politische Literatur

Montag, 9. november 2009
Ich werde heute nur mühsam die Tränen unterdrücken können. Ich hoffe, es gelingt mir, so wie ich hoffe, Schüler des Frankfurter Gymnasiums zu berühren.
Ich muss mich nicht schämen: Mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, kämpfe ich gegen für eine friedliche Welt der Toleranz.
Man sollte den Blick weiten: Die Missachtung des Lebens anderer Menschen, sei es ihres jüdischen Glaubens wegen, sei es wegen angeblichen Islamismus, wegen ihrer Hautfarben, ... was auch immer gehört in die Tonne mittelalterlicher Geschichten und ist doch noch so nahe.
Millionen Deutsche haben zu der "Kristallnacht" zumindest geschwiegen.
Schweigen wir nicht.

Aus meinem Programm:

Slov ant Gali

unsichtbar

 

Wo ich auch laufe,

es gibt kein Entkommen.

Durchsichtig wie saubere Luft

begleiten sie mich.

Die von Deutschen

Gemordeten.

So feige bin ich nicht,

ihnen meine Hand

zu entziehen.

Slov ant Gali

Anne (2)

 

Die


in der Schule


in deinem Tagebuch


lasen,


mitfühlend vielleicht


deine Kellerqual,


mithassend vielleicht


mordende Deutsche,


mitfürchtend vielleicht


Bombenwerfer,


legen nun Teppiche


von Bomben


in Wohnungen


fremder Annen,


bunt geknüpfte


Teppiche aus


Renditen und Dividenden


anderer.


weiter mein Liebesgedicht Anne (1)


und In Schutzhaft

und aus dem Tagebuch eine polnischen Mädchens, dass durch deutsche Kugeln starb.

Wenn wieder Deutsche fremde Menschen töten, habe ich mich wenigstens gewehrt...


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Montag, 9. november 2009

 

This poem was nominated by UN as the best poem of 2008,
>  
> Written
> by an African Kid :
>
>
> When I born, I
> black
> When I grow up, I black
> When I go in Sun, I black
> When I scared, I black
> When I sick, I black
> And when I die, I still black
>
> And you
> white fellow
>
> When
> you born, you pink
> When
> you grow up, you white
> When you
> go in sun, you red
>
> When
> you cold, you
>  blue
> When
> you scared, you yellow
> When
> you sick, you green
> And when
> you die, you gray  
>  
> And
> you calling me colored?



Dieses Gedicht schickte mir mein Freund Asgar Jamneshan als Einstimmung auf den 9. November, den Tag wider das Vergessen, den Tag, an dem wir uns der mörderischen Jagd deutscher Faschisten auf die in Deutschland verbliebenen Juden einnern sollten, dem Tag, an dem öffentlich eingespielt wurde, was dann zum "Holocaust" entfaltet wurde...
Was hat wohl das eine mit dem Anderen zu tun...
This poem was nominated by UN as the best poem of 2008,
>  
> Written
> by an African Kid :
>
>
> When I born, I
> black
> When I grow up, I black
> When I go in Sun, I black
> When I scared, I black
> When I sick, I black
> And when I die, I still black
>
> And you
> white fellow
>
> When
> you born, you pink
> When
> you grow up, you white
> When you
> go in sun, you red
>
> When
> you cold, you
>  blue
> When
> you scared, you yellow
> When
> you sick, you green
> And when
> you die, you gray  
>  
> And
> you calling me colored?

