Was wichtig ist für die Zukunft (3)

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      Sah Professor Rösler den Niedergang des "Planungssystems" in der DDR schon mit einem halben Auge zu wenig, so wird daraus "Blindheit", sofern es um die Zukunft geht. Die Einleitung der strittigen Perspektive halte ich schlicht für falsch:

"Denkbar sind drei Varianten: ..."

"Denkbar" sollte erst einmal vieles sein. Nun kann man Professor Rösler zugutehalten, dass er Realist sei und die künftige Planungssituation in die internationale Klassenkampfsituation einbettet, also die zu planende Region in eine feindliche Umwelt. Das sagt er aber nicht. Er tut so, als ginge es um DIE denkbaren (!) Wege sozialistischer Planwirtschaft. Und da erlaube ich mir zumindest eine vierte Variante ins Spiel zu bringen.

Man stelle sich das Ganze als eine Unmenge von unterschiedlich stark ineinandergreifenden Zahnrädern vor. Jedes dieser Zahnräder plant erst einmal für sich. Kern des Ganzen muss eine gesellschaftliche Wirtschaftsplanung sein. Hier wird zum einen die sozial-politische Entwicklung geplant und deren Umsetzung abgesichert. Zum anderen - und hier wundere ich mich über Professor Rösler - muss hier durchgesetzt werden, was als gesellschaftliches Interesse auf der Ebene kleiner Einheiten nicht lösbar ist. Ich greife als Beispiel den Umweltschutz heraus. Der steht betrieblichen Individualinteressen normalerweise im Wege. Er ist insofern betriebswirtschaftlich unwirtschaftlich.

Dazu kommt die Grundlage des Ganzen: Ein breit gefächerter Mix von Eigentumsformen, innerhalb dessen das "gesamtgesellschaftliche Eigentum" vorherrschend sein muss. 

Professor Rösler übersieht die Demokratie fördernden Potenzen des Internet. Es ist heute technisch möglich, dass jeder Interessierte an der Planung sowohl seines "Zahnrads" als auch des gesamten Räderwerks Teil hat. Die Folgen einer falsch geplanten Schraube lassen sich für jeden nachvollziehbar aufzeigen. Zentralplanung muss nicht mehr in abschließender Entscheidung sehr eng begrenzter Führungszirkel bestehen und deren Kommandos. Das war aber der entscheidende Haken des frühsozialistischen Planungssystems. Es ging früher nicht anders - also musste eine freie Einzelentscheidung das Funktionieren des Gesamtsystems in Frage stellen. 

"Grundvoraussetzung für die Einführung wäre der Umbruch der Eigentumsverhältnisse, der eine revolutionäre Lösung verlangt, für die allerdings zur Zeit wenig spricht."

Eigentlich könnte man an dieser Stelle abbrechen: Ohne wesentliche Änderungen der Eigentumsverhältnisse kann man nirgendwo und nirgendwie von "sozialistischen Verhältnissen sprechen. Es gibt nur wenige Bereiche, bei denen ich "kapitalistisches Eigentum" innerhalb sozialistischer Verhältnisse ausschließen würde, aber deren Dominanz muss als politischer Eingriff in ökonomische Verhältnisse erfolgt sein. Eine Sparkasse, die jedem armen Schwein ein Konto zubilligen muss, wird immer effektiver arbeiten als eine Bank, die sich Anlagerosinen herausgreifen darf.

Ein Letztes. Professor Rösler wollte es offenbar nicht so drastisch ausdrücken, aber das Scheitern des realen frühsozialistischen Planungssystems hing natürlich mit einem Doppelproblem zusammen: Die eine Seite der Medaille war der Fakt, dass nur wenige konkrete Menschen reale Planungsmacht hatten, die andere, dass dies tendenziell politisch verengstirnte Menschen waren. Es hilft also, wenn mehr Menschen ihre Ideen technisch in ein vielteiliges Planugssystem einbringen, es ist aber eine kreativitätsfördernde Leitungsstruktur nötig. Wir dürfen uns nicht auf Ausnahmegestalten wie Fidel Castro orientieren, die nach Jahrzehnten in exponierter Stellung noch Wandlungsnotwendigkeiten verstehen und einzuleiten versuchen ... 

 

 

 

Zukünftiges Wirtschaften

Der seit den 80er Jahren von den west- und seit den 90er Jahren von den osteuropäischen Staaten unternommene Versuch, ökonomisch auf der Basis des Neoliberalismus vorwärts zu schreiten, ist spätestens seit dem Versagen der Marktsteuerung in der 2007 beginnenden Weltwirtschaftskrise, eigentlich aber schon mit den sich seit 1990 auch in Westeuropa kontinuierlich verstärkenden, letztlich gesellschaftszerstörerischen sozialen Polarisierungen, fragwürdig geworden. Damit haben die 1989/91 in Europa zeitweise verstummten, nach einem sozial ausgeglichenen und ökonomisch besser funktionierenden antikapitalistischen Wirtschaftssystem erneut Berechtigung und Anziehungskraft gewonnen. Alternativen werden wieder diskutiert.

