Wann ist eine Gesellschaftsordnung reif, durch eine höhere ersetzt zu werden?

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Die materialistische Geschichtsauffassung sucht die Antwort in der materiellen Grundlage der Gesellschaft, also im Entwicklungsstand der Produktivkräfte. Wenn die vorhandenen Produktionsverhältnisse zu Fesseln der Produktivkräfte geworden sind anstatt sie zu zu entwickeln, müssen neue her. Im Grundsatz klar, doch stellt sich die Frage, wann dieser Augenblick erreicht ist. Ganz von der Hand zu weisen wäre die Marxsche Überlegung ja nicht, dass Überproduktionskrisen ein solches Fesselverhältnis darstellten: Wenn eine Gesellschaft es zulässt, dass Waren hergestellt werden, bei denen im Nachhinein festgestellt wird, dass sie vernichtet werden „müssen“, weil sie keinen „Wert“ haben, also gar keine Waren sind, dann hat das System zweifelsfrei einen grundlegenden Defekt.

Trotzdem reichte dieser Defekt erwiesenermaßen nicht aus. Inzwischen existiert die kapitalistische Produktionsweise über 150 Jahre, ohne an ihren Krisen zugrunde gegangen zu sein. Wir ahnen den Hauptgrund: Es müssen innerhalb der Produktivkräfte auch neue „Konstruktivkräfte“ entwickelt sein, die einen solchen Grunddefekt nicht nur relativ kompensieren, sondern ein grundsätzlich besseres Wirtschaften ermöglichen. Das Buch „Gemeinschaft der Glückssüchtigen“ von Slov ant Gali versucht auf allgemein verständliche Weise herzuleiten, warum sich die erst nach dem Untergang des frühsozialistischen Wirtschaftsraums herausbildeten, ergo den damaligen Ansätzen zur Gestaltung eines Sozialismus nicht zur Verfügung standen, heute aber existieren und in krassem Widerspruch zum destruktiven Gesellschaftsüberbau stehen.

Ausgangspunkt der Überlegungen sind Bedürfnisse, die befriedigt werden sollen, und die Art der Tätigkeit, die dazu erforderlich ist. Dabei wird davon ausgegangen, dass urgesellschaftlich eine relative Identität vorlag: Wer immer etwas im weitesten Sinne „herstellte“, wusste um den Nutzen des „Produktes“ im Allgemeinen – eingeschlossen einen für sich selbst.

Die folgenden Klassengesellschaft bedurften einer wachsenden abstrakten Verselbständigung solchen Nutzens. Geld als potentiell beliebige Bedürfnisbefriedigung, Kapital als durch den Produktionsprozess im weitesten Sinn vermittelte Vermehrung seiner selbst.

Erst schleichend, im Kapitalismus schließlich extrem beschleunigt, entstand dabei vergegenständlichte Arbeit, deren Anteil an der eigentlich letztlich anzustrebenden unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung entsprechend stieg. Inzwischen ist dieser Anteil weltwirtschaftlich bereits der überwiegende.

In „Gemeinschaft der Glückssüchtigen“ wird der absolute, der „ideale“ kommunistische Hochpunkt der Relationen als Extrembeispiel herangezogen, der Fall nämlich, dass vor der endgültigen Bedürfnisbefriedigung keine fremde Arbeit mehr steht:

Als Ziel angenommen wird immer, dass jemand Musik hören will, der Hörgenuss das befriedigte Bedürfnis bedeutet. In der Urphase ging dies nur durch die unmittelbare „Produktion“ der Musiker, die also auch direkt ihre „glücklichen“ Hörer erlebten.

In der marktvermittelten Phase wird das Produkt „Musik“ vergegenständlicht. Ob als Schallplatte, Diskette oder einen anderen „Tonträger“ ist belanglos. Entscheidend war, dass dieser materielle Träger erarbeitet und bis zum potentiellen Hörer „vermarktet“ werden musste. Ohne eine zu handelnde Sache letztendlich keine Bedürfnisbefriedigung. (Die Vermittlung über Radio u.ä. sei hier außer Acht gelassen. Der Einfluss des konkreten Hörers auf das erwünschte Musikstück hält sich auch in engen Grenzen. Der Besuch eines Konzertes wiederum befriedigt mehrere Bedürfnisse nebeneinander.).

Heute ist technisch das kommunistische Niveau erreicht: Durch die inzwischen beherrschbaren gigantischen Datenspeichermengen und das Internet, dass prinzipiell jedem Nutzer seinen individuellen Zugangsumfang erlaubt, bedarf es keiner „Ware“ mehr, die sinnvoll gehandelt werden muss. Der Nutzer führt die wenigen Tätigkeiten selbst aus, die ihm sein Bedürfnis erfüllen. Er führt die erforderlichen Downloads durch. Downloadsperren, Kopierschutzmechanismen u. ä. Mittel, die aus der heruntergeladenen Musikstück bzw. dem nutzbaren Programm wieder eine Warenform generieren, haben mit dem eigentlichen Bedürfnis nichts mehr zu tun. Im Gegenteil: Sie stehen der technisch möglichen unbeschränkten Nutzung entgegen.

In jedem Fall von geistigem Eigentum, einem geistigen Anteil an einer Produktion, einem „Programm“, einer „Lizenz“ usw. verhält es sich ähnlich. Einmal auf der Welt existent, „hochgeladen“, veröffentlicht usw. könnten diese Arbeitsergebnisse weltweit uneingeschränkt mittels Digitalisierung und Internet so oft von den Nutzern „heruntergeladen“ werden wie gewünscht. (Nach heutigem Wissen wird man im Unterschied dazu auch im Kommunismus jeden konkreten Apfel nur einmal essen können, muss also jeden neu erzeugen und mit dem Apfelesser zusammenbringen. Besonderheiten kommunistischen Wirtschaftens in einem solchen Fall werden in „Gemeinschaft der Glückssüchtigen“ aber auch zur Diskussion gestellt.) Der Apparat an unterschiedlichen Mitteln, die freie Nutzung vorhandenen „Weltwissens“ zu verhindern, hat inzwischen astronomische Ausmaße erreicht und dürfte in seinem Schaden für die Weltentwicklung bereits die Schäden offener Kriegshandlungen überholt haben. Diese Destruktivkraft antikommunistischen Wirtschaftens wird aber in der Linken nur in Nischenbereichen skandalisiert (Lizenzen auf Tiere, Lebensmittel. Generika-Probleme u.ä.).

 

Die Verantwortung der Linken liegt im allseitigen Nachweis der Überholtheit all dessen, was wir heute „Kapitalismus“ nennen und der Anregung von Diskussionen, wie ein grundsätzlich anderes Wirtschaften „danach“ funktionieren kann. „Gemeinschaft der Glückssüchtigen“ liefert dazu Denkanstöße“.

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