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Montag, 2. november 2009
Genau genommen kann man die Frage sogar böse erweitern. Manchmal stellt sie sin nämlich zugespitzt als "Darf links zu sein Spaß machen? Und wenn es Spaß macht, dann muss es wohl etwas halbseiden Unseriöses sein, denn für Spaß ist die Frage der revolutionären Umgestaltung der gesamten Gesellschaft zu ernst...
Die Antifa, die das mitunter praktisch anders sieht, wird deshalb schon schief angesehen. Und da zu einer Gemeinschaft auch gemeinsame Codes gehören, zu denen wiederum auch bestimmte Kleidung gehört, können DIE nicht in dieser Gesellschaft ankommen (was sie allerdings auch nicht wollen).
Aber eine solche Nische ist durch die Wende zur Deutschland-über-alles-Einheit fast gestorben: Eben die ich nenne es einmal positive Science Fiction oder auf deutch der "wissenschaftlich-phantastische Roman" oder wie es zu DDR-Zeiten mitunter hieß "utopische Literatur".  Manches Werk dieser DDR-Literatur liest sich wirklich antiquiert und "...gewollt...". Im Trend aber zeigte sich durchaus bereits der Versuch, aus gesellschaftlichen Perspektiven, die die damalige "realsozialistische" Wirklichkeit fortschrieb im weitesten Sinne. Und da lag Spannung drin - in dem vermittelten Bild der Begegnung von alten und neuen Welten genauso wie in der Handlung selbst. Denn solche Spannung bedarf nicht unbedingt des gegenseitigen Beballerns von Stenenschiffen. (Wobei dieses Beballern eben den Denkhorizont der Buchschreiber verrät.)
Wo liegt der Planet der Pondos, wo sich unter anderen Voraussetzungen neue Welten entwickeln konnten. Wie könnten neue Welten aussehen, wodurch bedroht, wodurch voran getrieben werden?
Eigentlich ist es die schlichte Aufgabe eines neuen Autor, die Grundpfeiler des HEUTIGEN Systems (Kapital, Staat, Gewalt) aus seiner Welt (wenigstens partiell) zu entsorgen. Was passiert dann?
Und nun kommt der Mut des Verlages auf eben jenem HEUTIGEN Markt. Stehen wir dem amerikanischen Denken machtlos gegenüber? Muss es eine James-Bond-artige Figur sein oder tuts auch eine einfache Uljana Siberbaum oder eine fremdartige Onja, die sich in ungewöhnlichen (und gewöhnlichen) Abenteuern bewähren - und das Bangen um ihr Schicksal herausfordern?
Noch gibt es unsere terransiche Welt...

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Samstag, 31. oktober 2009
Die wahrscheinlich erfolgreichste Legende im bürgerlichen Medienkrieg ist die der Ideologiefreiheit "ihrer" Literatur.
Was "links" sein soll, da steht "links" drauf, wird deshalb im Wesentlichen nur gelesen, die vorher schon zumindest mit "linken" Gedanken sympatisierten und hat - im Glücksfall auch unterhaltend - die Welt und was sie zusammenhält in ihrer Komplexität, Dialektik und geistesgeschichtlichen Entwicklung mindestens seit Marx zu erklären.
Verwundert stellt man gelegentlich fest, dass man unter sich bleibt. Sehr klug bis intellektuell...
In engerem Sinne "Philosophisches" wird aus bürgerlichen Kreisen kaum auf den Markt geworfen. Vielleicht ein paar zynische Sprüche a la Schlotterdick...
Dabei werden schon Kinder und Jugendliche mit permanenten Schrotladungen von "Ideologie" beschossen - ohne dass denen dies bewusst wäre.
Jeder Text, der eine Beziehung von "gut" und "böse" darstellt oder gar begründet, ist unterschiedlich offene "Ideologie". Eigentlich reicht schon ein primitiver Grundgedanke: Die sind eben so von Natur aus. Dann braucht man nicht mehr politisierend dazu sagen, es lohnt kein Versuch der Änderung der bestehenden Ordnung, denn es kann der Natur des menschlichen Wesens wegen keine geben. Das ist unterschwellig dann "logische" Konsequenz.
Ähnlich verhält es sich mit diversen "Superman"-Figuren. Jede Heldenfigur, die ihr Abenteuer nur deshalb meistert, weil sie über Fähigkeiten verfügt, die "normale Menschen" von der Bewältigung großer Aufgaben ausschließt, weil sie diese Fähigkeiten nicht haben oder gar nicht haben können, erzieht geistige Untertanen. Das selbst dann, wenn es eigentlich um ein "revolutionär" anmutendes Geschehen geht.
Erzähltechnisch haben solche Heldengestalten einen wesentlichen Vorzug:
Sie können eben geradezu Unlösbares lösen, beeindrucken durch Action und es ist alles so toll.
Wie aber erreicht man, dass alternatives Denken und Handeln toll gefunden wird?
Eine Forderung ergibt sich aus der Überschrift: Es bedarf spannender Unterhaltungsliteratur, die sich wagt, die Bedingungen alternativer Ethik zu nutzen.
Am stärksten und unmittelbarsten Ethik-fixiert ist Science Fiction.
Das gilt ausnahmlos. Nirgendwo sonst werden Grundauffassungen von "gut" und "böse" derart auf bestimmte Handelnde projiziert wie dort. (Bei Märchen und Phantasy ist die Projektion offene Vereinbarung. Eine Hexe ist eben von vornherein ein Symbol... und wird höchstens durch die Symbolbrechung interessant.)