Allerdings ist ein revolutionärer Umbruch in eine neue sozialistische Wirtschaftsordnung trotz großer Unzufriedenheit und zunehmender Straßenproteste der Massen aktuell nicht sehr wahrscheinlich. Der Weg der Revolution ist auch in der 1929er Krise in keinem Land beschritten worden, obgleich damals in der Sowjetunion ein funktionierendes ökonomisches Gegenbeispiel existierte. Insofern gestaltet sich die Suche nach einer Alternative heute schwieriger als damals.

Denkbar sind drei Varianten: Erstens die Rückkehr zur Zentralplanwirtschaft. Sie wäre insofern eine konsequente Alternative, als sie sozial für Gerechtigkeit und politisch für Ordnung und Stabilität steht. Aber ökonomisch? Die Entwicklung der Produktivkräfte ist über die fordistische Arbeits- und Produktionsweise, in der sie Erfolge errang, hinweggegangen. Den Anforderungen, die eine komplexer gewordene Wirtschaft stellte, ist sie nicht gerecht geworden und kann es selbst bei computergestützter Planaufstellung, die Interessengegensätze zwischen Betrieben und Zentrale ignoriert, kaum werden. Was die globale Vernetzung betrifft, so ist der einzige ernsthafte Versuch überregionaler Regulierung auf zentralplanwirtschaftlicher Grundlage mit der Ablehnung eines zentralen Planungsamtes für den RGW durch die Mehrzahl der Mitgliedsländer bereits 1962 gescheitert. Hinzu kommt: Grundvoraussetzung für die Einführung wäre der Umbruch der Eigentumsverhältnisse, der eine revolutionäre Lösung verlangt, für die allerdings zur Zeit wenig spricht.

Eine zweite Variante sozialistischen Wirtschaftens wäre dagegen etwas – auf makroökonomischer Ebene – völlig Neues: Eine sich in vielen gemeinwirtschaftlichen Zellen organisierende Ökonomie, die von unten zu einer landes- bzw. weltweiten Solidarwirtschaft heranwächst. Sie ist intellektuell verlockend, stellt sie doch in vielem das genaue Gegenteil der real gescheiterten zentralplanerischen Variante sozialistischen Wirtschaftens dar: Darüber hinaus ist sie auch als Ergebnis eines evolutionären Prozesses denkbar. Ein Erfolg bleibt aber zweifelhaft wegen der Komplexität der modernen Wirtschaft und weil noch nicht erprobt ist, wie diese Koordinierung und Interessenabstimmung autonomer Produktionsgemeinschaften im großen Maßstab überhaupt funktionieren kann.

Eine dritte Variante wäre die Wiederbelebung der betriebsorientierten Planwirtschaft. Im Gegensatz zur Zentralplanwirtschaft ist sie weder an unrealistischen Ansprüchen an das Füreinander noch an unzureichender Flexibilität und Innovationsfähigkeit, sondern ausschließlich politisch gescheitert. Natürlich kann es nicht um die Wiederbelebung der konkreten Kombinationen von Plan- und Marktregulierung des NÖS oder NÖM gehen. Mut, diesen Schritt zu gehen, macht aber der – im Vergleich zur Zentralplanwirtschaft – offene Charakter und die Anpassungsfähigkeit dieser Art sozialistischen Wirtschaftens, wobei auch ein evolutionäres Zustandekommen möglich ist.

Aus diesen Überlegungen ergibt sich als Schlußfolgerung, daß man sich beim Studium der zwischen 1920 und 1990 angehäuften Erfahrungen auf die betriebsorientierte planwirtschaftliche Variante konzentrieren sollte, bemüht sein müßte, sehr genau die damalige Funktionsweise, deren Erfolge, aber auch die sichtbar gewordenen Fehler und Mängel zu analysieren. Das wird nicht einfach sein, denn sowohl die Verfechter des zentralplanwirtschaftlichen Modells sozialistischen Wirtschaftens als auch die Protagonisten der totalen Marktregulierung waren in den vergangenen drei Jahrzehnten bemüht zu beweisen, daß die betriebsorientierte Planwirtschaft nicht nur schlecht, sondern eigentlich überhaupt nicht funktioniert hat. Die betriebsorientierte Planwirtschaft sollte aber nicht an Idealvorstellungen des Wirtschaftens füreinander gemessen werden. Vielmehr gilt es zu erforschen, welche Vorteile sie hat gegenüber der nicht mehr den Anforderungen der Zeit entsprechenden Zentralplanwirtschaft und den immer mehr zur Unsteuerbarkeit von Wirtschaft und Gesellschaft tendierenden, von monopolistisch organisierten Globalplayern verzerrten Marktregulierung.

Prof. Jörg Roesler ist Wirtschaftshistoriker und Mitglied der Leibniz-Sozietät zu Berlin; zuletzt erschien von ihm: Geschichte der DDR, Köln 2012, 132 Seiten, 9,90 Euro – auch im jW-Shop erhältlich

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