Zu 2014: Wie sieht man Geschichte an? (2)

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... Schlimm wird es, sobald die Geschichte eines Landes für die Produktion eines Wir-Gefühls eingesetzt wird. Denn das beginnt ja mit der Frage, wer oder was ist denn „WIR“.

Die Menschen dieser Erde wohl in den aller seltensten Fällen.

Diese Wir-Geschichte wird von allen Geschichtsvermittlern angewendet. Das beginnt wieder mit der Auswahl der Inhalte. Nehmen wir als Beispiel das Jahr Null „unserer Zeitrechnung“. Wer weiß dann etwas zur reichen Kulturgeschichte, auf die damals z.B. China und Indien zurückblicken konnten. „Unsere Kultur“ ist nur eine Entwicklungslinie von vielen.

Wer führte wann gegen wen warum Krieg und mit welchem Ergebnis? Soll ich mich als Verlierer des 2. Weltkriegs fühlen? Musste ich kapitulieren?

Es wird heutzutage als „verordneter Antifaschismus“ der DDR verunglimpft, was doch eine fast göttliche Gnade gewesen ist. Die Sowjetsoldaten brachten ein paar aufrechte Kommunisten mit, die den Menschen in ihrem neuen Machtbereich gönnten, mit ihnen ein WIR zu sein. Der junge Familienvater, der mit schnell vergessener Begeisterung den Bolschewismus aus den beinahe neuen deutschen Ostgebieten zu verjagen versucht hatte, durfte sich nun als befreit vom Faschismus fühlen – und eins mit denen, die so opferreich gegen ihn gekämpft hatten. Weil das neue WIR sagte „Du bist doch kein Ausbeuter“.

Vorbei. Jetzt hat jeder ein Stück Deutschland zu sein, ein wieder begeistertes Stück Wunderwaffe gegen den Rest der Welt. Deshalb haben WIR vorübergehend kapituliert und können nun allmählich wieder Verantwortung übernehmen. In Jugoslawien angefangen, für Tanklastpiraten bei Kundus oder ähnlichen Subjekten ohne deutschen Pass vor Somalia usw.

WIR wurden nunmehr vertrieben – was ja nichts Anderes heißt, dass die ANDEREN die Bösen waren und sind. Russen, Islamisten oder andere Isten.

Und es ist wieder eine ruhmreiche Schlacht der Germanen-Deutschen, die die Römer schlugen, und die freiheitsliebenden Deutschen siegten in der Völkerschlacht bei Leipzig.

Wischen wir einmal zur Seite, dass beide Ereignisse ihre propagandistische Ausschlachtung übelster Weise schon erlebt hatten, so sollte man eines nicht vergessen: Beide Schlachterfolge basieren wesentlich auf Verrat und der Übernahme des kulturellen Fortschritts der Nachbarn. (Arminius verriet seine römischen Herren sowie die Sachsen während der Schlacht erst aus Napoleons Reihen ausscherten. Arminius vermittelte das Wissen der Römer, die preußischen Reformer das des bürgerlichen französischen Heeres.)

Wie lange wird es dauern, bis sich endlich die Erkenntnis durchsetzt, dass es für die Weltgeschichte entscheidend ist, dass der Triumph der Krupps nicht der der einfachen Deutschen ist? Dass „WIR“ heißt Mensch. Seinerzeit haben Krupps Kanonen auf beiden Seiten geschossen. Und ob nun ein Deutsch-Europa besser ist als ein altes Deutschland – nicht nur die Leichen von Lampedusa haben eine eigene Meinung dazu, dass sie Europäer dadurch werden durften, dass sie ersoffen sind.

 

Wie groß ist meine Angst, dass WIR es nicht schaffen werden, eine richtig schön langweilige Geschichte zu beginnen, in dessen Rampenlicht einfach Leute stehen, die für ein Stück Fortschritt der Menschheit verantwortlich zeichneten ...

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