Zwischen Ulbrichts Todestag, dem Tag des Gedenkens an den ersten Atombombenabwurf und dem 13.August

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Eigentlich hängt mir das Thema zum Hals heraus. Die Absonderungen der Geschichtslosen zwingen aber zur Stellungnahme. Diesmal ist des die Idee aus der Berliner CDU, das Grab Walter Ulbrichts zu schleifen (BZ geifert). 

Ich gebe zu ich hatte selbst eine Versammlung zahnloser Greise bei der Tauerfeier erwartet - wer da war, weiß, dass die dort Versammelten eben NICHT Lebensgefährten Ulbrichts waren, sondern Jüngere, die sich das eigenständige Denken nicht verbieten lassen. "Ewiggestrige" ist ein beliebter Vorwurf, die ihren Blick in die Zukunft mit der Kenntnis der Vergangenheit verbinden und dem Versuch, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Entsprechend müsste man die "Anderen" als "Geschichtslose" bezeichnen.

Man kann streiten, in welcher Verbindung man das Leben Ulbrichts, die Atombombenabwürfe und den "Mauerbau" sehen sollte - dass da ein enger Zusammenhang besteht, nenne ich unbezweifelbar.

Wer Ulbricht aus dem Umfeld seine Zeit löst, will ihm Unrecht tun. Dieser Mensch unterschied sich praktisch in seinem Handeln von der Masse der "Deutschen". Er ist weder zum faschistischen Täter geworden noch hat er still schweigend geduldet. Mit sicher überzogenen Hoffnungen hat er von den Schützengräben der anderen Seite her versucht, deutsche Soldaten zum Niederlegen der Waffen zu animieren. Getrieben von kommunistischer Ideologie nahm er den Wunsch, von deutschem Boden möge nie wieder ein Krieg ausgehen, nie wieder möge "eine Mutter" (also nicht nur eine deutsche) ihren Sohn beweinen, bedingungslos ernst. Mit solcher Überzeugung kehrt ein Mensch in seine Heimat zurück und hofft auf Verwirklichung seines so menschlichen Traums.

Das erste, was da passiert, sind eben jene Atombomben auf Zivilisten. Diesmal nicht von den im Wesentlichen geschlagenen Faschismus-Mächten, sondern von den amerikanischen Imperialisten.

Ist es da nicht logisch, einen "Schutzwall" aufziehen zu wollen, der den Einfluss der alten und neuen Täter von dem Land fern hält, dessen Entwicklung er nun selbst beeinflussen kann???!

Ohne den großen Weltmachtpoker wäre klar: Der 13. August war ein geschichtlicher Fehler. Nicht, dass es ihn gab, sondern dass es ihn nicht schon 1952 gab. Welche Traumtänzerei diese "Stalin-Note"! Natürlich wäre ein neutrales friedliches Gesamt-Deutschland wünschenswert gewesen, wie darin gefordert. Aber der Preis, die DDR zu opfern, wäre entschieden niedriger gewesen als die Macht, die das größere Westdeutschland längst darstellte und in naher Zukunft im Weltmaßstab darzustellen versprach. Es war also weniger persönliches Machtkalkühl, dass sich die Regierenden beider deutscher Staaten gegen ein unter den Neutralitätsprinzipien vereinigtes Deutschland stellten, nicht primär die Ulbrichtsche Erwartung, fern der eigenen Ziele künftig "Opposition" spielen zu müssen. Er hatte schlicht das Illusorische erkannt.

Aber Walter Ulbricht steht eben in erster Linie für das Prinzip des Machbaren. 

Die Logik jeden Staates im Verhältnis besonders zu nicht befreundeten anderen besteht in Abgrenzung. Die Ereignisse, die letztlich im 17. Juni 1953 gipfelten, enthielten ein Paradoxon, das nur erklärbar ist, wenn man die erforderliche Rücksicht auf die Machtspiele des großen Bruders einbezieht. Dampf in Richtung "Aufbau des Sozialismus" zu machen, hätte geschlossener Grenzen bedurft. Es ist ja damit nicht gesagt, dass in den folgenden 8 Jahren nicht noch vieles geschickter hätte angegangen werden sollen. Aber die Verluste, die die offene Grenze dem sich bildenden neuen Gemeinwesen beschert haben, übersteigen sicher selbst den Augenblicksschaden, den der Abbruch jeder Lieferung aus dem Westen natürlich auch bedeutet hätte.

Der Gedanke einer relativ selbständigen Gesellschaftsform Sozialismus war gerade unter dem Vorzeichen der Existenz einer starken Weltreaktion sinnvoll und Zeichen eigenen Denkens. Wir sollten Walter Ulbricht eben nicht als Lügner-Beispiel sehen - das hat er mit den meisten Politikern weltweit gemein - sondern als Beispiel, wie mit Realpolitik im Umfeld übermächtiger Zwänge Machbares erreicht werden kann ... ohne dabei das große Ziel aus den Augen zu verlieren ...

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