(muss ich fortsetzen...)

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Dienstag, 27. oktober 2009

VS Verband der Schriftsteller bei ver.di

 

Presseinformation

Der 9. November ist für den Verband der Schriftsteller (VS) bei ver.di traditionell der Tag, an dem Autoren vor allem in Schulen „Wider das Vergessen“ lesen. Sie erinnern damit an die Pogromnacht von 1938.

In Frankfurt (Oder) werden diese Lesungen in diesem Jahr in Zusammenarbeit mit der Bibliothek durchgeführt. Sowohl in der Kinder- und Musikbibliothek als auch im Karl-Liebknecht-Gymnasium werden an diesem Tag Autoren des Brandenburger VS zu Gast sein und vor Schülern lesen.

Till Sailer aus Bad Saarow stellt gemeinsam mit der Bibliothekarin Monika Klauschke Anne Franks poetische Schwester Selma Meerbaum-Eisinger vor.

Ganz ähnlich ist das Grundmotiv der Lesung des Berliner Autors Slov ant Gali. Wir wissen nicht, wie viele Mädchen und Jungen ihr Leben ähnlich genau beschreiben konnten, wie Anne Frank. Er wird ein Mädchen aus Polen, Wanda Przybylska, vorstellen und eigene Texte zum Thema lesen.

Carmen Winter berichtet von einem Schreibprojekt mit Schülern im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz und liest aus den dort entstandenen Texten.


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Dienstag, 27. oktober 2009
Die Dresdner machen Musik und nennen es "kommunistische Kunst". Zu Recht?! Testen!

http://www.kommunistische-kunst.de/pkpv4.htm =

PK-PV 4

 

(Das Flugblatt

26.09.2009 Teil 1

26.09.2009 Teil 2 ) keine Lieder
Lieder ab hier:

junge Welt

Die Wahrheit über dich

Eisnacht

Lehrgeld

Clownsarmee

Vulneror non vincor

 

Aufnahmen aus dem September 2009

Musik von VERITAS


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Samstag, 24. oktober 2009
Zuerst das Positive: Nicht nur, dass es einen "lauter niemand preis für politische lyrik" nunmehr gibt, es haben auch bei dieser ersten Runde schon 691 Autoren Beiträge eingesendet - nach Aussage von Stifter und Juroren nicht nur "lauter Niemands". Und unter denen, die am Mittwoch zur Preisverleihung den Saal füllten war ich endlich eindeutig in der älteren Hälfte.
Die Auswahl der Preisträger bzw. der in dem "Reader" vertretenen Texte lässt allerdings nichts allzu Gutes ahnen.
Nun ist natürlich eine Frage, welchen Geschmack vertreten die Juroren bzw. wlche Kriterien legen sie wie an - bei eine dreiköpfige Jury eine schon etwas einengende Frage. Es schien ihnen in erster Linie auf einen kreativen Umgang mit der Sprache anzukommen.
Das hat Folgen. So bedeutete es auf dem Sektor tatsächlicher politischer Sprache, für "Krieg" einen möglichst "kreativen" Ausdruck zu finden - also einen, der noch "unverbraucht" und möglichst nicht (be)wertend ist.

