Wie im "Rotfuchs" auf die DDR-Entwicklung zurückgeblickt wird ...

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... und wie es UNS zusteht - also wie mir der Ton gefällt, weil er die Orientierung in UNSERE Zukunft eröffnet:

Als das „Ohr an der Masse“ taub wurde

Über fremde Knüppel und eigene Fallstricke

 

Die „Unangepaßten Überlegungen“ Günter Glantes aus Gera („RotFuchs“ Nr. 180) kann ich nachvollziehen und finde sie gar nicht unangepaßt. Es wäre allerdings manches hinzuzufügen, wenn man nach den Ursachen unserer Niederlage fragt. So wurde die Diskrepanz zwischen der von den Bürgern erlebten Realität und in den Medien einseitig dargestellten Erfolgen bei der Planerfüllung immer größer. 

Die sich daraus ergebende Unzufriedenheit der Bevölkerung verstärkte sich begreiflicherweise. Die Parteiführung nahm die Mißstimmung entweder nicht wahr, verdrängte sie oder stellte sie sogar in Abrede. 

Das berühmte „Ohr an der Masse“ war weitgehend taub geworden. Enttäuscht, fühlten sich viele hintergangen und suchten zunehmend Antworten auf ihre Fragen bei westlichen Medien, deren Einfluß auf das Denken vieler DDR-Bürger beträchtlich wuchs. Bekanntlich hatte deren sich negativ entwickelnde Einstellung zu ihrem Staat dramatische Folgen.

Unterdessen war der Umgang mit Andersdenkenden, die anfangs nur kritische Fragen stellten und mehr Ehrlichkeit einforderten, von wachsender Intoleranz geprägt. So zeugten wir in gewisser Weise unsere inneren Feinde selbst.

In der Wirtschaft hatte Günter Mittags autoritärer und administrativer Führungsstil mehr und mehr um sich gegriffen, wobei das von ihm ausgehende Kommandosystem keineswegs nur auf seinen unmittelbaren Verantwortungsbereich in Führungsgremien der Partei beschränkt blieb. Es wurde von ihm auch im Wirtschaftsausschuß der Volkskammer, dessen Vorsitz er innehatte, auf unerträgliche Weise praktiziert.

Ein ähnlicher Stil war durch den 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin Günter Schabowski eingeführt worden. Später befiel ihn bekanntlich eine rasch fortschreitende Amnesie, die in erstaunlichen Kapriolen gipfelte. 

Die sozialistische Demokratie wurde immer häufiger außer Kraft gesetzt und entartete schließlich zu einer Weisungspolitik, die dem programmatischen Wollen der Partei diametral entgegenstand. 

Diese Steilvorlage nutzten antisozialistische Kräfte im Lande selbst, vor allem aber die westlichen Medien in ihrer gegen die DDR gerichteten Stimmungsmache weidlich aus. 

Während es in den ersten Jahrzehnten des Bestehens der DDR eine offene Atmosphäre in der Partei und eine lebendige Suche nach Lösungsvarianten für anstehende Probleme gegeben hatte, was eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Parlament und Regierung bewirkte, reduzierte sich der ursprünglich kritische Geist im Umgang miteinander schließlich auf die nichtssagende Formel, man müsse „in Ordnung bringen, was noch nicht in Ordnung“ sei. Dabei blieb offen, um was es tatsächlich ging.

Einen schweren Schlag erlitt der politische Einfluß der Partei nicht zuletzt auch durch die in den 80er Jahren praktizierte Art der Vergabe von Wohnungen. In Berlin errichtete man große Neubaubezirke, in denen der Mieteranteil von SED-Mitgliedern und gesellschaftlich aktiven Kräften aus anderen Blockparteien sehr hoch war, während der Einfluß der Partei in den Altbaugebieten gleichzeitig dramatisch sank. 

Ein übertriebenes Sicherheitsbedürfnis führte zu ungesunder Einengung des Wirkungskreises führender Genossen, was ihre politische Ausstrahlungskraft erheblich einschränkte Die auf einen Umsturz in der DDR hinarbeitenden Kräfte hatten durch all das am Ende leichtes Spiel, wobei wir zu ihnen leider auch manche rechneten, die dort weder hingehörten noch hätten eingeordnet werden dürfen. 

Nach der Konterrevolution begegneten mir etliche als „Bürgerrechtler“ negativ bewertete Persönlichkeiten, die sich keineswegs als Sieger empfanden, sondern die eingetretene Situation sogar eher bedauerten. Mit ihnen hätte rechtzeitig ein freimütiger und vertrauensvoller Dialog geführt werden müssen, statt sie vorschnell als Feinde abzustempeln. Ich möchte als Beispiel Stefan Heym erwähnen, der zu DDR-Zeiten mißtrauisch beäugt wurde, dann aber in hohem Alter als Mitglied der PDS-Fraktion des Bundestages für eine gerechte Gesellschaftsordnung stritt. Trotz mancher Blessuren hatte der Schriftsteller in Interviews mit westlichen Medien aufnehmbare Signale seiner Loyalität gegenüber der DDR ausgesandt, die leider überhört oder nicht verstanden worden waren. 

Alles in allem: In der DDR vollzog sich ein Prozeß teilweiser Diskreditierung einer großartigen Idee, bei deren Umsetzung wir trotz objektiver Schwierigkeiten und zahlloser Knüppel, die uns von den „Brüdern und Schwestern“ im Westen zwischen die Beine geworfen wurden, schon weit vorangekommen waren.

Wenn wir eigene Fehler ehrlich benennen und die Vergangenheit in selbstkritischer Redlichkeit aufarbeiten, dürfen wir unser Licht nicht unter den Scheffel stellen. Es gilt, energisch gegen jede Diffamierung der konsequent antifaschistischen Politik der DDR, ihres Wirkens für Friedenserhaltung und soziale Gerechtigkeit Front zu machen, gleich, woher die Attacken auch kommen mögen – ob von geschichtsklitternden Knaben in Hohenschönhausen oder von Anpassern in sich als linksorientiert betrachtenden Parteien.

Rudolf Krause, Berlin

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