Wenn die (heimlich) Herrschenden von Klassenkampf sprechen - Die Ausrottung der "Überflüssigen" als Satire (6)

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Nun folgt die bündnistheoretische erste Konsequenz, die nicht so missverstanden werden sollte, dass es Zeit sei für Bündnisse zwischen "ror-rot-grün" unter heutigen Vorzeichen. Die wären nicht nur Selbstaufgabe, sondern vor allem bewirkten sie nicht das vielleicht wirklich noch angestrebte Ziel: Es erfolgte nur stärkere "Selbstausbeutung" ...

junge Welt, 30.04.2013 / Thema / Seite 10Inhalt

Planetarische Herrschaft

Ökonomie. Einblick in die Strategien der Superreichen: Mit ihren Funktionseliten ­entwickeln sie postkapitalistische Machtstrukturen

Von Hans Jürgen Krysmanski
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Generalstäbe und Streitkräfte

»Kapitalismus als System wird für Kapitalisten immer unattraktiver. Die Klügsten unter ihnen suchen nach Alternativen, um ihre Privilegien abzusichern«, schrieb der US-amerikanische Sozialwissenschaftler und -historiker Immanuel Wallerstein. Bei der Untersuchung der Frage, wie sich die »globalen Superreichen« in dieser offenen Situation in der Welt verankern und Überlebensstrategien entwickeln, geht der britische Sozialgeograph Jonathan Beaverstock von der Entwicklung des Private Banking, des Wealth-Managements (»Reichtumsverwaltung«) und anderer Finanzdienste aus: »So wie die Weltstädte zu Stützpunkten für das internationale Kapital geworden sind, so werden sie auch die Orte, an denen die Superreichen sich mit exklusiven und privilegierten Zirkeln des Private Banking und Wealth Managements kurzschließen.« Das sind die Generalstäbe, in denen Vorbereitungen für alle Eventualitäten getroffen werden können.

Die Strategien des Wealth Managements dienen also einerseits der Absicherung des kapitalistischen Akkumulationsprozesses. Andererseits werden hier Pläne erarbeitet, wie Kunden für alle möglichen Fälle abgesichert werden können. So ist ein riesiger Apparat entstanden, einschließlich Tausender Stiftungen und Thinktanks: »Unsere Klienten werden immer nach Diversifikation, breit angelegten Aktivitäten der Privatbanken, spezialisierter Expertise, High-Quality-Service, Diskretion und Domizilen mit relativ hoher ökonomischer und politischer Stabilität streben« (Global Wealth Report 2012, Boston Consulting Group).

Hinzu kommen die weit verzweigten eigenständigen Netzwerke des großen Kapitals. Eine Forschergruppe am Lehrstuhl für Systems Design der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich hat diese Streitmacht mit systemanalytischen Methoden untersucht: »Wir haben herausgefunden, daß bestimmte transnationale Konzerne eine gigantische Struktur bilden, deren eng geknüpfter Knoten eine Kontrollzentrale der wichtigsten Finanzinstitutionen ist.« Aus einer Datenbank, die drei Millionen Unternehmen und Investoren weltweit auflistet, waren alle 43060 transnationalen Konzerne und deren Anteilseigner herausgefiltert worden. Auf dieser Grundlage wurde ein Modell konstruiert, das nachzeichnete, welche dieser Firmen mittels Anteilseigentum Kontrollmacht über die übrigen ausübten. Die Untersuchung ergab einen Kern von 1318 Unternehmen mit ineinandergreifenden Eigentumsbeziehungen. Und obwohl diese Kernkonzerne nur 20 Prozent aller weltweit anfallenden Betriebsgewinne ausweisen, scheinen sie gemeinsam die Mehrheit der großen Blue-Chip-Unternehmen weltweit, also der Realökonomie zu vertreten. Und als das Forscherteam dieses Geflecht von Anteilseigentum (und Anteilseigentümern) weiter aufdröselte, stieß es auf eine Superentität von 147 noch enger miteinander verwobenen Unternehmen, die meisten davon Finanzinstitutionen. Im Endeffekt kontrollierten demnach weniger als ein Prozent der Konzerne 40 Prozent des gesamten Netzwerks.

Für manche Beobachter besteht der Wert dieser Züricher Analyse vor allem in der Erkenntnis, daß dieses ökonomische System durch seine Netzstruktur außerordentlich stabil und zugleich flexibel ist – und deshalb bestens geeignet sowohl für den Bewegungs- als auch für den Stellungskrieg. Die Züricher Forscher selbst sind sich da nicht so sicher. Man habe ja im Jahre 2008 gesehen, wie instabil solche Netze – gerade weil sie so engmaschig sind – werden können: »Wenn ein Unternehmen Probleme bekommt, breitet sich das sofort aus.« Und ein anderer Experte für komplexe Systeme sagt: »Es ist beunruhigend zu sehen, wie eng die Dinge in Wirklichkeit verkoppelt sind.« Das jedenfalls ist die von Privatinteressen bestimmte, höchst widersprüchliche Systemwelt, zu der es der Kapitalismus bislang gebracht hat.

Es gibt aber auch noch eine Chaoswelt des Kapitals, eine Welt der Usurpatoren, Diktatoren, Gangster. Nehmen wir das Beispiel Kasachstan. Das neuntgrößte Land der Erde besitzt enorme Öl- und Gasreserven, außerdem Gold-, Mangan- und Kohlevorkommen. Es ist einer der größten Uranproduzenten. Durch seine Lage an der Trennlinie zwischen Europa und Asien ist es ein wesentlicher Faktor bei langfristigen Energie- und Handelsplanungen in dieser Region. Aufwendige Konferenzen ziehen hochkarätige Redner an wie den Exbundespräsidenten Horst Köhler, den türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan, Vertreter der UNO, des IWF, CEOs (geschäftsführende Vorstandsmitglieder) der großen Ölkonzerne, Nobelpreisträger usw. Als Transparency International jüngst berichtete, daß Kasachstan zu den korruptesten Ländern der Erde zähle, verkündete der auf Lebenszeit »gewählte« Präsident Nursultan Nasarbajew einen »heiligen Krieg« gegen den Filz. Er selbst und seine Verwandtschaft waren dabei selbstverständlich ausgenommen. Das russische Magazin New Times schätzt, daß das in den letzten Jahren zusammengeraffte Vermögen der Familie sich alles in allem auf etwa sieben Milliarden Dollar beläuft.

Mein Anteil zur Gegenwehr liegt inzwischen vor: 

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Veröffentlicht in unsere Epoche

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