"...Sie öffnete den Mund in meine
Richtung. empfindsam und verstört.
Hochspannungskörper, nikotinsatte

Luft. Die Geheimnisnummer, das
Konkubinat, nichts stimmte, die Uhr
zeit nicht und nicht die Atmospur."

So klingt eines der Gedichte, geschrieben wie im Original, das der Zweitplatzierte eingereicht hatte.

Was ist politisch???
Diese Frage ist schon eine Frage für sich.
Wenn allerdings ein Preisstifter moniert, "Wir leben sogar in einer einzigartig glücklichen Periode, denn Deutschland ist seit 20 Jahren zum ersten Mal in seiner Geschichte nur noch von Freunden umgeben... Und doch ist ist unter den eingereichten Gedichten kein Dutzend, dass sich an den Erfolgen unseres Landes, Europas wenigstens halbwegs erfreut. Schon gar nicht am wissenschaftlich-technischen Fortschritt, obwohl er uns einen nie gekannten Lebenskomfort beschert hat. Es herrscht eindeutig das Hadern... Pessimismus, Zweifel, ja Verzweiflung...vor", dann ist das Unterfangen schon mit seiner Geburt fast tot.
Umso zufriedener kann man da wenigstens über den Sieger sein, da bei HEL wenigstens klar durchschimmert, wem seine Sympathien gehören, dass der "nie gekannte Lebenskomfort" wohl uneingeschränkt nur für Leute vom Schlage eines Brüsseler Bürokraten, abgeschottet auf Kosten einer unsichtbaren fremden Masse abgehoben zutrifft.

Abgehoben... Das war leider meist das Wort, das die Beiträge unter einem Sammelbegriff zu fassen vermochte. Deutlich war das Bemühen der ausgewählten Autoren, keine "politische" Lyrik, sondern lyrische Pollyrik zu schreiben, für die, die so etwas verstehen.
 Der Stifter jörn sack beruft sich auf Traditionen von Heine, Brecht und Tucholsky. Ich fürchte, die verstorbenerweise als nicht vereidbare Beispielzeugen Zitierten hätten diese "Berufung" entschieden zurückgewiesen. Eher hätte es Gottfried Benn, sofern ihm ein Gedicht an niemanden gerichtet ist sich mit dem Ergebnis identifizieren können. Aber der hätte nun wieder den Hauptpreisträger nicht akzeptiert. Vielleicht hat der es nur geschafft wegen seiner Zeilen: "...Wir wissen nichts / vom stoff des lichts / Wir sind in nacht geschlagen.", die den Autor scheinbar vom Verdacht der Marxismus-Nähe frei sprach (Ätsch: Irren ist menschlich!) erhalten.

Ein Preis für politisch kreative Lyrik steht weiter aus...

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Freitag, 23. oktober 2009

jW - Ladengalerie

  • 28.10.2009: Klartexte

    Buchvortstellung „Klartexte"
    mit Hermann Klenner, Gisela Karau und Werner Wüste

    Moderation: Peter Wolter

    Eintritt: 3,00 €
    ermäßigt:2,00 €

    Es geht um die "Erinnerungsschlacht" zur DDR. Die Texte sind der fundierte Versuch, dem Gespinst aus Lügen, Denunziation und Verleumdung etwas entgegenzusetzen. Kommentare zur zeit aus marxistischer Sicht

    28.10.2009, Beginn 19:00 Uhr

    05.11.2009: Dichterliebe

    Berliner Buchpremiere

    Leben und Werk von Heinrich Heines letzter Geliebter der „Mouche"
    von Heidi Urbahn de Jauregui

    Im Gespräch mit dem Autorin: Stefan Huth (jW)

