Wutbürger oder ein deutsches Desaster

Veröffentlicht auf

Ist das bescheuert schwer. Zu dem Artikel im Feuilleton der gestrigen "junge Welt" möchte ich etwas anmerken, habe aber besonders viel Sorge, es wird missverstanden.

Also: In gewisser Weise ein hervorragender Artikel, der unbedingt aufmerksam studiert werden sollte. Im Wesentlichen sind die dargestellten Verhältnisse zutreffend. Das erste Problem sind allerdings die durchaus satirisch zu nennenden Zuspitzungen. Da der gesamte Artikel als gesellschaftswissenschaftliche Analyse daherkommt, wird es eben schwierig.

Problematisch ist die Konsequenz des Artikels.

Ja, ich stimme ihr irgendwie zu: Sollte es zur Welle weltweiter Revolutionen mit sozialistischer Orientierung kommen, könnte Deutschland die Schlafmütze aufhaben und u.U. zu den letzten Organisatoren imperialistischer Systemerhaltungskriege gehören. Und es ist richtig, dass an dieser Sorge die Verfasstheit das im jW-Artikel skizzierte Bürgertum eine Hauptschuld trägt.

Im Sinne unserer Klassenkampfinteressen halte ich einen solchen Artikel, wenn er eben nicht in einem ausgewiesenen Satiremagazin veröffentlicht wird, für kontraproduktiv. Sich aus der Warte des Arbeiterklassen-Klassenstandpunkts darüber lustig zu machen, dass mit Illusionen beladene eigentlich brave Bürger, wenn sie ihre Demokratievorstellungen ernst nehmen, Pfefferspray, Wasserwerfer und Knüppel zu spüren bekommen, ist eine "tolle Leistung". Dazu noch: Erst abwarten, bis sich besagte "Wutbürger" erstmal wieder kuschend in ihr kleines Eigenheim zurückgezogen haben. Dann drauf einschlagen. Wirklich feine Leistung! Rache für das eigene Unvermögen, in solchen öffentlichen Anliegen wie "Stuttgart 21" eine klassenkämpferische "Führungsrolle" verpasst zu haben - auf der ganzn Linie?!

Hier muss ich dann doch den besserwisserischen "weisen Uhu" spielen: Wenn es nicht gelingt, solche bewegungsbereiten Teile des "Kleinbürgertums" zur gemeinsamen antiimperialistischen Aktion zu gewinnen und sie in wesentlichen Teilen von der objektiven Ähnlichkeit der "Klasseninteressen" zu überzeugen, bleibt uns der "Klassenkampf" im Halse stecken. Wir gewinnen jedenfalls nichts, wenn wir potentielle Bündnispartner dem Gelächter preisgeben wollen, weil die keinen Klassenstandpunkt haben.

Ob die Prägung "Prekariat" als neue "Klasse" an Stelle der "Arbeiterklasse" die Lösung ist, darf diskutiert werden, ist kein Goldweg. Aber zumindest ist es ein Weg, kleinbürgerlichen Individuen zuzurufen "Schaut doch: Ihr seid doch auch, vielleicht noch mehr als wir PREKÄR beschäftigt. Gehören wir da nicht zusammen?"

Und eine Aussage im Text halte ich für falsch: Hagen Bonn geißelt "Egomanie" als Gegenstück zum Klassenkampf. Wir werden den "Klassenkampf" aber immer neu verlieren, wenn wir die Möglichkeit übersehen, dass "Kommunismus" auch ein Entfaltungsfeld von Egomanen sein kann. Hier steckt die abzuwerfende Vorstellung einer Ameisensolidargemeinschaft dahinter. Warum können wir nicht den "Ich will doch nur ..." als Form des normalen zukünftigen Zusammenlebens einbeziehen? Wir wollen doch letztlich eine klassenlose Gesellschaft, wo sich grundlegende menschliche Solidarität auf anderen Feldern ausprägt. Nehmen wir unsere Nachbarn an! Sie sind anders. Wir auch.

 

"Angst macht mobil

Veröffentlicht in politische Literatur

Kommentiere diesen Post