, dann freut man sich, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof die Gräber von Brecht, Seghers und Erich Arendt, dem Spanienkämpfer und Neruda-Nachdichter besuchen zu können. Wenn es am Morgen dann wirklich regnet, dann trifft man sich lieber später zur Textarbeit … nur dass dann das Wetter einer Teilgruppe doch eine kleine Führung erlaubt … Natürlich kann ein Besuch im KZ Sachsenhausen nicht nach Stoppuhr abgehakt werden, dass man rechtzeitig zur nächsten Textarbeit in der Humboldt-Uni ankommen könnte. Was ist wichtiger: der tiefe emotionale Eindruck oder dass die „nächste Stunde beginnt“?

Wirklich nicht im Plan aufgenommen konnte das Kunsthaus „Tacheles“. Dass wieder einmal und nun vielleicht wirklich endgültig ein Alternatives Kunstprojekt von internationalem Rang im Zentrum Berlins dem Profitinteresse eines an der hervorragenden Lage interessierten Investors zu weichen habe, erweckt bei unseren spanisch sprechenden Freunden sofort die klare Aussage, da müssen wir uns solidarisch zeigen. Und zwar handfest praktisch. Die Veranstaltungsorte sind „fußläufig“ nahe gelegen. Also steht nur die Frage, ob man uns denn praktisch (!) hören wird und schon zieht unsere gemischte Gruppe mit einem kleinen Programm von Liedern und spanisch-deutschen Gedichten in Richtung „Tacheles“-Bühne. Die Versammelten dort hat es gefreut, die Entscheidung fürs Geld dürfte es kaum verändert haben, aber die preußisch-deutsche Polizei zeigte sofort ihr Entsetzen: Dass Gedichte, noch dazu spanische auf der Kundgebung vorgetragen würden, war nicht angemeldet worden! Was haben die hier zu suchen? Arme deutsche Staatsgewalt, die nur entscheidet, ob sie unterdrückt, was sie nicht versteht oder als Widerstand verstanden hat …

Lesungen fanden natürlich auch statt – in der Humboldt-Uni und in einem Begegnungszentrum für „ausländische Mitbürger“. Mit viel Herzblut wurde darum gerungen, dass die, die Sprache des Anderen nicht beherrschten, sowohl den Wohlklang der fremden Worte wahrnahmen als auch die Poesie der lyrischen in die eigene Sprache übertragenen Bilder. Die Bildkraft der fremden Sprache in die eigene zu übernehmen war der Kern der gemeinsamen „Textarbeit“.

Wir merkten, wie würden nie fertig. Aber unsere Spanisch sprechenden neuen Freunde wünschten

sich, im nächsten Jahr wieder zu uns kommen zu dürfen und zwischendurch seien auch wir eingeladen. Vielleicht wird es im spanischen Sprachraum auch eine gemeinsame Anthologie mit Werken der Cita in Berlin geben. Aber für Deutschland ist das nicht wichtig … nur Poeten eben ...

 

Veröffentlicht in Venezuela u.a.

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