    Eintritt: 5,00 €
    ermäßigt: 3,00 €

    05.11.2009, Beginn 19:00 Uhr

    07.11.2009: Kampf um die Geschichte – Und der Zukunft zugewandt

    Zum Streit um die DDR

    Tageskonferenz der junge Welt und der Marx - Engels-Stiftung

    mit den Referenten:

    Ekkehard Lieberam
    Georg Fühlberth
    Erich Hahn
    Sebastian Gerhardt
    Gretchen Binius

    Konfernezgebühr (incl. Imbiss)
    10,00€
    ermäßigt: 6,00 €

    verbindliche Voranmeldung erbeten unter:
    mm@jungewelt.de oder 030/ 53 63 55 - 56

    07.11.2009, Beginn 11:00 Uhr

    09.11.2009: aufBRUCH 89 - 9. November

    Berliner Buchpremiere

    Im Herbst 1989 schwoll die Briefflut an die Tageszeitungen in der DDR an. So auch am 9. November an die »Junge Welt«. Ihre Leser schrieben, ohne zu ahnen, dass abends ein Genosse Schabowski während einer Pressekonferenz die Staatsgrenze öffnen würde. Sonst wären einige Zuschriften vermutlich anders ausgefallen. Aber auch so offenbaren sie mit kritischen Meinungen zum Erscheinungsbild des Sozialismus eine neue Qualität. Die Leser erwarteten Antworten auf dessen und ihre eigene Perspektive. Etliche bekannten sich zu seiner Erneuerung, votierten für eine flexiblere Ökonomie und für die öffentliche Diskussion. Andere wollten ausschließlich selbstbestimmt leben, freilich mit dem Wegweiser zu den Ämtern, um ihre Rechte einzufordern. Einige hielten das sozialistische Experiment für gescheitert. Manche schienen die Brisanz des Geschehens nicht zu spüren...

    mit dem Autor und Herausgeber Peter Jung

    Moderation: Arnold Schölzel

    Eintritt:3,00 €
    ermäßigt: 2,00 €

    09.11.2009, Beginn 19:00 Uhr

    12.11.2009: „Die Schrecken des Freudentaumels …"

    ULRICH STETTNER

    „Die Schrecken des Freudentaumels …"

    Abgelehnte Bilder - Mauerbilder - 1989/90

    Ausstellung vom 12.11.2009 - 15.1.2010 in der jW-Ladengalerie


    Eröffnung und Gespräch

    Einführende Worte: Thomas J. Richter

    „Wendetexte": Michael Mäde liest aus seinen Gedichten

    12.11.2009, Beginn 19:00 Uhr


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Samstag, 3. oktober 2009
Johannes R. Becher war in vielerlei Hinsicht keine glatte Persönlichkeit. Schwülstige Pathetik war ihm genauso wenig fremd wie zarte Lyrik und streng gebaute Sonette. Eine Arbeit von W. Näser der Uni Marburg, der sich geierartig auf Bechers peinliche Missbildungen an Stalin stürzt, enthält auch eine Interpretation der Nationalhymne der DDR, deren Text heute im Lyrik-Blog präsentiert wird. Diese Interpretation sollte man insofern beachten, als sie mit Sicherheit von keinem Becher-Verehrer stammt:

1. Schon die erste Zeile zeigt den Bezug zur historischen Aktualität: als Ergebnis des 2. Weltkriegs ist Deutschland ein Trümmerhaufen; nie zuvor hat Europa ein solches Ausmaß von Zerstörung erlebt. Rund 26 Millionen Menschen sind umgekommen; das Land, von dem all dies ausging, gleicht weitgehend einer Mondlandschaft, das in vielen Jahren von klugen Köpfen Geplante und von fleißigen Händen Erbaute wurde zu Staub, viele Kunstschätze wurden unwiederbringlich vernichtet. Nun gilt es, aufzubauen und in die Zukunft zu schauen; es hat jetzt wenig Sinn, mit dem Vergangenen und damit dem Schicksal zu hadern. Deutschland, das Land der Väter, soll in seiner Einheit (die es anzustreben gilt) nur noch Gutes erschaffen. Bezwingen können wir die Not nur mit vereinten Kräften; nur so schaffen wir es (unabdingbar), daß das Leben wieder lebenswert wird und die Sonne - so schön wie nie zuvor - über unserem Vaterland scheint. Das bedeutet: nicht nur neu beginnen, sondern es jetzt besser machen.

