Wer redet denn heut noch von Klassenkampf?! (3)

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Das Problem der Leninschen Klassendefinition beginnt, wenn man die damit vorgegebene Reihenfolge der Kriterien als vorgegebene Rangfolge auffasst.

Eine ökonomische Klasse ist einfach erst einmal etwas Objektives. Man kann sie für eine konkrete Situation immer nur konkret definieren, indem man die Frage beantwortet, welche unterschiedliche Stellungen innerhalb einer Gesellschaft gibt es, die unabhängig von allem Individuellen ein gemeinsames Interesse gegenüber anderen Gruppen in der jeweiligen Zeit generieren. Der Rest ist relativ und umstritten, angefangen bei der Frage, was eine „GROßE Gruppe“ ist.

Erstes Kriterium in allen „Klassengesellschaften“ ist das grundsätzliche Verhältnis zu den Produktionsmitteln: das Eigentum.

Die Sklavenhaltergesellschaften basierte auf einer zahlenmäßig wirklich großen Klasse, deren „Verhältnis zu den Produktionsmitteln“ in erster Linie darin bestand, selbst die von Anderen besessenen Produktionsmittel zu sein.

Normalerweise erwächst allerdings die unterste Klasse einer historischen Gesellschaft aus ihrer „Eigenschaft“, keine Produktionsmittel zu besitzen.

Dies kann sich aber auch mit jener Menschengruppe „überlagern“, die im Wesentlichen jene Produktionsmittel besitzen, an denen sie arbeiten, und die in ihrem Umfang zur eigenen Reproduktion gedacht und geeignet sind. Das klassische Beispiel waren die „feudal abhängigen“ Bauern. Das Bestimmende dieser Klasse ist der von Anfang an fesselnde Charakter des Besitzes. Welche unterschiedlichen Formen der konkreten „juristischen“ Abhängigkeit sich auch herausgebildet hatten (z.B. „Leibeigenschaft“), ihnen vorgelagert war immer, dass diese Bauern an „ihr“ Stück Land gebunden waren. Während bspw. dem Ritter seine Waffen als „Produktionsmittel“ einen räumlichen und zeitlichen Verwendungsspielraum ließen, war der Bauer darauf angewiesen, auf seiner Scholle zu einem bestimmten Zeitpunkt konkrete Verrichtungen zu bewältigen. Im Unglücksfall reichte nicht einmal dies und Regen zur falschen Zeit verhinderte sättigende Ernte. Ja selbst die einzelnen konkreten Tätigkeiten schrieb die Art des Besitzes vor. Das verschlechterte in viellerlei Hinsicht die Möglichkeit zum gesellschaftlichen Handeln als Klasse. (Unterstrichen: Merkmal einzelner Klassen kann also sein, dass die Besonderheiten ihrer Klasse verhindern können, als Klasse wirksam zu werden. Dieser „Kuriosität“ wegen meinte Karl Marx im „doppelt freien Lohnarbeiter“ jene Klasse gefunden zu haben, die erstmals Klassenherrschaftsverhältnissen ein Ende bereiten könne.)

 

Nicht so unmittelbar aber in weitem Sinn ähnlich ist dies im weitesten Sinn beim „Handwerk“ bzw. dem „Kleinbürgertum“. Seine Besonderheiten sollten wir noch genauer beleuchten, weil diese „Klasse“ in modernen Gesellschaften eine eigentümliche Renaissance erlebt. Sie wurde und wird häufig unterschätzt, weil sie eine „Zwischenklasse“ darstellt, deren Angehörige sich mit besonderer Berechtigung durch die angestrebte oder befürchtete Zugehörigkeit zu den „Extremklassen“ definierten. Der kleine Bürger hoffte eben, ein großer Bürger zu werden und fühlte sich bedroht, zum einfachen Arbeiter auf Dauer zu werden. Letztere Rollen hatte er ansatzweise als Stift und Geselle bereits erfahren.

Veröffentlicht in Theorie

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