Doris Lessing hat es bei ihrer Rede zur Literaturnobelpreis-Verleihung für nötig erachtet, die Bloggerei als Zeichen des Kulturverfalls in der Gegenwart mit Worten zu geißeln. Oh diese Jugend heutzutage! Ein Blogger, der schon nicht mehr zur Jugend, aber noch nicht zur Generation der Alterskonservativen gehört, meinte dagegen, Lenin wäre heute ein begeisterter Blogger.
Vorsichtshalber ein paar Worte zum Einstieg, was denn ein Blog überhaupt ist. Die meisten haben schon von Homepages gehört. Man stellt sich mit einer Haupt- und mehreren Unterseiten im world wide web vor mit Verbindungen (Links) zu interessanten Partnern. Das ist eine relativ starre Sache: Wenn die Seiten erst einmal stehen, dann stehen sie eben. Es besteht wenig Anlass, seine eigene Seite häufig zu besuchen und vor allem besuchen zu lassen. Die Bereitstellung des Platzes (und ggf. die professionelle Einrichtung) kostet den Nutzer (User) Geld. Das Neue an Blogs dem gegenüber ist die angestrebte regelmäßige Veränderung auf der Hauptseite. Beispielsweise kann ich jeden Tag ein neues Gedicht veröffentlichen – das vorige (der letzte Artikel) rutscht dann automatisch eine Stelle weiter zurück ins Archiv. Bei der Artikelfolge verwandelt sich das bzw. der Blog in eine Art Endloszeitung. Am Rand tauchen die relativ stabilen Seiten wie bei einer Homepage auf.
Inhaltlich gibt es keine Beschränkungen (abgesehen von strafrechtlichen), d. h. im Prinzip kann jeder nunmehr sein ganz privates Tagebuch ins Netz stellen, man kann fortlaufend sein Hobby präsentieren, seine Spezialkenntnisse, egal ob echte oder eingebildete, darstellen, Nachrichten kommentieren oder selber welche fabrizieren, seine Meinung aufschreiben, begründen … im Prinzip alles.
Für die Anbieter ist dies eine neue Qualität. Immer mehr, gerade junge Menschen werden so relativ regelmäßig an ihr Medium, die „Blogosphäre“, gebunden. Die Blogger eignen sich nun als Werbeträger – vorausgesetzt, die Artikel werden auch von Anderen gelesen. Keine Frage: Sie werden. Die Zugriffszahlen schwanken extrem. Blogs mit Hunderten und Tausenden regelmäßigen Lesern sind nicht die Ausnahme. Es gibt viele verschiedene Wege, Gemeinschaften („Communities“) gleich Gesinnter zusammenzuführen. Erwähnt werden sollen hier nur die Schlüsselwörter („Tags“), durch deren Sucheingabe man alle die findet, die eben sich bloggend mit „Maulbrütern“ oder „Kommunismus“ beschäftigen. Man hat seine „Identität“ und vernetzt sich mit anderen Identitäten, kommentiert sich gegenseitig. Man tauscht MEINUNGEN aus. Weil diese so persönlich sind, haben sie auch einen höheren Authentizitätsgrad als beispielsweise die „Originalmeldung“ in „Bild“.
Der Anteil der Blogs an der Meinungsbildung wächst rasant – so wie die Blogs rasant anwachsen. Obwohl das Betreiben eines Blogs einen minimalen (wenn auch regelmäßigen), schon gar keinen finanziellen Aufwand bedeutet, es also ein Medium wäre, in dem Linke dem Umfang des real „bildenden“ „Bild“-Einflusses entgegen wirken könnten (wobei der hier für die GANZE kapitalistische Medien-Industrie steht), ist die Zahl derer, die sich in dieses Schlachtfeld um die Köpfe herab bewegt, schmerzhaft gering. Das kann damit zusammenhängen, dass eine „Meinung“ immer ein Stück Komplexität im Wissen opfert, das kann aber genauso gut damit zu tun haben, dass eben diese Linken schlicht diesen Zug der Zeit wieder einmal verschlafen.
Es gehört zur geistigen Selbstverstümmelung der dogmatischen Linken, dass sie mit der Kraft des Beharrens auf gut Gelerntem neue Trends verschlafen – bis die der kapitalistische Mainstream restlos integriert hat. Dann ist es leicht, zu sagen, wir haben es ja schon immer gewusst. Dabei gibt es in der Welt der Erscheinungen, der Erfindungen, der Technik nichts, was sich nicht so … und eben so gebrauchen, also missbrauchen ließe.