2. Soll dieser Neuanfang gelingen und nicht erneut zum Scheitern verurteilt sein, so muß er im Zeichen des Friedens stehen, den die Welt braucht wie nie zuvor. Deshalb müssen wir den Nachbarn die Hand reichen, zu ewiger Versöhnung und dauerhaftem Frieden; in diesem Geiste brüderlich vereint, werden wir all das überwinden, was unserem Volke schaden könnte - so auch alle Bestrebungen, die zu neuen Konflikten und mörderischen Kriegen verleiten. Nur im Lichte eines dauerhaften Friedens braucht keine Mutter mehr ihr Kind zu beweinen, das sie so mühevoll und unter großen Opfern herangezogen hat und das dann von verbrecherischen Elementen in sinnlosem Krieg geopfert wurde.

3. Dieser Strophe liegt die Emblematik der DDR-Fahne zugrunde. Ein mit schwarzrotgoldenen Bändern verzierter Ährenkranz (Symbol all dessen, was das fruchtbare Land den Menschen schenkt) umrahmt hier Hammer und Zirkel, die Symbole handwerklich-technischen Fleißes und Fortschritts (warum nicht auch ein Buch für die Bildung und Wissenschaft?) und zugleich eines polytechnischen Ideals, das, mit dem Ziele einer allseitig gebildeten Persönlichkeit, im Westen nur hier und da innerhalb der Landschulheim-Bewegung (=> Odenwaldschule, parallel zur gymnasialen Oberstufe eine Handwerksausbildung mit Gesellenbrief) realisiert wurde.
In diesem Sinne, sagt Becher, laßt uns pflügen (=> Ährenkranz) und bauen (=> Zirkel für Messen und Planen, Hammer für die praktische Arbeit), laßt uns (in gesunder Synergie von Geist und Körper) lernen und arbeiten wie nie zuvor und - im Vertrauen auf die eigene Kraft (= nicht [wiederum] in fremder Abhängigkeit) - eine neue, freie Gesellschaft errichten. Sind die besten Bestrebungen des Volkes (als Früchte seiner geistigen und politischen Geschichte) in ihr vereint (also pädagogisch angelegt), so kann die Jugend unserem Lande ein neues, besseres Leben bereiten und kann - hier schließt sich der Bogen - (als Resultat dieses fortschrittlichen Neuanfangs) endlich die Sonne (= Symbol des Friedens und Wohlstandes) wieder über unserem Lande scheinen.


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Donnerstag, 1. oktober 2009
Eines des schlichtesten poetischen Gedichte Brechts ist "Der Rauch". Selten ist je so idyllisch überzeugend gesagt worden, dass das schönste, was wir kennen, unser gemeinsames menschliche Leben ist - symbolisiert dadurch, dass eben der Schornstein raucht - hier allerdings im tatsächlichen Sinne.
Ich habe seine Wörter genommen:

Der Rauch

Das kleine Haus
Unter Bäumen am See
Vom Dach steigt Rauch
Fehlte er
Wie trostlos dann wären
Haus, Bäume und See

Was passiert, wenn man ihm vier Wörter nimmt?
Es entsteht Der Rauch, afghanisch. Mit Wörtern von Bert Brecht...

 Das kleine Haus
Unter Bäumen am See
Vom Dach steigt Rauch
Wie trostlos
Haus, Bäume und See



Ein Kriegsgedicht, in dem jedes Bildstück, obwohl von denselben Wörtern beschrieben einen anderen Sinn bekommt.
Mögen wir alle das Unsere tun, dass dieser Sinn mehr "retro" werde als aufsteigender Heizungsrauch in Zeiten von Fernheizung und Solarenergie...


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